Warum soll man nur einmal lieben?

Denker im Dickicht des Eros, des Triebes und der Ehe
Rezension des Buches "Wenn Eros uns den Kopf verdreht. Philosophisches zum Seitensprung" von Harald Koisser und Eugen Maria Schulak

 

von PETER KAMPITS
veröffentlicht in: Die Presse vom 18. März 2006

 

Eine reizvolle Grundidee: Einmal nicht Psychologen, Soziologen, Meinungsforscher oder Life-Style-Journalisten werden zum Seitensprung befragt, sondern die Meinung von Philosophen wird erkundet. Freilich gehen die Autoren vom Phänomen der Dialektik zwischen einer vor allem unter Jugendlichen immer stärker werdenden Forderung nach lebenslanger Treue und den rasant ansteigenden Scheidungen in den Statistiken aus. Entstanden ist daraus eine feuilletonistische Aneinanderreihung von Meinungen und Zitaten, von antiken Philosophen bis zu Denkern des 20. Jahrhunderts.

Gewürzt wird das Ganze mit einigen teils geistreichen, teils banalen Kommentaren, wobei angesichts der Fülle der Zitate der Eindruck entsteht, dass dem Buch eine reichhaltige Internetsuche zugrunde liegt. Die vollmundige Ankündigung, einen Blick auf den Seitensprung aus philosophischer Sicht zu bieten, beschränkt sich auf wenige Seiten, dafür ist viel vom Eros, vom Trieb, von der Leidenschaft, der Liebe und Ehe die Rede.

Durchaus geschickt wird die Philosophie von Platon und Epikur über Montaigne und Pascal zu Schopenhauer, Hegel, Nietzsche und Kierkegaard ausgeschlachtet, um in das Dickicht der Auslegungen des Erotischen und Sexuellen Schneisen zu bahnen. Der Reiz der Übertretung des Verbots gerade im Bereich sexuellen und durch die Ehe geschaffener Normen, welche die Menschheitsgeschichte von Anfang an begleiten, liegt zwar auf der Hand; ob die Geschichte der Menschheit aber tatsächlich als eine der Untreue betrachtet werden kann, lässt sich aus den Stellungnahmen der Philosophen nicht unmittelbar ablesen. Grenzen, Verbote und Tabus sind nahezu eine Bedingung für den Bereich des Eros, sie ermöglichen erst das Übertreten. Die verschiedenen Akzentuierungen der meist auf Vernunft konzentrierten Philosophen zu Lust, Leidenschaft und Liebe ergeben amüsante Bilder.

Etwas mehr hätte man gern über den Seitensprung erfahren und über das Phänomen der Treue. Ist Treue eine der Liebe inhärente Forderung oder ein entsetzlicher Egoismus, der dem anderen eine "subtile Gefangenschaft" auferlegt? Kann mit Nietzsche oder Faust das Ewigkeitsverlangen der Lust mit dem ständig über sich hinaus strebenden Geist vereinbar sein? Nietzsches Warnung, aus der Liebe ließe sich keine Institution machen, steht das Ideal der romantischen Liebe als Grund für den Heiratsbund entgegen, den Hegel in Form der Ehe als "rechtlich sittliche Liebe" und konstitutiv für den bürgerlichen Staat von Leidenschaften entzauberte. Oder ist es gar die Ehe als Vertrag, die den Bund als lästige Plage erscheinen lässt, ein Vertrag, der nach Kant den wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane regelt?

Zu wenig werden der Besitzanspruch, das Monogame, die Eifersucht beleuchtet: "Warum soll man einmal lieben, um stark zu lieben?", fragte schon Don Juan. Und immer noch konterkariert dies Nietzsche, wenn er in Zarathustra das alte Weiblein formulieren lässt: "Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe - mich". So bleibt als Fazit nur - nach den Autoren: "Wir können wahr lieben und dennoch fremd gehen" und: "So sind wir denn als treue Menschen auch ein wenig untreu und vice versa". Die Antwort muss wohl jeder für sich selbst finden.