Kalokagathia

 

Über das Schöne und das Gute

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in: Tiroler Landes Theater. Das Theater- und Konzertjournal (Februar 2010)

 

Immer dann, wenn ein Mensch, den wir für schön halten, bloß seiner Gestalt und seines Gesichtes wegen, in unserer Gegenwart den Mund aufmacht und etwas besonders Dummes, Ungutes oder Verwerfliches verlauten lässt, beginnt sich seine Schönheit merklich zu verfinstern und wir sind verstimmt. Und auch das Umgekehrte gilt: Dass bei einem für hässlich gehaltenen Menschen, der etwas besonders Kluges, Gutes und Erhellendes verkündet und vor allem tut, sich die ihm zugesagte Hässlichkeit deutlich abmildert. So etwas freut uns. Warum? Weil dadurch deutlich wird, dass das Gute und Vernünftige, das sich als Leuchten einer schönen Seele fühlbar macht, ebenso Schönheit verbreiten kann und in der Tat verbreitet wie jenes Schöne, das uns als Bild und sinnlicher Eindruck gegeben ist. Das innere Leuchten der Vernunft in einem guten Menschen ist zweifellos schön, zumindest schön für den, der es erkennen kann – ebenso schön, möchte man sagen, wie ein schönes Bild.

Diese doppelte Bedeutung von Schönheit, als ästhetische und als ethische Qualität, wurde uns aus der griechischen Antike überliefert. Bereits Homer bezog sein Adjektiv kalós (schön) nicht bloß auf sinnlich Angenehmes und Gefälliges, sondern auch auf nützliche Gebrauchsgegenstände sowie wohlgefällige menschliche Handlungen. Bei Platon wird es dann noch deutlicher: Es gibt eine Schönheit, die im Bereich des Sehens und Hörens, im Bereich der bildenden Künste und der Musik, aber auch in der Dichtung zu Hause ist. Und es gibt eine andere Schönheit, im Sinne des ethisch Schönen oder Vollkommenen. Für beide Aspekte und somit für die Schönheit insgesamt gilt, dass sie ihren Zweck und Endzweck in sich selbst hat und so das letzte und wahre Ziel menschlichen Handelns ist. Zu fragen, warum das Schöne schön sei, wäre paradox. Der Mensch hat das Schöne wie ethisch Vollkommene zu tun, weil es schön und vollkommen ist – und aus keinem anderen Grund.

Um die Schönheit in ihrer Ganzheit besser fassen zu können, schufen die Griechen den Kunstbegriff Kalokagathia, die Schön- und Gutheit (aus kalós, schön und agathós, gut), mit der sie die körperliche, moralische und geistige Vollkommenheit meinten, ein Bildungsideal, das in der Einheit von Wahrem, Gutem und Schönem kulminiert. Das Schöne ist die „Wohnung“ des Guten, wie es Sokrates in Platons Philebos formuliert. Im Schönen kommt das Gute zur Erscheinung und wird als das Wahre offenbar.

Angeregt wurde der Doppel- und Kunstbegriff durch die homerische Wendung „kalós kai agathós“, die nicht bloß „schön und gut“, sondern auch „feinsinnig und nobel“, „überlegen und exzellent“ bedeutete und die damit das Beste benennen wollte, was man sich vorstellen kann, den Idealfall, den Joseph S. Salemi wie folgt beschreibt: „You are Greek. You are free. You are a non-worker (you don’t labor with your hands). You are affluent (you have enough money to be comfortably well off). You are healthy. You come from a respectable family. You are good-looking, well groomed, and clean. You are intelligent and sensible. You can take part in an intellectual discussion. You are not a coward (you fight bravely in battle). You are a city-dweller. You have leisure time. You stick to the Golden Mean (you never take an extreme position, or act wildly). You honor the gods. You avoid hubris. You act honorably. You are a good citizen of your polis. You appreciate beautiful things. You are in the prime hebdomad (you are between the age of 21 and 28)“.

Schön und gut. Und was heißt das jetzt für Sokrates, von dem Theodoros sagt, er habe eine stumpfe Nase und hervorquellende Augen (und es sei ziemlich schlimm) und den Menon gar als fischgesichtig, vergleichbar „den flachen Zitterrochen im Meere“ bezeichnet – Sokrates, von dem der schöne Alkibiades meint, er gleiche einem Silen oder Satyr (einem alten, bockfüßig besoffenen Männchen mit fettem Bauch und Glatze)? Wie war es möglich, dass Sokrates beim Wettbewerb um die Kalokagathia, um das Ideal der Tugend und Tüchtigkeit, mithalten konnte? Konnte er überhaupt mithalten? Wurde er nicht dazu verurteilt, den Schierlingsbecher zu trinken? Nach seinem Tode wurde er dann zur Legende, ja er, der Hässliche, der aber trotzdem für schön empfunden wurde, weil er der Klügste und Weiseste von allen war und auch ein tugendhaftes Leben führte.

Friedrich Nietzsche brachte es wie folgt auf den Punkt: „Er gehörte seiner Herkunft nach zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiß, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war“. Sokrates, das hässliche Unterschichtkind, der Rüben- und Kartoffelkopf, hatte in der Tat ein Problem. Denn er hielt den Schluss von einem hässlichen Äußeren auf ein hässliches Inneres selbst für gar nicht so abwegig. Sokrates war sich der nötigen Einheit des ethisch wie ästhetisch Schönen wohl bewusst. Keinesfalls stand er der Hässlichkeit gleichgültig gegenüber.

Dazu ist uns eine denkwürdige Szene bei Cicero überliefert, die sich auf den verlorenen Dialog Zopyros des Sokrates-Schülers Phaidon von Elis bezieht. Die Szene spielt in Athen. Zopyros, ein Physiognomiker aus Persien, behauptet, er könne aus dem Erscheinungsbild von Körper, Gesicht und Augen den Charakter und das Wesen eines Menschen erkennen. Bei Sokrates diagnostiziert Zopyros Dummheit und Einfalt, weil er „an der Kehle keine Einbuchtung zwischen den Schlüsselbeinen habe“ und ebenso Lüsternheit. Und er fügt hinzu „Sokrates sei auch ein Weiberheld“, woraufhin Alkibiades in lautes Gelächter ausgebrochen sein soll. Sokrates hingegen sei sehr ernst geworden und habe den Umstehenden, die Zopyros wegen seines offensichtlichen Fehlurteils verlachten, Einhalt geboten. „Sie kennen mich, mein Herr“, gibt er Zopyros zu verstehen. In der Tat sei er so veranlagt, wie es Zopyros sage, doch er habe es gelernt, seine Natur zu überwinden – „ein Personal-Kunstgriff der Selbst-Erhaltung“, wie es Nietzsche später formuliert.

Die Tauglichkeit der Kalokagathia als klassisches Ideal wird mit Sokrates gehörig auf die Probe gestellt. Er selbst kennt das Ideal als richtig an, kann es jedoch selbst nicht erfüllen. Doch es gelingt ihm sein hässliches Äußeres zu kompensieren. Er bemüht sich, seinen Makel durch philosophischen Dienst am Nächsten wettzumachen und durch die Tugend der Vernunft zu brillieren. Schönheit muss sein, auch für Sokrates. Und wo sie noch nicht vorhanden ist, muss sie mit aller Kraft hergestellt werden. Denn in der Schönheit kommt das Gute erst in Erscheinung. Wahrgenommen wird das Gute in der Form des Schönen. Deshalb macht das Gute selbst den Hässlichsten zumindest leidlich schön. Das ist es, was wir unter anderem von Sokrates lernen können.

Und was ist Schönheit heute? Es scheint, als ob die Kalokagathia als Ideal zerbrochen wäre. Wenn von Schönheit die Rede ist, meint man ohne Zweifel nur mehr das sinnlich Angenehme und Gefällige, ein wohlgestaltetes Äußeres, das es zu betrachten gilt wie ein Bild. Und wenn das Bild den Mund aufmacht? Dann haut man ihm einfach eine aufs Maul. Das Schöne, so meint man, könne auch ohne das Gute bestehen. Und was, möchte man fragen, ist dann sein Wert? Woran misst sich der Wert der Schönheit, wenn er des Guten entbehrt?

Der französische Philosoph George Bataille, der Meister des Abgrunds, gibt hier eine Antwort, die allerdings hart ist und den Bruch verabsolutiert: „Die Schönheit, die in ihrer Vollendung das Animalische ausschließt, wird deshalb so leidenschaftlich begehrt, weil gerade sie durch den Besitz in animalischer Weise beschmutzt wird. Die Schönheit ist in erster Linie deshalb wichtig, weil die Häßlichkeit nicht beschmutzt werden kann und weil das Wesen der Erotik die Beschmutzung ist. Die Menschlichkeit, das Kennzeichen des Verbots, wird in der Erotik überschritten. Sie wird überschritten, entweiht, beschmutzt. Je größer die Schönheit, desto tiefer die Beschmutzung“. Wenn das wahr ist, so ist es um den Kalokagathos geschehen, zumindest vorläufig, als ein bereits frühes Symptom der Krise der Gegenwart.