"Manchmal ist Theater Therapie"

Ein Gespräch mit der Schauspielerin Andrea Jonasson

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 6./7. Juli 2001
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Mit neunzehn Jahren wurde sie von Gustav Gründgens ans Hamburger Schauspielhaus geholt. Zwölf Jahre später, 1974, spielte sie bereits unter der Regie von Giorgio Strehler, ihrem späteren Ehemann, am Wiener Burgtheater. 1981, inzwischen sattelfest im Italienischen, trat sie erstmals auch am Piccolo Teatro in Mailand auf. In Strehlers Inszenierung von Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", eine Produktion, die in ganz Europa und auch bei den Wiener Festwochen gezeigt wurde, erlangte sie in der Doppelrolle der Shen Te/Shui Ta internationale Beachtung. Nach Wien kam Andrea Jonasson auf Einladung der Siemens Academy of Life - in ihrer Rolle als eine der faszinierendsten Frauen mit der vielfältigsten Karriere und großer Persönlichkeit.

Wiener Zeitung: Was tun Sie für Ihre Schönheit?

Andrea Jonasson: Ich war mir nie sicher, ob ich schön bin. Außerdem kann Schönheit im Leben durchaus hinderlich sein. Im Theater etwa ist Schönheit schwer zu besetzen. Niemand hat mich wegen der Schönheit engagiert.

Wiener Zeitung: Wollten Sie immer schon Schauspielerin werden?

Andrea Jonasson: Also Schauspielerin wollte ich zuerst gar nicht werden. Ich habe den Leidensweg meiner Eltern gesehen, die waren Schauspieler und hatten ein sehr hartes Leben. Ursprünglich wollte ich zu Albert Schweitzer nach Lambarene gehen. Ich wollte immer Missionarin werden. Das war so ein Backfischtraum. Für meine Eltern war ein Medizinstudium aber unmöglich finanzierbar. Darauf habe ich gesagt: Na gut, dann werde ich Schauspielerin. Ich war damals 17.

Wiener Zeitung: Und Sie gingen auf die Schauspielschule?

Andrea Jonasson: Ja, ich bin ganz allein nach München gefahren und habe vorgesprochen. Ich ging auf die Bühne, sprach meine Monologe und danach war ein furchtbares Schweigen. Dann sagte man: "Meine liebe Andrea, du bist ein bildhübsches Mädchen, du solltest alles andere auf dieser Welt wählen, aber werde bloß nicht Schauspielerin."

Wiener Zeitung: Das hat gesessen.

Andrea Jonasson: Und es hat mich sehr unglücklich gemacht. In dieser Nacht, das vergesse ich nie, spazierte ich dann die Ludwigstraße entlang, sehr leicht angezogen, mit so einem Miniröckchen, und ein Auto nach dem anderen hielt an und ich wurde gefragt: "Na, Mädi, magst einsteigen?" Und da wollte ich mich erst recht umbringen. Ich hatte nämlich damals Selbstmordgedanken und dadurch wurden sie noch schlimmer.

Wiener Zeitung: Wer hat das verhindert?

Andrea Jonasson: Ich ging dann in mein Zimmer, das ich mir gemietet hatte, und sagte mir: "So, und jetzt erst recht. Jetzt zeige ich es euch!" Und dann habe ich furchtbar geweint, die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kaufte ich mir eine Zeitung und sah nach, ob es nicht noch eine andere Schauspielschulen gab. Kurze Zeit später landete ich an einer Privatschule, arbeitete nebenbei als Verkäuferin, etwa ein halbes Jahr lang, und dann - dann hatte ich unheimliches Glück.

Wiener Zeitung: Gustav Gründgens!

Andrea Jonasson: Ja. Der Dramaturg von Gustav Gründgens rief aus Hamburg an und wollte mich sehen. Ich fuhr hin, sprach vor und Gründgens engagierte mich sofort. Ich bekam einen Jahresvertrag, 250 Mark Monatsgage, und war der glücklichste Mensch auf der Welt.

Wiener Zeitung: Haben Sie da gewusst, Sie schaffen es?

Andrea Jonasson: Damals habe ich gesagt, vielleicht schaffe ich es, vielleicht. Ich glaube auch heute noch nicht, dass ich es geschafft habe.

Wiener Zeitung: Ach so?

Andrea Jonasson: Ich weiß es nicht, ich habe so viel Zweifel, so viel Angst. Jedes Mal, wenn ich in einer Probenproduktion bin, wenn ich so in der Mitte angekommen bin, sage ich: Dieses Mal steige ich aus, ich schaffe es nicht. Und dann sage ich mir aber: Diese Krise musst du überwinden. Wenn das Stück dann angelaufen ist, kann man den 800 Leuten, die da im Theater sitzen, ja nicht sagen: "Ich spiele jetzt nicht, weil ich habe Angst und ich gehe jetzt nach Hause". Das geht nicht, die haben ja bezahlt, du musst einfach spielen.

Wiener Zeitung: Und welche Rollen spielten Sie damals?

Andrea Jonasson: Ich begann mit dem Gretchen. Für das Gretchen bekam ich auch zum ersten Mal eine tolle Kritik als das "herbe Gretchen". Und plötzlich fingen die Regisseure an, bei mir anzufragen.

Wiener Zeitung: Die Stimme war schon tiefer?

Andrea Jonasson: Nein, das Gretchen war noch Sopran. Meine Stimme wurde erst später tiefer.

Wiener Zeitung: Wie kam das, dass Ihre Stimme tiefer wurde?

Andrea Jonasson: Ich hatte einen Regisseur, der hieß Benesch, und mit dem habe ich die Imogen von Shakespeare gespielt. Darin gibt es einen sehr berühmten Monolog, da muss diese Imogen zusammenbrechen, sie sieht ihren Geliebten am Boden liegen, ohne Kopf, und da muss sie ihren Diener bitten, sie zu töten. Das ist ein furchtbarer Monolog und ein wahnsinniger Ausbruch, und da hat Benesch zu mir gesagt: "Das geht nicht, mit dieser Stimme geht das nicht. Andrea, das muss Medea werden, das ist eine Medea". Mit meiner Unsicherheit und mit meinen Ängsten bin ich deshalb auf die Probebühne gegangen, abends, so um 8 oder 9 Uhr, und habe immer diesen Monolog geübt und gebrüllt und geschrien. Und ich habe mich vertieft in die Arbeit und wollte dann hinaus aus dem Theater, und da hatte man mich vergessen! Das Theater war abgeschlossen und ich musste die Nacht dort verbringen. Ich fand das alles schön. Ich habe gemeint, das Theaterleben beginnt. Ich habe eine Garderobe, eine Couch, ich lege mich schlafen und morgen früh werde ich vor der Probe gleich wieder brüllen und üben und dann wird es klappen. Und so war es dann auch. Ich bin morgens um 8 Uhr auf die Probebühne gegangen, habe gebrüllt, um halb zehn machte die Kantine auf, ich habe meinen Tee getrunken und die Probe ging los. Ich musste diese Szene probieren, fing an, aber es kam nur noch heiße Luft, aber wirklich nur noch heiße Luft heraus. Und dann haben sie mich zum Arzt gebracht. Das war acht Tage vor der Premiere. Der Arzt hat mich untersucht und hat gesagt: Die Frau Jonasson darf jetzt bis zur Premiere nicht mehr reden, sie hat einen Stimmbandriss. Ja, und nach acht Tagen war die Premiere und meine Stimme war heiser und dunkler.

Wiener Zeitung: Und seither?

Andrea Jonasson: Seither ist das geblieben, die Stimme hat sich dann noch vertieft im Laufe der Jahre.

Wiener Zeitung: Frau Jonasson, Ihre Eltern waren beide Schauspieler. Hatten Sie ein behütetes Elternhaus?

Andrea Jonasson: Ja, das war eben leider nicht so behütet. Wir waren drei Mädchen und sehr viel allein. Mama hat uns immer sehr gefehlt, und Papa wollte uns immer prüfen. Eines Tages kam er um zwei oder drei Uhr früh nach dem Theater nach Hause und sagte: "Aufstehen, aufstehen, die Schule fängt an!" Und dann haben wir zitternd geduscht und er hat gelacht und gesagt: "Ätschibätschi, ätschibätschi, ihr dürft wieder schlafen gehen". Aber natürlich bekommt man als Kind erst einmal einen Schrecken. Der Arme war natürlich allein, kommt nach Hause, hat Hunger, hat uns geweckt und hat gesagt: "So, jetzt will ich sehen: Wer von euch macht mir die besten Spiegeleier? Und kein Spiegelei darf kaputt gehen, also dass euch bloß das Gelb nicht ausläuft." Ich sehe uns noch vor dem Küchenherd. Wir standen da und haben uns gefürchtet, das Ei in die Pfanne zu werfen. Wir haben immer sehr viel Angst vor Papa gehabt, und ich glaube, da kommt auch meine Angst vor dem Versagen her.

Wiener Zeitung: Frau Jonasson, Giorgio Strehler war 18 Jahre älter als Sie, auch eine Art Vaterfigur vielleicht. Was hat Sie mit Strehler zusammengeführt?

Andrea Jonasson: Ich bekam plötzlich einen Anruf und sollte Bilder nach Mailand schicken, ans Piccolo Teatro, weil Strehler für das Spiel der Mächtigen von Shakespeare eine Königin Margareta suchte. Da habe ich Fotos geschickt. Später haben mir dann Kollegen erzählt, Strehler hätte, ohne mich zu kennen, sein Büro mit meinen Fotos tapeziert. Dann kam es, dass Strehler im November 72 nach Hamburg musste. Wir begegneten uns im Theater. Ich kam eine Treppe herunter, er hatte nur zwei Minuten Zeit, weil er musste wieder in den Zuschauerraum. Ich war total schwarz angezogen, wusste nicht, dass Strehler sich auf Proben immer schwarz anzieht, von oben bis unten. Er hat mich gar nicht begrüßt, hat gleich gesagt: "Das ist wunderbar richtig, so muss man auf Proben, Kompliment, schwarz!" Sofort hat er die Plakette gesehen, die ich mir angesteckt hatte, eine Willy-Brandt-Plakette, und gemeint, er sei auch für Willy. Und dann hat er mir meine Rolle als Margareta vorgespielt, was die so macht, wie brutal die ist und wie die mit einer Schere ihre Krone schneidet und so weiter. Ich war fasziniert. "Va bene, du bist meine Königin." Und ich war engagiert. Ich musste gar nicht vorsprechen.

Wiener Zeitung: Dieses politische Bewusstsein, das für Strehler dann auch so wichtig war, wann ist das entstanden?

Andrea Jonasson: Ich habe das Gefühl, dass Schauspieler, oder alle, die in unserem Metier zu tun haben, alle mehr in Richtung Willi Brandt sind. Ich bin kein Kommunist, aber ich sehe rot, natürlich sehe ich jetzt hochrot in Italien. Ich glaube, ich bin kein politisierender Mensch, aber ich habe eine gesunde, demokratische, links gerichtete Idee.

Wiener Zeitung: Frau Jonasson, Sie sind, als prominente Persönlichkeit, auch eine Art Werbeträger für rechtliche, für ethische Werte. Haben Sie jemals bewusst diese Spannung gespürt? Gab es Rollen, bei denen Sie gesagt haben: "Nein, das möchte ich nicht verkörpern, das möchte ich nicht spielen."

Andrea Jonasson: Vor ein paar Tagen hat man mir eine große Fernsehrolle angeboten, und zwar die Rolle einer Mutter, die einen behinderten Sohn hat, mit dem sie nichts mehr zu tun haben will und den sie auch dementsprechend schlecht behandelt. Die Mutter schämt sich, dass ihr Sohn behindert ist und stört dadurch massiv dessen Entwicklung. Dieses ganze Fernsehspiel hat am Ende keinerlei positive Aussage. Und so habe ich diese Rolle auch nicht akzeptiert, weil sie nicht produktiv ist. Das bedeutet jetzt nicht, dass ich bloß sympathische Rollen spielen will. Aber eine Mörderin, die ihre Leichen auch noch zerstückelt, so etwas würde ich einfach nicht mehr akzeptieren. Freilich finde ich es hochinteressant, eine hochgradig böse oder aggressive Königin zu spielen, weil ich da manchmal den Teufel aus mir herauslassen darf, den ich im Leben oft nicht aus mir herauslassen kann. Das ist auch eine psychologische Hilfe. Ich benutze den Beruf natürlich nicht als Psychotherapie, aber manchmal ist Theater spielen auch eine gesunde Therapie.

Wiener Zeitung: Haben Sie auch Zeit zum Traurigsein nach dem Tod Ihres Mannes?

Andrea Jonasson: Die habe ich, und zwar sehr viel. Aber ich sage mir - auch das ist eine Disziplin in unserem Beruf - man sollte dieses Gesicht nicht zur Schau tragen. Ich bin sehr traurig, und wenn ich nach Hause gehe und die Türe zumache in jener Wohnung, in der ich mit Giorgio in Mailand seit 1980 gewohnt habe, dann bin ich eigentlich ausschließlich traurig. Man muss weiterleben und man soll das Herz, das weint, den Leuten nicht zeigen. Aber die Zeit ist da, weil zu Hause bin ich allein.

Wiener Zeitung: Seit wann arbeiten Sie für Karl-Heinz Böhms Hilfsorganisation "Menschen für Menschen"?

Andrea Jonasson: Das war im Sommer 97. Ich war sehr traurig und las ein Buch von Viktor Frankl. Da fand ich einen Satz, der lautete mehr oder weniger so: "Unser Leben hat im Grunde keinen Sinn. Man sollte dem Leben aber einen Sinn geben." Darüber habe ich nachgedacht. Ich wollte doch immer Missionarin werden. Schließlich habe ich in München die Filiale von "Menschen für Menschen" angerufen und gesagt, dass ich für Äthiopien tätig sein möchte. Wenn man die äthiopischen Kinder sieht, wenn das Menschen-für-Menschen-Auto ankommt, wie die strahlen, weil sie natürlich wissen, dass sie durch uns vieles bekommen und vieles lernen, da geht die Sonne auf. So ein Lachen habe ich in Mailand nie gesehen.

Wiener Zeitung: Wo sehen Sie Ihre Stärken?

Andrea Jonasson: Meine Stärke ist, dass ich gegen meine Schwächen kämpfen kann. Meine Stärke ist auch die Liebe zu meinem Beruf, zu meiner Berufung. Ich überwinde jeden Morgen meine Schwäche. Ich baue keine Mauern um mich auf, öffne mich immer anderen Menschen gegenüber. Ich möchte Wärme und Liebe geben. Alles, was man tut, sollte man mit Liebe tun.

Wiener Zeitung: Frau Jonasson, was möchten Sie noch erfahren, noch erleben und tun?

Andrea Jonasson: Ich möchte bis an mein Lebensende Theater spielen. Am liebsten möchte ich auf der Bühne sterben. Gibt es einen schöneren Tod? Und dann möchte ich ein Haus am Land mit wirklich vielen Tieren. Ich möchte immer mit Menschen kommunizieren.

Wiener Zeitung: Woher kommt Ihre Kraft?

Andrea Jonasson: Jeder Mensch hat unglaublich viel Kraft in sich. Man muss diese Kraft nur erkennen.