Philosophische Impulse
für Mediziner

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Zeitschrift für Philosophie (4/99)

 

Unter dem Titel "Philosophische Praxis in der Medizin" fand am 25. und 26. Juni im niederösterreichischen Stift Heiligenkreuz ein interdisziplinäres Symposion statt, an welchem vor allem Ärzte aus der Region teilnahmen. Veranstalter war der sogenannte "Badener Kreis" um den Arzt und Philosophen Karl H. Spitzy. Dieser Kreis, eine kleine Gruppe von Ärzten, Psychologen und Philosophen, versteht sich als ein "Diskussionsforum zum Studium der Wege zu einer Partnerschaft zwischen Arzt und Patient" und hat sich darüber hinaus zum Ziel gesetzt, die weitgehend in Vergessenheit geratenen philosophisch-spirituellen Bezüge des Arztberufes aufzuzeigen und die Ärzteschaft an diese zu erinnern.

Spitzy, emeritierter Vorstand der 1. Universitätsklinik in Wien, langjähriger Präsident der Gesellschaft der Ärzte Österreichs und einer der Väter der modernen Chemotherapie, vertritt die Meinung, daß die gegenwärtige Tendenz zur Objektivierung ärztlichen Handelns in Zukunft zu einer Unterbewertung der Beziehung zwischen Arzt und Patient führen könnte. Die Technifizierung, Spezialisierung und Bürokratifizierung der Medizin bereite eine weitgehende Entpersonalisierung der Heilkunde vor. Diese Entwicklung, so Spitzy, läßt sich unter anderem auch auf die Tatsache zurückführen, daß bereits vor mehr als hundert Jahren das Philosophicum für Mediziner abgeschafft wurde und der Arzt als seine Philosophie nur mehr die Naturwissenschaft im Sinne Galileis akzeptiert: Was meßbar ist, soll gemessen werden; was nicht meßbar ist, muß meßbar gemacht werden. Parameter ärztlichen Handelns, welche nicht quantifizierbar sind, wie etwa die Qualität der persönlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient, geraten deshalb zunehmend in Vergessenheit. Bedenklich, ja geradezu kontraproduktiv, so Spitzy, ist die Tendenz zur Objektivierung ärztlichen Handelns insofern, als gerade in neuerer Zeit Grenzgebiete wie die psychosomatische Medizin und die Sozialmedizin mehr und mehr an Bedeutung gewinnen, die klassische Naturwissenschaft diese Grenzgebiete aber nicht zu bearbeiten versteht und der moderne Arzt ihnen weitgehend hilflos gegenübersteht.

Dieser prekären Entwicklung, so der Badener Kreis, gilt es Einhalt zu gebieten: Ohne die Erkenntnisse der Naturwissenschaft und die Möglichkeiten der Technik zu verleugnen, müsse der Arzt wiederum Zugang zur Welt der Transzendenz bekommen und dürfe sich nicht scheuen, auch eine Reise ins Imaginäre zu unternehmen. Zu Zeiten der alten Ägypter, Perser und Griechen oder, noch früher, zu Zeiten der Schamanen, waren Philosophie und Medizin weitgehend in einer Hand. Zwischen Lebensphilosophie und Heilkunde gab es wenig Reibungsflächen. Auch zu Zeiten der Mönchsmedizin des Mittelalters, einer Hildegard von Bingen oder eines Paracelsus etwa, stand die heilende Kraft der Liebe noch im Vordergrund. Heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, scheint die Macht der Liebe von der Macht der Geräte zunehmend verdrängt zu werden.

Im ärztlichen Handeln aber, so der Badener Kreis, stellt die Beziehung zwischen Arzt und Patient das fundamentale Element dar. Diese Beziehung beginne als Begegnung und sei in der Folge durch die Bereitschaft des Arztes gekennzeichnet, Verantwortung zu übernehmen, sowie durch die Bereitschaft des Patienten, sein Vertrauen einzubringen. Ziel jener Wechselwirkung sei ein "Innewerden" des Patienten durch den Arzt, welches die Reifung zur Ich-Du-Beziehung signalisiert. Dieses Erlebnis werde durch die Empfindung der Liebe belohnt, welche letztlich den Lohn für die Mühen und den Erfolg ärztlichen Tuns darstellt. Die Liebe bleibe jedoch nicht aus sich heraus lebendig, sondern müsse ständig neu verdient, ja geradezu erkämpft werden.

Karl H. Spitzy selbst ging in Heiligenkreuz vor allem auf das philosophische Konzept der Dialogik ein, wobei er sich stets auf die Gedanken Johann Gottlieb Fichtes und Martin Bubers berief. Des weiteren referierten der Heerespsychologe Günther Fleck ("Nähe und Distanz in der Therapeut-Patient-Beziehung"), der Arzt und Politiker Alois Stacher ("Philosophische Ansätze zur Ganzheitsmedizin"), der Philosoph Eugen-Maria Schulak ("Alle reden von Ethik. Versuch einer Begriffsklärung") und der Publizist Maximilian Gottschlich ("Kommunikation und Leid").

Alles in allem war das Symposion von einer Atmosphäre der Sympathie für die erörterte Thematik gekennzeichnet. In der Diskussion wurde weitgehend deutlich, daß eine Nähe zum Patienten seitens der Ärzte durchaus gesucht werde, der von Streß geprägte Alltag in den Spitälern diese Suche aber oft zunichte mache. Gerade deshalb freilich wäre es vonnöten, immer wieder gegen die Mauern der Realität anzurennen - auch wenn eine philosophisch-spirituelle Lebenshaltung vielen Ärzten heute nicht mehr so ohne weiteres möglich sein dürfte.

Badener Kreis
Kontakt: Eugen-Maria Schulak