Anarchokapitalismus

Hans-Hermann Hoppe entwirft ein libertäres Wirtschaftsmodell

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 18. November 2005
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Das Primäre sei der Einzelne und sein Eigentum, der Einzelne und seine Familie, der Einzelne und seine Freunde, so Hans-Hermann Hoppe, derzeit radikalster Vertreter der Wiener Schule der Ökonomie. Vom Einzelnen habe man auszugehen, wenn man ernsthaft von Freiheit und Gerechtigkeit sprechen wolle. Doch dem Einzelnen, dem Individuum sei die Möglichkeit zur freien Gestaltung seiner gesellschaftlichen Verhältnisse radikal weggenommen worden – und zwar vom Staat. Der Staat, so Hoppe, mische sich in alles ein. Man müsse ihm bis zu 50 Prozent seines Einkommens überantworten, damit das Kollektiv via Umverteilung zufrieden gestellt werden kann. Nicht zuletzt deshalb drängten auch so viele Menschen in den Staat hinein, weil es dort leicht sei, mit wenig Aufwand etwas zu lukrieren. All jene, die sich im Staat gut eingenistet hätten, seien letztlich dann jene, die über die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen. Auf diesem Weg sei auch das Privatrecht Stück für Stück durch öffentliches Recht ersetzt worden. Das Individuum sei dabei auf der Strecke geblieben. Die aktuelle Situation: Still und leise habe sich das sozialistische, kollektivistische Denken mit Hilfe eines mächtigen Verbündeten, mit Hilfe der Demokratie, in unser Denken, in unsere Herzen eingeschmeichelt und sich so zur Verwirklichung gebracht.
Hoppes Alternative ist eine langsame, gewaltlose Umkehrung der Verhältnisse in Richtung einer ursprünglichen natürlichen Ordnung. Er schlägt keine herkömmliche Revolution vor. Eine Revolution würde bloß wieder einen Staat hervorbringen und dieser würde sich dann ebenso am Einzelnen und seinem Eigentum vergreifen. Hoppe lehnt den Staat in allen wesentlichen Punkten radikal ab. Statt dessen gelte es, ausgehend von einzelnen Zellen, eine so genannte Privateigentumsanarchie, einen Anarchokapitalismus zu etablieren, eine Anarchie, in der nicht Gesetzlosigkeit herrscht, sondern in der Menschen ohne staatliche Kontrolle, ohne Steuern zu zahlen, ohne staatliche Landesgrenzen auf ihren eigenen Gründen, Straßen und Plätzen ihre Verhältnisse gemäß ihren Leistungen und gemäß ihren Bedürfnissen selbst gestalten.

Wiener Zeitung: Sie sind ein deutscher Theoretiker und lehren in Las Vegas, in einer Glamour-Stadt mitten in der Wüste. Inspiriert Sie das?

Hans-Hermann Hoppe: Ich hatte mir natürlich vorgestellt, dass ich eine traditionelle Gelehrtenkarriere in Deutschland machen würde. Am Anfang sah das auch ganz so aus. Ich habe mit 24 promoviert, mich mit 31 habilitiert, dann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Heisenberg-Stipendium bekommen, womit auch eine Art indirekte Zusage verbunden war, im Anschluss daran einen Lehrstuhl zu bekommen. Aber bald ist mir klar geworden, dass dies in meinem Fall nicht passieren würde. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon jene Gedanken entwickelt, die auch in meinem aktuellen Buch auftauchen. Das war eine gewisse Krise in meinem Leben. Dann habe ich den Entschluss gefasst, nach New York zu gehen, um dort mit Murray Rothbard zusammen zu arbeiten, der mein Lehrer und Freund werden sollte. Später dann gingen wir gemeinsam nach Las Vegas.

Wiener Zeitung: Wenn man eine Privateigentumsanarchie fordert, dann ist man ja per se ein Staatsfeind. Staatsfeinde sind in einer Welt, in der es nur Staaten gibt, nicht sonderlich beliebt. Macht Ihnen das was aus?

Hans-Hermann Hoppe: Am Anfang hat es mir was ausgemacht. Dann habe ich mir ein dickes Fell angewöhnt, mich damit getröstet, dass ich mir mit meiner Arbeit ja nicht bloß Feinde mache, sondern auch dauerhafte Freunde, sehr intensive Freunde, die einem dann in jeder Hinsicht behilflich sind. Diese Tatsache, dass die Zahl der Freunde laufend angewachsen ist, tröstet einen ohne weiteres über die Feindseligkeiten hinweg.

Wiener Zeitung: Sie sind, könnte man sagen, so etwas wie ein Underground-Philosoph, ein seltenes Exemplar. Haben Sie auch Gleichgesinnte? Gibt es so etwas wie einer libertäre Internationale?

Hans-Hermann Hoppe: Die Bewegung, die als "austrolibertär" bezeichnet wird, hat mittlerweile Vertreter in jedem Land der Welt. Es gibt also Netzwerke, die das, was eine libertäre Internationale wäre, in gewisser Weise repräsentiert. Das führt auch dazu, dass am laufenden Band Übersetzungen gemacht werden. Meine Arbeiten wurden mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzt. In Amerika ist die Bewegung wahrscheinlich am stärksten ausgebreitet. Man kennt alle führenden Leute und trifft einander auch regelmäßig zu gewissen Konferenzen, um sich gegenseitig guten Mut zuzusprechen, denn meistens ist man da, wo man tätig ist, ein Einzelkämpfer. Aber wir haben mehrere Millionen Anhänger, allein in Amerika zwei, drei Millionen.

Wiener Zeitung: Warum lehnen sich nicht mehr Menschen gegen den Staat auf? Kann es sein, dass wir für diese Art der Freiheit schlichtweg zu feige sind?

Hans-Hermann Hoppe: Das ist sicher ein Element. Ein weiteres Element ist, dass wir einfach korrumpiert wurden durch den Staat. Beispielsweise ist das gesamte Bildungswesen verstaatlicht. Aus diesem Grunde ist es nicht ganz überraschend, dass fast alle Intellektuellen, die ja vom Staat bezahlt werden, Position vertreten, die auch etatistisch sind. Jede Verbesserung, die sie sich erhoffen, kann ihrer Meinung nach nur von irgendeiner Regierung stammen. Die meisten Intellektuellen wissen, dass sie auf dem freien Markt nicht die geringste Chance hätten, nur annähernd das Gehalt zu erzielen, das sie im öffentlichen Bereich erzielen. Das macht sie zu bewussten Propagandisten für etatistisches Denken.

Wiener Zeitung: Würde in einer libertären Welt, in der es keinen Staat gibt, nicht die Armut radikal zunehmen?

Hans-Hermann Hoppe: Gesellschaften, die ohne staatliche Ausbeutung leben können, werden Gesellschaften sein, die sich durch einen Wohlstand auszeichnen, der unvergleichbar viel höher sein wird, als es gegenwärtig der Fall ist. Und man muss auch einsehen, dass in den westlichen Ländern in den letzten 30 Jahren keine wohlfahrtsstaatlichen Zuwächse mehr stattgefunden haben. Das würde sich in einer völlig deregulierten Ökonomie dramatisch ändern. In diesem Falle würden die privaten Spenden auch ansteigen. Es gibt eine negative Korrelation zwischen staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen und privater Spendentätigkeit. Je mehr Aufgaben der Staat übernimmt, um so mehr lässt die private Spendentätigkeit nach und umgekehrt. Das ist eine Aufgabe, die Kirchen und karitative Einrichtungen übernehmen werden. Ich sehe da keinerlei Problem.

Wiener Zeitung: Wie lange können sich die europäischen Wohlfahrtsstaaten Ihrer Meinung nach noch halten?

Hans-Hermann Hoppe: Meine Erwartung ist, dass die Wohlfahrtsstaaten aufgrund ihrer finanziellen Belastung zusammenbrechen werden, so wie der Kommunismus zusammengebrochen ist. Dabei ist es durchaus vorstellbar, dass es wieder zum Aufstieg von faschistischen Diktatoren kommt. Aus diesem Grunde ist es wichtig, dass man ein Alternativszenario von Europa hat. Wir brauchen ein Europa, dass aus tausend Liechtensteins besteht, um diese katastrophale Entwicklung, die eintreten kann, zu verhindern. Das heißt, dass Dezentralisierungstendenzen und Sezessionsbewegungen zu fördern sind, weil kleine Staaten notwendig intern liberal sein müssen, da die in ihnen lebenden Person sonst den Staat verlassen würden. Kleine Staaten müssen sich einer Freihandelspolitik verpflichten, weil es sonst schnell für sie zu einer wirtschaftlichen Katastrophe kommen würde. Und schließlich müsste man damit beginnen, diese Kleinstaaten systematisch zu privatisieren, das heißt alles öffentliche Eigentum Schritt für Schritt in privates Eigentum zu überführen. In kleineren Regionen ist die Privatisierung einfacher durchzuführen als in größeren, weil man besser bestimmen kann, welche Personenkreise welche Steuerleistungen erbracht haben und welche Anteile am öffentlichen Eigentum ihnen zugeschrieben werden sollten.

Wiener Zeitung: Was soll von der staatlichen Macht überhaupt noch übrig bleiben?

Hans-Hermann Hoppe: Im Endeffekt überhaupt nichts. Die Vorstellung einer natürlichen Ordnung, die ich entwickelt habe, ist die, dass es keinerlei öffentliche Güter gibt. Alle Güter befinden sich im Privatbesitz. Alle Dienstleistungen werden von Einzelpersonen bzw. Firmen erbracht, die sich am Markt frei finanzieren müssen. Es gibt also keine Institution, die das Recht hat, Zwangseinnahmen zu erheben. Das würde auch bedeuten, dass Einrichtungen wie etwa das Gerichtswesen, das Polizeiwesen, die Verteidigung, dass solche Aufgaben von privaten Sicherheitsfirmen in Zusammenarbeit mit großen Versicherungskonzernen erbracht würden und meines Erachtens viel effizienter erbracht würden, gerade deshalb, weil sie um ihre Klienten kämpfen müssen und die Klienten die Möglichkeit haben, ihre Zahlung einzustellen, wenn sie mit den erbrachten Leistungen unzufrieden sind. Beim Staat hingegen gibt es kein Austrittsrecht. Man kann nicht sagen: "Ich bin absolut unzufrieden mit den Leistungen, die der Staat erbracht hat und folglich vermindere ich meine Steuerzahlung oder stelle meine Steuerzahlung generell ein".

Wiener Zeitung: Wie können Ältere in dieser neuen Ordnung überleben?

Hans-Hermann Hoppe: Das ist in der Tat eine ernste Frage, denn diese Personen haben ja guten Glaubens in staatliche Pensionskassen investiert. Da scheint es mir als die einfachste Lösung, die notwendigen Zahlungen aus den Erlösen zu bestreiten, die man aus der Veräußerung der im Staatsbesitz befindlichen Güter erzielt.

Wiener Zeitung: In modernen Demokratien ist das Privatrecht Stück für Stück durch öffentliches Recht ersetzt worden. Sie kritisieren diese Entwicklung. Warum?

Hans-Hermann Hoppe: Das öffentliche Recht ist strikt genommen kein Recht, sondern Willkürherrschaft. Wenn ich im Privatrecht beispielsweise jemanden entführe, dann werde ich zur Verantwortung gezogen. Im öffentlichen Recht gilt dies als Wehrpflicht oder als Dienstpflicht. Wenn ich Ihnen die Geldbörse aus der Tasche ziehe, so wird das im Privatrecht als kriminelle Tat behandelt. Wenn der Finanzbeamte das macht, dann ist das völlig okay. Wenn ich im Privatrecht Dir das Geld aus der Tasche nehme und es an eine andere Person weitergebe, das heißt das "stehlen" und "hehlen". Wenn das im öffentlichen Recht gemacht wird, dann heißt das Einkommensumverteilung. In einer freien Gesellschaft gibt es nur das relativ simple, leicht übersehbare Privatrecht, an das alle Organisationen gleichermaßen gebunden sind und in dem es keinerlei Veränderungen gibt, weil Rechtssprechung in einem herkömmlichen Sinne überhaupt nicht mehr vorhanden ist. Es gibt ja keine Parlamente, die Gesetze verabschieden würden.

Wiener Zeitung: Sie halten die Demokratie gewissermaßen für absurd. Wieso?

Hans-Hermann Hoppe: Es gibt in allen wichtigen Lebensbereichen keine Demokratie, nicht in der Kirche, nicht in der Wirtschaft, nicht in der Wissenschaft und natürlich auch nicht in der Familie. Die Idee der Demokratie ist eigentlich von Anbeginn der politischen Theorien an, von Platon bis in die Gegenwart, als eine völlig absurde Idee abgelehnt worden. Selbst Jean-Jacques Rousseau hat sich Demokratie nur in ganz kleinen Gemeinden vorstellen können, weil es in ganz kleinen Gemeinden eine sehr hohe soziale Kontrolle gibt, die es mehr oder weniger unmöglich macht, dass man sich das Eigentum anderer Leute durch den Stimmzettel aneignen kann. Wenn man große Gesellschaften von mehreren Millionen Leuten hat, wo alles anonymisiert ist, haben die Leute nicht die geringsten Hemmungen sich das Eigentum anderer anzueignen.
Lassen Sie mich ein drastisches Beispiel geben, das deutlich zeigt, was unter demokratischen Bedingungen eigentlich stattfindet. Nehmen wir an, wir hätten eine Weltregierung, eine Stimme pro Mann, pro Frau auf Weltebene. Wir hätten dann höchstwahrscheinlich eine indisch-chinesische Koalitionsregierung. Was würde diese indisch-chinesische Regierung für eine Politik zementieren, um in der nächsten Legislaturperiode wieder gewählt zu werden? Man muss nicht besonders erfindungsreich sein, um vorauszusagen, dass diese Regierung natürlich finden würde, dass die westliche Welt und Amerika viel zu viel Ressourcen haben und sie selbst viel zu wenig Ressourcen und dass aus diesem Grund eine systematische Einkommensverteilung vom Westen zum Osten angebracht sei. Ich denke das Beispiel ist deutlich genug.