Dämonische Gestimmtheiten

Leibniz versus Schopenhauer - Optimismus und Pessimismus philosophisch betrachtet

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 17. Juni 2005

 

In der älteren griechischen Literatur stand "Daimon" für eine dunkle und rätselvolle Kraft, die den Menschen ihr Lebenslos zuteilt. Das Zugeteilte machte den Einzelnen glücklich, eu-daimon, oder unglücklich, kako-daimon. Jedes menschliche Wesen hatte mit seinem Daimon zu leben: Die Beziehung begann mit der Geburt und endete mit dem Tod.

Der erste Versuch einer philosophischen Deutung erfolgte durch Herakleitos von Milet. Sie bestand aus drei verflochtenen Wörtern: "Ethos Anthropo Daimon". Übersetzt man bloß das Mittlere erhält man "Das Ethos ist dem Menschen Daimon", wobei "Ethos" so viel wie "Haltung", "Verhalten", "Eigenart", "Wesen", "Gesinnung" oder "Sitte" heißt, also die in sich selbst begründete Art des Charakters und des Denkens, moderner formuliert: die Individualität. "Daimon" wiederum bedeutet sowohl "Zuteiler" als auch "Schicksal". Eine mögliche Übersetzung wäre: "Des Menschen Eigenart ist sein Schicksal".

Mit "Daimon" meint Herakleitos das persönliche Los, den inneren Zufall, den Zustand, den es für jeden zu meistern gilt. Es handelt sich um etwas, von dem wir besessen, auf das wir ganz und gar versessen sind, weil dieses "Etwas" uns ausmacht, weil wir es selber sind. Dabei muss man nicht dem Glauben an das Schicksal oder gar dem an Dämonen verfallen sein, um an sich selbst eine Gestimmtheit existentiellen Themen gegenüber beobachten zu können. Diese Gestimmtheit ist unser je schon vorhandenes Wesen. Und es hat genügend potentielle Kraft, um auch zum Motor und Wegweiser philosophischen Denkens zu werden.

 

Gestimmt sind wir immer schon

Die Frage nach der Herkunft solcher Gestimmtheit ist damit freilich nicht beantwortet und bleibt offen, denn das Denken findet kaum Konkretes vor, um diesbezüglich zu plausiblen Thesen zu gelangen. Psychologen, die nach Erklärungen gesucht haben, sprechen von "erblichen Prädispositionen", von "Konditionierungsmustern", "Komplexen" oder "Archetypen" – womit sie dem Rätsel aber doch bloß neue Namen gaben.

Die Frage nach der Herkunft der Gestimmtheit ist durchaus kein Thema der Philosophie, obwohl die Gestimmtheit das Philosophieren wesentlich lenkt und einem stets dabei nichts anderes übrig bleibt, als die eigene Stimmung philosophisch zu erhärten. Man wird sie stillschweigend als Basis des eigenen Denkens akzeptieren, als Motivation und als den letzten Grund. Die Richtung, in die man sich bewegt, ist damit vorgegeben.

Darin liegt vielleicht das tiefste Geheimnis des philosophischen Denkens: Es ist nur scheinbar auf der Suche. Denn seine Wirklichkeit bedeutet – so pathetisch es auch klingen mag – nichts als die Ausweitung dessen, was in einem ist oder sich willkommen eingefunden und ungehindert aufgedrängt hat. Alle Erfahrungen, alle Gespräche, alles Lesen und Studieren, tragen letztlich dazu bei, das auszuprägen und zu fördern, was schon vorhanden ist. Am Ende versucht der Philosoph dann nur noch sprachlich überaus exakt zu treffen, was ihn seit jeher angespornt und in die Bahn geworfen hat. Philosophie wird zum "Selbstbekenntnis ihres Urhebers", wie dies Friedrich Nietzsche formulierte.

 

Lust- und Schmerzempfinden

Wollen wir etwa jemandes Wohlbefinden abschätzen und legen wir dabei unser Augenmerk auf quasi "objektiv" vorhandene Gründe, welche diese Person haben könnte, um Lust oder Freude zu empfinden, so werden wir uns oft verschätzen. Denn abgesehen von Fällen krassester Not, ist das Wohlbefinden nicht unbedingt an Gesundheit, Reichtum, Geisteskraft oder Schönheit festzumachen, wie man es vorerst vermuten würde, sondern ist vielmehr – gleich einer Gabe oder einem Talent – ganz in der ureigenen Persönlichkeit und Individualität verhaftet.

Andererseits gibt es auch solche Menschen, die am Schmerzvollen, Ärmlichen, Dummen und Hässlichen in dieser Welt leiden, die Lust und Freude nur schwerlich allein aus ihrer Persönlichkeit und Individualität ziehen können, wobei deren "objektive" Lebensbedingungen durchaus bestens sein können, dabei aber ebenso wenig ins Gewicht fallen müssen. Dass diese Blickrichtungen "falsch" sein sollen, weil sie der Realität nicht unmittelbar zu entsprechen scheinen, ist insofern unhaltbar, als die Gefühlswirklichkeit des Menschen dessen letzte Realität darstellt und durch nichts zu überbieten ist.

Unser Lust- und Schmerzempfinden – das heißt auch unser Wohlbefinden – ist derart individuell, dass es die Realität anderer Personen oftmals zu verspotten scheint. Denn unabhängig von ihrem Reflexionsniveau gibt es Menschen, für die die bloße Möglichkeit von Lust oder Glück das Dasein auf ein Podest hebt, welches durch kein Unglück völlig zerstört werden kann. So schweres Leid solche Menschen auch trifft, es wird nie zur letzten Instanz ihres Schicksals. Andererseits gibt es Menschen, für die die Existenz von Leid, ja die bloße Möglichkeit von Unglück das Leben gewissermaßen brandmarkt. Keine noch so große Lust kann hier Abhilfe schaffen.

So wird es möglich, mit glühenden Wangen zu behaupten, die Lust überträfe allen Schmerz bei weitem, wie es sich mit ebenso glühenden Wangen behaupten lässt, der Schmerz überträfe alle Lust. Doch damit wird ein Philosoph sich nicht zufrieden geben: Seine Sehnsucht nach Gültigkeit und Anerkennung treibt ihn an zur Arbeit des Begründens und seine Leidenschaft verhilft ihm dazu, sich ein Gerüst aus Argumenten zu verschaffen. Das, was ihm intuitiv und gleichsam "von selbst" ganz deutlich wurde, muss bloß noch in plausiblen Sätzen dingfest gemacht und abgesichert werden. Letzteres ist bloß eine Frage des klaren folgerichtigen Denkens sowie der Willenskraft und des Mutes, das Gedachte auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen.

 

Beste aller Welten

1710 klassifizierte Leibniz die Welt als die beste aller möglichen Welten: als mundus optimus. Er unternahm damit den philosophischen Versuch einer Theodizee, d.h. einer Rechtfertigung Gottes, und zwar gegen den Vorwurf, dass Gott auch für das Böse in der Welt verantwortlich sei, da es ja in seiner Allmacht gestanden wäre, das Böse zu verhindern. Um diesen Vorwurf zu entkräften, wurde unsere Welt von Leibniz eben als die beste aller möglicher Welten betrachtet, die Gott uns bieten konnte. Der Begriff "Optimismus" bezieht sich in der Folge und im Rahmen der philosophischen Tradition demnach auf den von Leibniz her geprägten philosophisch-theologischen Optimismus.

Diese Deutung der Welt als "Höchstleistung Gottes" machte Leibniz freilich auch zu einem der am kräftigsten verlachten Philosophen. Voltaire scheint Leibniz` Weltanschauung außerordentlich erregt und auch belustigt zu haben. Schopenhauer meinte dazu später, Leibniz wäre zumindest dafür zu loben, dass er Voltaire zu seinem Meisterwerk "Candide oder der Optimismus" (1759) angeregt hatte, dessen Witz und Brillanz Leibniz dann den philosophischen Todesstoß versetzen konnte. Aber auch der weitaus nüchternere Kant machte bereits wenige Jahre nach dem Tod Voltaires in seiner Schrift "Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee" (1791) dem philosophisch-theologischen Optimismus ein vorläufiges Ende.

 

Schlechteste aller Welten

Als Gegenbegriff zum "Optimismus" findet sich der "Pessimismus" erst bei Schopenhauer, der meinte, dass wir es mit der schlechtesten aller denkbaren Welten zu tun hätten. Unsere Welt – mundus pessimus – sei so schlecht, dass es gerade noch möglich sei, in ihr zu existieren.

Dabei hatte Schopenhauer durchaus nicht die Absicht, seine Zeitgenossen zu entmutigen und eine tatenlose Hinnahme und Duldung dieser "schlechtesten aller möglichen Welten" hatte er schon gar nicht im Sinn. Schopenhauer verschob den Kampf gegen das "Schlechte" – oder besser: gegen all das Schreckliche auf dieser Welt – bloß von unserer banalen Alltagswirklichkeit in die geistige Innenwelt, wo mit den Mitteln der Kunst, Philosophie, Relgion und mit Hilfe des Mitleids eine innere Befreiung versucht werden sollte. Die damals nach Schopenhauers Tod bald gängige Bezeichnung "Pessimismus" für seine Philosophie war so ein Missverständnis: Kaum jemand meinte damit bloß die Umkehrung der Leibniz'schen Formulierung. Die Bedeutung von "Pessimismus" wurde ausgeweitet, wurde die Devise eines enttäuschten Unternehmergeistes, zudem der Gegenbegriff zum damals gängigen Fortschrittsglauben und zum Symbol der Ernüchterung nach Hegels philosophischen Versuchen einer Staatsvergöttlichung – und nach dem Scheitern der Revolution von 1848.

 

Dunkler Fatalismus

Die Wurzeln pessimistischen Denkens liegen freilich nicht nur bei Schopenhauer: Der dunkle Fatalismus der vorsokratischen Philosophie, die unhaltbare menschliche Hybris im Bezug auf die menschliche Vernunft sowohl im deutschen Idealismus als auch in der Aufklärung und auch die Literatur der Romantik mit ihrer Betonung der Nachtseite des Menschen haben viel zur Entstehung des Pessimismus beigetragen.

Darüber hinaus würde wohl niemand von jemandem, der sich heute als Optimist bezeichnet, annehmen, dass er tatsächlich ein Anhänger der Leibniz`schen Theodizee sei. Dies macht deutlich, dass auch der Begriff "Optimismus" nur mehr wenig mit seiner ursprünglichen Bedeutung gemeinsam hat. Heute kann "Optimismus" im philosophischen Sinn auch für höchste Hoffnung, Lebensbejahung, aktive Kraft, Möglichkeit zur Entwicklung oder dynamische Weltanschauung stehen.

Hier mag man an Hegel denken, aber vor allem trifft dies für Nietzsches Philosophie zu. Dabei verstand Nietzsche "Optimismus" wiederum als Anzeichen des philosophischen Niedergangs, der seiner Meinung nach mit Sokrates begonnen hatte. Er meinte damit den rückhaltlosen Glauben an die Vernunft, den Sokrates ja mit Leib und Seele vertrat und dem im Zuge der philosophiegeschichtlichen Entwicklung erst Schopenhauer abgeschworen hatte; den Glauben an den guten und wissenden Menschen, den Nietzsche letztlich verachtete. Den Streit um "Optimismus" und "Pessimismus" tat Nietzsche letztlich als "Flachkopf-Geschwätz" ab. Er selbst sollte dem Inhalt dieser Diskussion aber auf ganz andre Weise wieder neues Leben einhauchen.

Vom Standpunkt der Logik aus betrachtet kann die Welt freilich weder die beste noch die schlechteste sein: Sie ist mangels jeglicher Vergleichsmöglichkeit zu anderen Welten, d.h. mangels außerirdischer Maßstäbe, schlichtweg nur dasjenige, was der Fall ist, in ihrer Gesamtheit bloß die wertneutrale Realität – was andererseits aber nicht heißen muss, dass immer nur darüber geschwiegen wird, wovon man nicht sprechen kann.

 

Ein grundlegender ethischer Dualismus

Befreit man die Worte "Optimismus" und "Pessimismus" von ihrem philosophiegeschichtlichen Korsett und betrachtet die Bedeutung ihrer lateinischen Herkunft, so scheinen sie jedoch durchaus fähig, einen grundlegenden ethischen Dualismus zu tragen. "Optimismus" ist demnach eine Haltung, ein Bekenntnis, eine Gestimmtheit, bei der ein Mensch das Bewusstsein vom Besten und Hervorragendsten beständig in sich trägt, also zu wissen meint, was dieses Beste und Hervorragendste ist oder sein könnte, sein sollte, sein müsste – was sich zwangsläufig auch auf die Lebensgestaltung auswirkt. Mit umgekehrten Vorzeichen gilt dies alles auch vom "Pessimismus".

Diese grundlegende Tendenz, den Blick vorwiegend auf das einem Angenehme oder Unangenehme zu richten, führt bei philosophischem Interesse stets zu ganz gewissen - wenn auch höchst unterschiedlichen - philosophischen Gedanken, die stets Ausdruck jener vorherrschenden Gestimmtheit sind. So wird Philosophie, sofern sie nicht bloß akademisch motiviert oder reine Wortakrobatik ist, immer auch ein inneres Anliegen haben. Und oft sind es regelrechte Obsessionen, die dem Denken Ausdruck und Nachdruck verleihen.

Obsessionen sind unmissverständliche Bekenntnisse. Den Feind stets scharf im Visier, verachtet der von seinen Obsessionen Besessene das milde Lächeln der Weisheit. So wie ein Trichter die Flüssigkeit zwar bremst, doch dann beschleunigt auf ein Ziel zulaufen lässt, hat er einen verengten, doch dafür scharfen Horizont. Er spricht sich aus, tritt für etwas ein, zeigt Profil. Freilich kommen Obsessionen einem Besetztsein, einer Blockade gleich, und der Psychologe versteht sie als mit Furcht verbundene Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. Doch eines ist gewiss: Dort, wo der Philosoph es leid ist, wissenschaftlich zu sein, und also endlich und notwendig bekennt, ist dies immer, falls er tatsächlich etwas zu sagen hat, ein bestechendes hermeneutisches Schaustück.