Ist alles zu gestalten?

Otl Aicher und Friedrich A. von Hayek, der moderne Designer und der konservative Ökonom, kommen zu vergleichbaren Einsichten

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht im Design-Monat Magazin, Mai/Juni 2013

 

Otl Aicher und Friedrich A. von Hayek, der moderne Designer und der konservative ökonom, kommen zu vergleichbaren Einsichten: Wir leben in einer vom Menschen gemachten Welt, die wir jedoch weder so machen wollten, noch so hätten planen können. Was ist demnach zu tun?

In seinem umfangreichen Werk, das für die Gilde der Designer, wie mir scheint, eine lehrreiche Inspirationsquelle ist, greift Otl Aicher ein Grundparadox menschlichen Lebens auf: Der Mensch ist vorrangig jenes Wesen, das aus seinen Artefakten lebt und sich durch das bestimmt, was er mit ihnen tut. Der Mensch ist ein sich selbst bestimmendes, sich selbst steuerndes Wesen.

Doch ist er das wirklich? Uns wird angeraten, an die Freiheit zu glauben und an das Recht; beides Ideale, hinter denen wir uns zurückziehen, vor denen wir geradezu verschwinden, mit denen wir uns aber manipulieren, gleichschalten und in lenkbare Systeme einordnen lassen. Wir sind Untertanen. Noch dazu wissen wir heute, dass die Menschheit nicht planbar ist. Von Planwirtschaft, so Aicher in analog und digital, rede niemand mehr. Umso mehr glaube man heute, dass die Menschheit steuerbar wäre, was auf dasselbe hinauslaufe. Dies erkläre auch den unaufhaltsamen Fortschritt der Bürokratie und den Erfolg der Statistik. Unsere Welt wird mehr denn je gemacht.

Aichers Ausweg ist eine Flucht noch vorn: Dann gelte es eben alles umso sorgsamer zu gestalten, doch abseits der Systeme, nicht als deren Erfüllungsgehilfen, sondern als freie Individuen, mit Herz und klarem Blick. Es sei ein Fehler gewesen, immer bloß dem Rationalismus und dem Funktionalismus gefolgt zu sein, d.h. am Reißbrett, mit Zahlen und Statistik, mit Logik und Kalkül agiert zu haben. Wer immer bloß rationalisiere, könne nur in die Irre gehen. Wir müssten hingegen wieder sehen lernen, um uns ein Bild zu machen. Denkt nicht nach, schaut hin!), empfielt uns Aicher, wie dies auch Wittgenstein seinen Schülern angeraten hat.

Wer Denken und Machen in eine sinnvolle Einheit bringen will, muss in sich ruhen und seinen Geist entwickeln. Wer bloß um des Machens willen macht, verfehlt sein Ziel. Entwerfen und Gestalten, so Aicher, müssten fundamentalen Ansprüchen genügen, denn es gehe um nichts weniger als um die Selbstbestimmung des Menschen. Eine gute Gestalt sei demnach kein Resultat eines noch so klaren Codex, auch kein Ergebnis von Kunst, sondern ein Ergebnis der Anwendung. Design, richtig verstanden, verzichtet auf den ästhetischen Absolutismus der Kunst und sucht die ästhetik des Gebrauchs, die Tuchfühlung mit den Fakten und Artefakten, das experimentelle Spiel. Dies sei nur möglich durch den Verzicht auf das "Höhere", durch eine Abkehr vom Idealismus, durch eine Gestimmtheit, die das Ergebnis offen halte.

Friedrich A. von Hajek, wie Otl Aicher erbitterter Gegner des Nationalsozialismus, kommt in Der Weg zur Knechtschaft zu vergleichbaren Einsichten. So sei die Entwicklung unserer westlichen Zivilisation nur deshalb möglich gewesen, weil die Menschen sich den unpersönlichen Kräften des Marktes unterworfen hätten. Niemand habe diese Entwicklung bewusst geplant und angeordnet, sondern sie habe sich im Zuge stetig komplexer gewordener Tauschverhältnisse auf dem Wege einer kulturellen Evolution gleichsam von selbst ergeben. Der Vorsatz, dieses Bauwerk nun gestalten zu wollen, könne demnach nur die Folge eines in die Irre gehenden Rationalismus sein. Kein Einzelwesen und auch keine Behörde habe so etwas wie einen vollkommenen überblick. Niemandem könne die Kompetenz über unser aller Leben zugesprochen werden. Politische Planung und Regulierung müsse demnach zwangsläufig zu einer Verschlechterung der Verhältnisse führen und letztlich die persönliche Freiheit zerstören.

Echter Individualismus, so Hayek, zeichne sich dadurch aus, dass jede Form von Planung von einer Vielzahl einzelner Individuen und nicht zentral von einer Behörde durchgeführt wird. Viele der größten Errungenschaften sind nicht das Ergebnis bewussten gerichteten Denkens und noch weniger das Produkt bewusst koordinierter Bemühungen vieler Individuen, sondern das Ergebnis eines Prozesses, in dem der Einzelne eine Rolle spielt, die er nie ganz verstehen kann. ökonomische Bedeutung habe Freiheit allein deshalb, weil sie Raum für das Unvorhersehbare und Unvoraussagbare lässt. Da man nicht wissen könne, welche Experimente mit Verfahren, Produkten oder Dienstleistungen sich als erfolgreich erweisen, sei maximaler Freiraum am zweckmäßigsten: Weil wir selten wissen, wer von uns etwas am besten weiß, vertrauen wir darauf, das die unabhängigen und wettbewerblichen Bemühungen Vieler die Dinge hervorbringen, die wir wünschen werden, wenn wir sie sehen.

Ja, es wird alles gestaltet, so Aicher und Hayek. Aber es sollte nicht im Namen aller oder eines "Höheren" geschehen. Das geht ins Auge. Das wird nicht bloß hässlich, sondern echt unangenehm. Da gilt es rasch aufzuwachen.