back

Was ist ethisch korrekt?

Ethik ist modern. Nach ethischen Grundsätzen soll entschieden werden, was Wissenschafter oder Unternehmen dürfen. Der Philosoph Eugen-Maria Schulak, Lehrer an der Siemens Academy of Life, gibt Managern Argumente in die Hand, um in ethischen Diskussionen die Oberhand zu behalten.

ELISABETH DOKAUPIL
four!times (03/2001)

 

four!times: Philosophie gilt als brotlose Kunst. Sie machen damit ein Geschäft. Wozu brauchen Manager oder Unternehmen Philosophie?

Schulak: Es geht darum, Argumente zu ordnen. Vielen wird bei einem Gespräch mit mir bewusst, dass ihre Privatmeinung eigentlich eine der zahlreichen philosophischen Theorien der Menschheit widerspiegelt. Wenn man die Zusammenhänge kennt, kann man seine Position, seine Meinung besser vertreten.

fourtimes: Über welche Fragen zerbrechen sich Ihre Klienten den Kopf?

Schulak: Macht ist ein wichtiges Thema bei Managern. Es geht darum, wie Machtstrukturen entstehen, wieder zerfallen, wie Macht genutzt wird. Wer erfolgreich ist, lebt letztlich in einer Extremsituation. Es bleiben Spuren und Fragen zurück. Der Job verlangt Anpassung an die Umstände. Man kann nicht immer seinen Werten und Vorstellungen entsprechend handeln. Meine Klienten unterhalten sich mit mir darüber, über ihre Fragen und Zweifel.

four!times: Letztlich geht es hier um Fragen der Ethik. Gibt es darauf schlüssige Antworten?

Schulak: Es gibt nicht die eine Ethik. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten ethischen Handelns. Ein und dieselbe Frage wird etwa nach den Grundsätzen der utilitaristischen, epikuräischen, christlichen oder evangelischen Ethik völlig unterschiedliche beantwortet. Letztlich handelt aber der ethisch, der das, was er tut, am besten begründen kann. Auch Ethikkommissionen tun letztlich nichts anderes. Sie sammeln Informationen und treffen dann Entscheidungen. Wenn Leute mit mir diskutieren wird ihnen klar, dass über viele Fragen schon einmal philosophiert wurde und dass man sich auch innerhalb einer Tradition begreifen kann.

four!times: Damit gibt es auch auf die Frage nach der Gerechtigkeit, die viele beschäftigt, keine eindeutige Antwort.

Schulak: Die Frage nach der Gerechtigkeit ist derzeit Teil einer der wenigen verbliebenen politisch-philosophischen Diskussionen. Seit dem Fall der Berliner Mauer ist nämlich Kapitalismus mehr oder minder gängige Religion, an der wenig Zweifel geäußert wird.

four!times: Zwischen wem wird die Diskussion über Gerechtigkeit geführt?

Schulak: Die Kontrahenten sitzen in Deutschland und Frankreich. Der Deutsche Habermas stellt sich den Entstehungsprozess von Gesetzen folgendermaßen vor: Alle Beteiligten setzen sich an einen Tisch, halten sich an gewisse Diskursregeln, einigen sich auf etwas, und daraus entstehen dann Vorstellungen, die in Gesetze gegossen werden können. Die Franzosen halten das für blauäugig. Ihre Argumentation: Niemals sitzen alle Betroffenen an einem Tisch. Außerdem können bessere Verhandler schlechtere über den Tisch ziehen. Sie halten jeden Konsens für prinzipiell autoritär.

four!times: Wie kann man nach der Meinung der Franzosen zu allgemein gültigen Gesetzen kommen?

Schulak: Es geht um die Betonung des Dissens und seine Dokumentierung. In der Praxis bedeutet das: Frauen, Männer, Junge, Alte haben unterschiedliche Bedürfnisse, die auch in den Besetzen berücksichtigt werden müssen. Damit rüttelt man allerdings an unserem Rechtssystem, an den Menschenrechten. Denn hier gilt gleiches Recht für alle.

four!times: Spiegelt sich dieses Problem nicht auch im aktuellen "Kampf der Kulturen" wider?

Schulak: Vertreter der islamischen Kultur berufen sich auf den Koran, der andere Maßstäbe setzt als die europäischen Vorstellungen entsprechenden Menschenrechte. Bereits Kant hat gefordert, die Republikanische Verfassung über die ganze Welt auszubreiten. Wir versuchen durch ein einheitliches Wertsystem die Gefahr eines Krieges zu reduzieren. Noch ist aber nicht klar, wer sich hier durchsetzen wird und wie lange und ob wir bereit sind, für diese Grundsätze auch Krieg zu führen.

four!times: Philosophen versuchen immer auch die Zukunft vorherzusagen. Waren sie in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich?

Schulak: Natürlich ist Philosophie jeweils Beschreibung des Zeitgeistes und sie versucht auch Entwicklungen vorauszusehen. Es gab auch sehr erfolgreiche Vordenker. So wurde das globale Dorf zu einem Zeitpunkt prognostiziert, als nur einige Militärbasen durch das Internet verbunden waren. Doch oft werden nur einige Teilaspekte der Zukunft gesehen. Erst in letzter Zeit wurde klar, dass das WWW nicht alle Menschen verbindet. Menschen, die keinen Zugang zu Technologien oder auch zu Fremdsprachenkenntnissen, wie Englisch, haben, werden stärker ausgegrenzt als bisher.

four!times: Sie haben einen Lehrauftrag an der Siemens Academy of Life und sitzen in jenem Gremium, das zu beurteilen versucht, warum die dort vorgestellten außergewöhnlichen Persönlichkeiten erfolgreich sind. Zu welchen Ergebnissen sind sie bisher gekommen? Gibt es Eigenschaften, die erfolgreich machen?

Schulak: Diese Personen arbeiten viel, schenken sich nichts, sie bleiben bei der Sache, haben eine hohe Frustrationstoleranz und können auch mit Niederlagen umgehen. Sie sind größtenteils Narzisten, die gern in der Öffentlichkeit stehen und ein hohes Bedürfnis nach Anerkennung haben.

four!times: Welche Konsequenzen hat Erfolg für das persönliche Umfeld?

Schulak: Die um sie sind, kommen meistens zu kurz. Der Preis für den Erfolg ist gewöhnlich hoch. Das Geltungsbedürfnis ist aber offensichtlich stärker, ebenso wie die Begeisterung für die Sache, die man macht.