Die europäische Ideologie

Die metaphysischen Grundlagen der antiken griechischen
Philosophie als Wurzeln des heutigen Eurozentrismus

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 9. April 1999

 

Europas erste Philosophen wirkten ab 600 vor Christus, in einer Zeit, die in vielen Bereichen noch archaisch war: Orakel, Opfer und Legenden standen im Zentrum kulturellen Engagements. Philosophie war Angelegenheit versprengter Einzelner, um die sich zaghaft kleine Gruppen scharten. Diese hatten untereinander zwar Kontakt, erreichten aber kaum ein öffentliches Publikum. Erst langsam nahm das alte Griechentum die neuen Denkstrukturen in sich auf. Von einer philosophischen Szene war noch lange nicht die Rede. Erst später, als Athen zum Zentrum avancierte, sollte das Wissen sich in etablierten Schulen sammeln und in der Folge zur Basis griechischer Wissenschaft und Bildung werden.

Jene, welche den Grundstein legten, wie Xenophanes, Heraklit, Parmenides und Anaxagoras, bezogen ihre schöpferische Kraft aus der Kritik an den althergebrachten Mythen. Diese hatten ursprünglich zur geistigen Orientierung gedient, wurden dann aber zunehmend als unzureichend empfunden. Die Kritik am Mythos erfolgte mit den Mitteln der vernünftigen Überlegung und Diskussion, wovon man sich Einsicht in die tatsächliche Realität versprach.

 

Weltvernunft

Um ihrem Standpunkt innerhalb der griechischen Kultur Gewicht zu geben, schufen die ersten Philosophen eine Art Gegenmythos, eine metaphysische Ideologie: Das All, so wie wir selbst, sei von einer geistigen Kraft, einem Weltgesetz, einer Weltvernunft durchzogen. Diese befähige uns dazu, die Natur in ihrem wahren Wesen zu erkennen. Wenn wir uns nur genügend anstrengen und unsere Geisteskräfte kultivieren würden, läge uns die Welt mit all ihren Gütern und Rätseln einmal restlos zu Füßen.

Den Texten jener Philosophen sind freilich auch Klagen über die Begrenztheit unserer Erkenntnis zu entnehmen. Es gelte aber unentwegt gegen diese Grenzen anzurennen. Und nichts, außer unserer Faulheit vielleicht, stehe uns dabei im Wege. Kein strafender Gott behindere uns, denn unser Gott sei die Vernunft, sei in uns selbst. Ohne zu zögern habe der Mensch an sich zu arbeiten, an Weisheit, Schönheit und Stärke zu erblühen, um der Natur, so wie sich selbst, den letzten Schliff zu geben.

So geschah es, dass die Vernunft mit dem sittlich Guten identifiziert wurde, die Erziehung zur Vernunft als moralisches Gebot erschien, man die Welt als vernünftig strukturiert betrachtete und sich diese Welt im Namen der Vernunft auch untertan machte. Die Philosophen setzten jene Fähigkeit, jenes Prinzip, von Anfang an in die Sphäre des Göttlichen und priesen sie in unzähligen Schriften.

Der Wunsch nach Aufklärung und Wissen veränderte die Welt maßgeblich. Ein starker Glaube, ein tiefer Optimismus waren Basis und Antriebskraft von Anfang an. Die metaphysische Voraussetzung - eine vernünftig strukturierte und allgemein fassbare Wirklichkeit bzw. die menschliche Fähigkeit, die Wirklichkeit vernünftig strukturieren zu können - wurde erst später kritisch reflektiert, und zwar dann, als die rationale Ordnung der Dinge und die rationale Struktur unseres Erkenntnisapparates nicht mehr plausibel erschienen und man die Dimension des Irrationalen mit Erschrecken begriff. Dies war jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert der Fall und nur innerhalb der philosophischen Disziplin. Wissenschaft, Technik und Ökonomie blieben in ihrer Praxis davon weitgehend unbeeindruckt.

 

Keine Mythen mehr

Der erste jener Griechen, die den Mythen nicht mehr glauben wollen, ist Xenophanes. Freilich kann er die Götterwelt noch keineswegs besiegen, doch er versucht sie zu zersetzen, indem er seinen Spott verbreitet. "Wenn die Ochsen, Rosse und Löwen Hände hätten", schreibt er, "und malen könnten (...) und Statuen bilden wie die Menschen, so würden die Rosse rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Statuen bilden, wie sie gerade selbst ihre Form hätten".

Der religiösen Einfalt stellt Xenophanes ein neues theologisches Konzept entgegen. Demnach ist bloß "ein einziger Gott unter Göttern und Menschen am größten, weder an Gestalt noch an Gedanken den Sterblichen ähnlich". "Gott ist ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr" und "ohne Mühe erschüttert er alles mit seines Geistes Denkkraft". Mag sich ein Mann des Volkes die Götter weiterhin als Helden vorstellen, es sei ihm verziehen, er ist ein Banause. Ein Philosoph jedoch, dessen Weisheit "besser als die rohe Kraft" ist, wird einem Zeus, Poseidon und Hephaistos nichts mehr abgewinnen können: Denn Gott ist unvergleichlich, "ganz Geist", wie auch ein Philosoph sich unvergleichlich geistvoll fühlt; Gott ist "ein Einziger", wie auch ein Philosoph stets solitär und souverän sein will und Gott erschüttert, lenkt alles mit "seines Geistes Denkkraft", wie auch ein Philosoph stets zu erschüttern weiß und vor dem Lenken wenig Skrupel hat.

Somit wird vorerst eines klar: Wenn die Philosophen Göttergestalten bilden, sind sie den Ochsen, Rossen, Löwen und gewöhnlichen Menschen um nichts voraus. Sie verehren dann, wie jene anderen, bloß das Ideal ihrer selbst.

Darüber hinaus hat Xenophanes die Vorstellung, dass "die Gesamtheit aller Dinge bloß ein einziges Wesen" ist. Wenn Gott nun aber einerseits ganz Geist und andererseits das Ganze ist, dann muss das Ganze, wie auch der Mensch, von Gott sowie vom Geist durchdrungen sein. So kann Xenophanes voll Hoffnung in die Zukunft sehen: Wurde den Menschen auch nicht alles Wissen gleich enthüllt, so "finden sie doch, suchend, nach und nach das Bessere". Das "Bessere" zu finden, der Fortschritt zum Vernünftigen ist angesichts der göttlich-geistigen Allgegenwart bloß eine Frage der Zeit. Dass Xenophanes als Kritiker der Mythen damit einen neuen Mythos schuf, das konnte er wohl kaum erahnen.

Wie für Xenophanes ist auch für Heraklit das Göttliche ein Geistiges. Er nennt es "Logos", manchmal auch "Blitz", "Feuer" und "Verhängnis". All diese Worte bedeuten ihm ein und dasselbe, nämlich jene ordnende Kraft, welche "alles auf alle Weise zu steuern weiß", welche in den Prozessen der Natur das Gemeinsame, der Zusammenhang ist. Wo Barbarenseelen das Walten obskurer Götter oder gar Chaos vermuten, erkennt der Philosoph die Ordnung. Und er erkennt sie deshalb, weil er sich selbst als einen Teil von ihr begreift und sie in Form seiner Vernunft auch aktiv benutzt.

 

Notwendiger Widerspruch

Wesentlich für Heraklit ist die Idee, dass "alles eins ist". Dieses Eine hat die Aufgabe das Gegensätzliche in allem zu verwalten. "Warm und kalt", "trocken und feucht" sind dauerhafte Widersprüche, wandeln und bekämpfen sich, und doch sind sie ein Ganzes: deshalb, weil sie geordneten Strukturen entsprechen und ein Gesetz in ihnen wirkt, welches die Weltvernunft, der Logos ist. Zwar ist der Kosmos Kampfplatz gegensätzlicher Prinzipien, doch durchschaut man deren Wirkungsweise, so werden all die Widersprüche als Notwendigkeit begriffen. Der Zusammenhang ist hergestellt, was einen Blick aufs Ganze freigibt: "Das Widerstrebende vereinigt sich und aus den entgegengesetzten Tönen entsteht die schönste Harmonie, und alles Geschehen erfolgt auf dem Weg des Streites".

Die Welt ist ewiger Prozess. Bewegung und Wechsel, Krieg und Vergänglichkeit prägen ihr Erscheinungsbild. Dennoch ist in allem Logoshaftes, "erglimmend nach Maßen und erlöschend nach Maßen".So hat auch jeder Einzelne die Chance in sich ein Feuer zu entzünden, "die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und vernünftig zu denken". Dem Menschen, als einem Bestandteil der vom Logos strukturierten Welt, ist es gegeben, den Gesamtprozess allmählich zu verstehen. Zwar ist es keineswegs ein Leichtes, all die Rätsel der Natur zu lösen, doch da der Logos ausnahmslos in allem wirkt, können wir kraft des Logos sowohl die Natur als auch uns selbst erkennen.

Wie Heraklit geht auch Parmenides von der Erfahrung aus, dass die Natur sich immerzu verändert. Die große Harmonie in allem, wie sie Heraklit behauptet, ist für Parmenides jedoch nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil: Es herrscht das Chaos, andauernd kommt Neues auf und anderes verschwindet wieder, nichts bleibt, aber auch gar nichts "ist". Die Welt "ist" schlichtweg nicht, weil sie niemals einen Ist-Zustand bedeutet, sondern bloß wird und vergeht, was einem Nicht-Ist-Zustand gleichkommt: "Nötig ist zu sagen und zu denken, dass nur das Seiende ist; denn Sein ist, ein Nichts dagegen ist nicht; das heiße ich dich wohl beherzigen".

Um dieses stete Werden und Vergehen nun aber in den Griff zu bekommen, muss unser Denken ein Exempel statuieren und behaupten: Etwas "ist" so oder so, und nicht anders. Die Prozesse der Natur wären wohl niemals Gegenstand der Erkenntnis geworden, wenn unser Denken sie nicht künstlich angehalten und in einen Ist-Zustand verwandelt hätte. Das stete Fließen entzieht sich jeder Formulierung. Erst unser Denken, welches sagt, dass etwas "ist" und damit "Sein" schafft, produziert die Welt des Bleibenden: "Schau (...) mit dem Geist, wie durch den Geist das Abwesende anwesend ist mit Sicherheit".

Parmenides sieht die Vergänglichkeit und strebt gleichzeitig Gewissheit an. Gewissheit aber ist ein Zustand, der wegen der Vergänglichkeit nicht sein kann: Liegt die Vergänglichkeit im Blickfeld, ist nichts gewiss. Wird die Gewissheit angestrebt, darf nichts vergehen. Dass aber etwas nicht vergeht, ist gegen die Gesetze der Natur. Deshalb verlässt Parmenides die Welt und denkt sich eine andere aus: die Welt der Logik. Nur dort ist Unvergänglichkeit.

 

Geist als Gott

Die Winkelsumme eines Dreiecks "ist" 180 Grad. Allein, dass dieser Tatbestand sich jeder Zeitlichkeit entzieht, quasi die Ewigkeit beschwört, hätte Parmenides zutiefst beeindruckt. Erfahrungen des Alltags können dem niemals gleichkommen. Demnach hat auch die sinnlich-existente Welt im Ganzen wenig Wert. Die logisch-gedachte Welt hingegen bedeutet Wahrheit. Die menschliche Vernunft kann diese Wahrheit, dieses "Seiende" erkennen. Das "Nicht-Seiende" erkennt sie nicht. Es wird, weil undenkbar, weil unfassbar, als Schein-Meinen, als Unwahrheit verworfen. Die Wahrheit ist bloß auf formalem Wege möglich. Sie ist etwas Gedachtes, eine Konstruktion.

Anaxagoras treibt die Vergöttlichung des Geistes auf die Spitze. Denn der Kosmos, so der Philosoph, war nicht von Anfang an. Einst herrschte Chaos, und die Materie lag wirr durchmischt und ohne Form im Raum, alles stand still. Damit die Ordnung überhaupt entstehen konnte, bedurfte es der Einwirkung von außen, einer Ursache: nämlich des Geistes. Und als der Geist die Bewegung begann, versetzte er die Urmasse in Rotation, sodass die Ordnung sich auf Grund zentrifugaler Kräfte langsam bilden konnte. Der Geist stand währenddessen außerhalb. Denn er ist "selbstherrlich, vermischt mit keinem Ding, sondern allein, selbständig und für sich (...). Er ist das feinste aller Dinge und das reinste, und er besitzt von allem Kenntnis, hat die größte Kraft (...). Und wie es war (...) und alles was jetzt ist, und wie es sein wird, ordnete er an."

Das Bewegende, so Anaxagoras, muss über dem Bewegten stehen. Das Bewirkende hat über dem Gewirkten, über der Wirklichkeit zu ruhen. Am Anfang war der Geist. Und da er "seine Macht nur aus sich selbst" hat, gibt es kein Davor. Er ist unendlich, selbstherrlich und rein, ist Ursache von allem wie Ursprung seiner selbst, und "über alles, was nur Seele hat, über die größeren wie die kleineren Wesen, hat er die Herrschaft".

 

Europas Hybris

All das, was jene Pioniere - Xenophanes, Heraklit, Parmenides und Anaxagoras - voll Stolz und Selbstbewusstsein schufen, wurde von Platon, Aristoteles und vielen anderen gelesen, in deren Werken fortentwickelt und so zur Grundlage eines "modernen" Griechentums. Die Renaissance und das Zeitalter der Aufklärung bauten auf jenen Grundlagen der Alten auf und machten sie zum Kernstück der modernen Zeit. Hier liegt der Anfang eines Weges, der ideologische und psychologische Beginn der europäischen Entwicklung. Das Christentum und die arabische Kultur sind freilich ebenso als Wurzeln anzusehen, doch jener Geist des alten Griechenland, der Logos der Neugier und der Enthüllung, der Respektlosigkeit und des Getriebenseins, der Egozentrik und der Extreme, war letztlich stärker.

Jene Maximen gelten heute mehr denn je. Sie sind die Wurzeln einer Kraft, die etwa einen Livingston durch Afrika getrieben hat, um weiße Flecken auf der Weltkarte zu erforschen, um reich und unsterblich zu werden. Jene Parolen sind der Hintergrund der Gier nach Wissen und nach Macht, die Basis der Erfolgsgeschichte des Westens, welcher den Rest der Welt wohl heute zweifellos beherrscht. In diesen Sätzen liegen aber auch die Wurzeln all der Grausamkeit und Arroganz, die unserer Kultur nun einmal eigen sind. Eine Blutspur, die ihresgleichen sucht, aber auch ein Weg, der uns zu Wohlstand und Bildung verhalf, sind Konsequenzen dieses Denkens.

Während die Philosophie der Gegenwart weitgehend von skeptischen, nihilistischen und zynischen Denkmustern durchzogen ist, leben innerhalb von Wissenschaft und Technik in ihrer Praxis die Entdeckungswut und der latente Optimismus ungebrochen fort. Nach wie vor werden ungeheure Energien freigesetzt. In rasender Geschwindigkeit wird die Natur tagtäglich schonungslos enträtselt. Gleichzeitig geht die Angst vor der Naturzerstörung, vor der Arbeitslosigkeit und vor der Aggression um, und das nicht ohne Grund.

Im Zeitalter der Globalisierung ist die europäische Kultur auf dem Umweg über die USA und über Teile Asiens zu einer Art Siegeszug angetreten. Europäischer Forschungsdrang, europäische Marktgesetze haben letztlich auch zur politischen Einigung und zur Währungsunion geführt. Der Geist Europas bildet in unseren Tagen die Grundlage eines geschlossenen, ungebrochenen und erfolgreichen Systems. Und es sieht so aus, als ob der Absolutheitsanspruch europäischer Lebensart und europäischen Denkens in seiner Totalität erst heute radikal gestellt und eingefordert würde. - Doch Hochmut, jene "Hybris", die bereits Homer beschrieben hat, war für die Griechen stets ein Zeichen für Gefahr.