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Termin beim Philosophen

von ILSE NEKUT
Erlaftal-Bote (16. 08. 2000)

 

"Er lebte immer in der Öffentlichkeit. Wenn sich der Markt füllte, war er dort zu sehen, und die übrige Zeit des Tages war er immer dort, wo er die meisten Leute antraf." Dies ist nicht die Beschreibung des Alltags eines wahlwerbereisenden Politikers; nein, so beschreibt Xenophon ca. 400 v. Chr. seinen Lehrer Sokrates, den großen Philosophen.

"Philos" (grch.) heißt "Freund", und "Sophia" bedeutet "Weisheit". Solche "Freunde der Weisheit", Philosophen also, - gibt es die noch in unserem Informations- und Konsumationszeitalter? Ja - es gibt sie! Sie wandeln zwar nicht mehr auf Märkten und Straßen und werden auch nicht - so wie Sokrates - wegen Verführung der Jugend zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt, aber die Liebe zur Weisheit und die Freude am Denken lassen sich wohl niemals ausrotten.

Kürzlich, bei meinem letzten Aufenthalt in Wien, hatte ich einen Termin beim Philosophen. Ja - andre Leute haben Termine beim Zahnarzt oder beim Therapeuten; ich hatte einen bei "meinem" Philosophen. Ein junger, kluger Mann, Dr. Eugen-Maria Schulak (Tel. 01-4021240), hat eine interessante Marktlücke entdeckt und eine so genannte "Philosophische Praxis" eröffnet. In einer Zeit, in der das "Außer-sich-Sein" der Normalzustand ist, hat dieser Dr. Schulak erkannt, dass es doch noch Menschen gibt, die "in-sich-gehen" wollen und diesen Weg mit philosophischen Gesprächen befestigen möchten. Ich war dort! Und ich denke, die "Philosophische Praxis" in der Schlösselgasse 24 ist ein Ort, wo der Geist erfrischt und die Sehnsucht der Seele nach Denken gestillt werden kann.

In einer Spaßgesellschaft wie der unsrigen konsumieren wir nahezu alles - Information, Wissen, Kultur und sogar Menschen -, aber wir gleichen dabei den Quallen, die formlos, haltlos, blind und unbewusst in einem Meer unerkannter, Jahrtausende alter Gedankenschätze umhertreiben. Was aber macht den Menschen aus, der sich von den Quallen unterscheiden will? Es gilt, Werthaltungen, Weltbilder, Anschauungen und Standpunkte zu entwickeln in dieser unüberschaubaren Welt: Werthaltungen - das bedeutet, einen Halt zu haben statt im Sumpf beliebiger Vielfalt, die nichts mehr wichtig nimmt, zu versinken. Weltbilder - das bedeutet, sich ein Bild von der Welt malen zu können statt nur Informationen dumpf zu speichern. Anschauungen - das heißt, wertendes, denkendes Schauen der Dinge zu betreiben statt nur anonym und voyeuristisch überall zuzuschauen. Und Standpunkte erfordern das Bewusstsein und die Kenntnis jenes Punktes, wo man steht und Stellung bezieht.

Der Besuch in Dr. Schulaks Philosophischer Praxis hat meiner Seele zu Luftsprüngen verholfen, für die der Geist das Trampolin ist! Die Marktlücke, die dieser Philosoph der heutigen Tage entdeckt hat, kann gefüllt werden mit der Erkenntnis, dass der Mensch ein denkendes, mit Geist begabtes Wesen ist, das sich nicht teilen lässt in Bits und Bytes und Modulen. Die Philosophie ist ein Weg zur Bewusstheit des "Individuums" (lat.), was übersetzt nichts anderes bedeutet als "das Unteilbare". Und in diesem Sinne ist ein Termin beim Philosophen heilsamer Balsam für denkende Seelen, die sich nicht teilen und zersplittern lassen wollen, sondern nach Ganzheit suchen...