Jedermann beim Philosophen

Über den Umgang mit der Endlichkeit

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in: Konrad Paul Liessmann (Hrsg.), Philosophicum Lech (Band 7), Ruhm, Tod und Unsterblichkeit. Über den Umgang mit der Endlichkeit, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004.

 

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"Jedermann beim Philosophen" das kann zweierlei bedeuten: einerseits, dass theoretisch jeder Mann und auch jede Frau heute die Möglichkeit hat, eine Philosophische Praxis zu besuchen, um dort philosophische Gespräche zu führen; andererseits - und das ist eine Einschränkung - dass jene, welche diese Art der Dienstleitung tatsächlich in Anspruch nehmen, in der Regel wie Hofmannsthals "Jedermann" über ausreichende Ressourcen verfügen, um sich jederzeit an eine üppig gedeckte Tafel setzen zu können.

Die Philosophische Praxis, so wie ich sie seit etwa sechs Jahren betreibe und erlebe, scheint ein Luxusprodukt zu sein, etwas für Verwöhnte und Erfolgreiche. Dank seiner Orientierung hin zur Dienstleistung kann sich "Jedermann" heute auf eine Konfrontation mit ernsten Themen einlassen und hat so die Chance, dem Unvermuteten welches gerade oft während des Gelages lauert verbal gerüstet zu begegnen. Er kann gleichsam vorbauen, sich um sein philosophisches Potential auch kümmern.

Die heilsame Kraft des Philosophierens, die Lust an konzentrierter Rede und Gegenrede standen schon in der Antike hoch im Kurs. Bereits damals suchten die Erfolgreichen, Vornehmen und Gebildeten nach geistiger Erfrischung, gerade auch in den sprudelnden Quellen der Dialektik. Und indem sie in die kühle Flut des Allgemeinen tauchten, blieb die Hitze der tagtäglichen Geschäfte weit zurück. Während die Einfaltspinsel sich den Inhalt ihrer Becher stumpf und kunstlos in die Gurgel leerten, saß man spöttisch und mondän mit Gleichgesinnten beim Gelage und betrank sich mit Methode.

"Wer jung ist", schrieb Epikur, "soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern". Wahrhaft zu philosophieren bedeutete das Führen eines offenen Gesprächs. Jede Art anderen Denkens - vor allem jenes, das darauf aus war, die Gedanken zu fixieren - war bestenfalls Wissenschaft, also Arbeit, und somit zweitrangig.

Später dann verflog die Leichtigkeit des Seins. Das mediterrane Element trat in den Hintergrund. Die Philosophen wurden Streber, wollten von den Nöten einer darbenden, verstimmten Seele nichts mehr wissen, verstrickten sich in himmelhohe Abstraktionen und verloren so das rechte Maß. Die Zeit der Muße war vorbei. Die Tugend der Gelassenheit wich den Zwängen einer neuen Religiosität. Die Bedürfnisse jener, die sich nach geistiger Erfrischung sehnten, blieben ungestillt. Das Geschäft der Seelsorge übergab man kampflos der priesterlichen Konkurrenz. Und die Erfolgreichen, Vornehmen und Gebildeten saßen philosophisch auf dem Trockenen.

Ab dem Zeitalter des Humanismus und der Aufklärung waren die Philosophen zwar an praktischen Fragen wiederum interessiert, doch gleichzeitig - und exakt im Gegenzug zum Verlust ihrer Religiosität - wurden sie Künstler, d.h. Egozentriker. Verbissen strebten sie für sich alleine: nach absoluter Sicherheit, nach logischer Strenge, wollten "das Ganze" in den Griff bekommen, Welt und Mensch von Grund auf reformieren, hatten hochgesteckte, eitle Ziele. Von einer wohltuenden, ja heilsamen Wirkung des Philosophierens war selten nur die Rede mehr. Die Denker dachten um die Wette, und jene Laien, die ihre Lust am Allgemeinen stillen wollten, konnten kaum noch profitieren, da eine allzu kunstvoll gewordene Sprache den Zugriff auf die Inhalte erschwerte. In dem Maße, in dem die Philosophen ihre Nasen erhoben, fielen die Kinnladen ihres Publikums ins Bodenlose.

Heute, im Zeitalter billiger Medien, kollektiver Einsamkeit und massenhafter Onanie, wird vielen, vornehmlich den Besten, das Vakuum, in dem sie sich befinden, schmerzlich bewusst. Sehnsucht macht sich breit. Und was sollte diese Sehnsucht nach Inhalten besser befriedigen können denn ein philosophisches Gespräch?

Der soziale Sinn der Philosophie - von der Selbstverwirklichung ihrer Produzenten und dem literarischen Genuss ihrer Rezipienten einmal abgesehen - ist ihre Praxis im Gespräch. Denn erst beim Reden springt das Denken frei von Mensch zu Mensch. Erst auf den Lippen hat Gedankengut Gestalt und auch Gewicht. Der Anlass von Gesprächen kann ein konkretes Alltagsproblem, eine grundlegende philosophische Fragestellung, ein argumentatives Interesse oder auch bloße Neugierde sein. Gerade heute, da die intellektuelle Vereinsamung zunimmt, braucht es gewissermaßen neue "Seelsorger" im epikureischen Sinn , sozusagen "Geistliche", auch außerhalb der Universitäten und Kirchen, auf jeden Fall Gesprächspartner. Wie auch immer: Philosophie ist Lebensbegleitung.

Auf Grund verschärfter Arbeitsbedingungen - vor allem in den höheren Einkommensschichten - kommt heute jede Form der Muße zwangsläufig zu kurz. Im Unterschied zur Freizeit ist sie jene Zeit, in der wir es zu einer Stille der Gedanken bringen, in uns ruhen und uns sammeln. Freilich kann ein Praktiker der Philosophie die Zeit für Muße nicht zurückerstatten. Doch wird er stets bemüht sein, den vernachlässigten Reflexionen neue Kraft zu geben, d.h., er wird vorerst zuhören, um sich der Einstellungen, Werthaltungen und Weltbilder seiner Gesprächspartner bewusst zu werden. Denn in der Folge wird es nicht darum gehen, etwas besser zu wissen oder gar vorzugeben, im Besitz von objektiver Wahrheit zu sein, sondern der einen Betrachtungsweise andere Betrachtungsweisen hinzuzustellen, d.h., ein breites Spektrum möglicher Sichtweisen ins Spiel zu bringen und diese im Gespräch gemeinsam abzuwägen. Dabei geht es immer nur um eines: die Gesprächspartner in eine nachdenkliche Stimmung zu versetzen, um sie nachhaltig zu motivieren, sich mit ihren wesentlichsten Themen auseinander zu setzen.

Im Zentrum der Philosophischen Praxis stehen demnach eine intensive philosophische Betreuung interessierter Einzelpersonen, das Eingehen auf deren philosophische Wünsche und Interessen sowie eine Hilfestellung im Auffinden benötigter Argumente und Ideenzusammenhänge, was einer Art philosophischem Coaching gleichkommt.

Das Wesentlichste dabei aber ist, und zwar als grundlegende Haltung: Man muss den Umgang mit Menschen lieben, auch und gerade mit solchen, die man noch niemals gesehen hat oder kaum kennt, die vielleicht sogar schwierig oder unnahbar sind. Man muss sich diese Haltung fest vornehmen und einprägen, sich in Stimmung bringen, und zwar deshalb, weil philosophische Gespräche beide Seiten letztlich berühren müssen, sowohl inhaltlich als auch menschlich. Wenn man Glück hat, kommt es dann zu gewissen Momenten - zu Momenten des Innewerdens wie Martin Buber sagen würde -, die ein gemeinsames kurzes Schweigen zur Folge haben, Momente, die mit einer Andacht vergleichbar sind. Sie führen zu dem Eindruck, tatsächlich ein anderes Ich vor sich zu haben, sowie zu dem Erleben von Evidenz. Es kommt zu einer Übertragung zur Übertragung einer Begeisterung und in diesem Fall ist es die Begeisterung für die Philosophie.

Im Unterschied zum wissenschaftlichen oder theoretischen Philosophen kann ein Praktiker der Philosophie darüber hinaus sehr gut beobachten, von welchen Menschen ein Gedankengang aus welchen Gründen angenommen oder abgelehnt wird. Er hat die Möglichkeit zu sehen, ob und inwiefern das Denken dem konkreten Leben und auch das Leben dem konkreten Denken unter die Arme greift. Von einem Psychotherapeuten ist der philosophische Praktiker insofern zu unterscheiden, als es ihm nicht um Heilung psychischer Leiden geht, sondern um die Erarbeitung sinnvoller Überlegungen zu wesentlichen Themen, selbstredend unter Zuhilfenahme der philosophischen Tradition. Das bedeutet: Es geht hier keinesfalls um eine Suche nach dem Sinn des Lebens, als welche die Philosophie oft missverstanden wird. Im Gegenteil: Eine als sinnvoll erlebte und vor allem eine als sinnvoll erarbeitete Existenz ist zumindest seitens des philosophischen Laien die notwendige Voraussetzung ergiebigen Philosophierens.

 

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Der Untertitel "Über den Umgang mit der Endlichkeit" sollte bereits eingangs darauf hindeuten, dass im Folgenden Menschen zu Wort kommen werden, die durchaus persönlich und im Rahmen privater Gespräche von ihrem Umgang mit der Endlichkeit berichten. Fest steht allerdings, dass die Endlichkeit nur wenigen ein zentrales philosophisches Anliegen ist. Viel eher sind es Themen wie "das gute Leben und das Glück", "Gerechtigkeit", "Ethik, Moral und Gesetz", "Freiheit und Notwendigkeit", "Wirklichkeit und Erkenntnis", "Kunst und Schönes", die "Jedermann" heute bewegen. Auch sozial- und religionsphilosophische Themen werden gerne besprochen. Selbstverständlich bieten die genannten Bereiche auch Bezugspunkte zur menschlichen Endlichkeit. Doch offensichtlich werden diese nur selten als problematisch erlebt, oder - was ebenso der Fall sein kann - der Umgang mit der Endlichkeit ist schlichtweg zu privat, zu intim, zu irrational, als dass er in einem philosophisch-vernünftigen Sinn besprochen werden will und kann.

Ein kurzes Beispiel: Jemand besucht mich und erzählt mir nach kurzer Zeit, dass er bald sterben müsse, jedoch kaum Schmerzen habe und sich im Grunde durchaus wohlfühle. Er habe jetzt Zeit, sei im Krankenstand und wolle deshalb ein wenig philosophieren. Schon lange habe er Heidegger lesen wollen, es habe sich aber niemals die Gelegenheit geboten. So haben wir dann gemeinsam Heidegger gelesen und nur mäßig diskutiert, weil Heidegger ja auch sprachlos macht, und über Monate hinweg wurde der Tod kein einziges Mal erwähnt. Freilich lag das Thema in der Luft aber dort blieb es auch. Ich selbst hatte kein Motiv, den Tod eigenmächtig noch mehr ins Spiel zu bringen, auch weil der Besucher ihn offensichtlich nicht von sich aus ins Spiel bringen wollte. Und, ehrlich gesagt, war ich auch erleichtert darüber.

Im Folgenden handelt es sich um persönliche Ansichten und private Einsichten. Neun längere Gespräche aus meiner Philosophischen Praxis sowie fünfundzwanzig Gespräche im Zuge von Interviews sind das ursprüngliche Material. Um Überschneidungen zu vermeiden, habe ich insgesamt 15 Protokolle ausgewählt, gekürzt und anonymisiert. Den Sprachduktus habe ich weitgehend unverändert beibehalten. Das nachfolgende Konvolut versteht sich dabei keinesfalls als eine repräsentative Studie oder als signifikantes Datenmaterial, sondern vielmehr als eine Art Rundschau, als ein Blick in einschlägige Gedankengänge "Jedermanns". Gemeinsam ist diesen Menschen bloß ein wohlwollendes bis vehementes Interesse an der Philosophie.

 

Fall 1, eine Ärztin

Sie wuchs im Ärztemilieu auf und wollte bereits ab der 3. Klasse Volksschule ebenfalls Ärztin werden. Mit dem Tod wurde sie zum ersten Mal in ihrem 14. Lebensjahr konfrontiert, und zwar beim Begräbnis ihres Großvaters. Die ekelhafte Blasmusik, die man dort gespielt habe, liege ihr bis heute in den Ohren. Pompöse und verlogene Begräbnisse seien ihr seitdem ein Greuel.

Bereits während des Medizinstudiums arbeitete sie im Pflegebereich, in einer Herzüberwachungs-Station. Einerseits sei es die technische Seite des Todes gewesen, die ihr zu denken gegeben habe, andererseits waren es nächtelange philosophische Gespräche, die sie mit Sterbenden führte. Besonders erinnerlich sei ihr ein etwa zweiwöchiges Gespräch mit einem sterbenden jungen Mann und hier speziell die eigene Hilflosigkeit auf die oftmals gestellte Frage: "Frau Doktor, warum muss ich sterben?".

Heute sei ihr Zugang zum Tod vor allem ein professioneller. Der Tod sei Bestandteil ihres Alltags. Hinsichtlich der Todesproblematik könne sie nicht mehr wirklich zwischen beruflicher und privater Sicht unterscheiden. Es sei ihr lediglich bewusst: Wir alle hätten ein Ablaufdatum. Wir würden es aber am Rücken tragen und deshalb nicht sehen. Als Ärztin sei ihr der Blick auf dieses Ablaufdatum möglich. Dieser Blick habe ihr Denken wesentlich beeinflusst. Es sei ihr klar geworden, dass der Tod integraler Bestandteil des Lebens sei. Man brauche allerdings eine gewisse Zeit dazu, dies zu begreifen. Sie selbst habe es mit etwa 20 Jahren begreifen müssen.

Ihrem eigenen Tod sehe sie im Grunde mit Neugier entgegen. Sie sei zwar konfessionell nicht gebunden, denke aber doch, dass nach dem Tod noch etwas folge. Sie könne dieses Etwas gedanklich nicht festmachen, stelle es sich aber als etwas Leuchtendes und Helles vor. Dieses Helle und Leuchtende gelte es bereits hier und jetzt zu bearbeiten. Diese Arbeit, die eine spirituelle sei, pflege sie in einem schamanischen bzw. bioenergetischen Sinn. Als Grund, weshalb sie dies in Angriff nehme, nennt sie den Vorsatz, nicht bloß Ärztin, sondern auch Heilerin sein zu wollen. Diese Fähigkeit müsse und könne man sich erarbeiten.

Ein Schreckgespenst, was den Tod oder besser das Sterben betrifft, sei für sie, von einer Demenz betroffen zu sein, etwa von einer a-myotrophen Lateralsklerose (ALS). In diesem Fall würde sie den Freitod in Erwägung ziehen. Und ganz generell sei diese Krankheit ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit von Euthanasie, etwa nach niederländischem Vorbild.

Was Ruhm und Unsterblichkeit betrifft, so wolle sie zumindest nicht auf dem Misthaufen landen, als ob sie nie dagewesen wäre. Sie hätte gerne eine gute Nachrede, in einem menschlichen Sinn. Generell habe sie den Eindruck, dass man wirkliche Unsterblichkeit nur durch böse Taten und nicht durch gute Taten erlange. Sie nennt Hitler als Beispiel. Gute Taten entstammten nicht unbedingt dem Bemühen um eine gute Tat, böse Taten aber sehr wohl einem bösen Bemühen. Mit der Suche nach Ruhm lande man höchstens in den Seitenblicken. Auf Derartiges könne sie getrost verzichten. Zum Thema "Ruhm" falle ihr auch der Lorbeer ein, auf dem man sich ausruhen könne. Aber Lorbeer sei bloß ein Gewürz.

 

Fall 2, ein Beamter im Ruhestand

Gerne hätte er Philosophie und Psychologie studiert. Doch der frühe Tod der Eltern habe ihn dazu gezwungen, möglichst rasch Geld zu verdienen. Deshalb sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als Wirtschaft zu studieren. Er habe nicht genügend Zeit gehabt, sich im Leben voll zu entfalten. Deshalb nutze er nun seine Pension für die Beschäftigung mit Philosophie.

Was den Tod betrifft, so ist er der Meinung, dass es ihn intellektuell zu sublimieren gilt. So sei er davon überzeugt: Das Leben muss endlich, muss ein knappes Gut sein, denn sonst hätte es keinen Wert. Auch folgender Gedankengang erscheint ihm hilfreich: Objektiv betrachtet ist der eigene Tod bedeutungslos. Die Bedeutung des eigenen Todes ist bloß subjektiv. Diese Erkenntnis, die Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit, habe für ihn etwas Beruhigendes. Religion hingegen, so meint er, bewirke das Gegenteil: Sie gibt dem Einzelnen Wichtigkeit und beruhigt demnach nicht. Jede Selbstwichtigkeit sei eine Einschnürung, eine Abkapselung und damit negativ. Positiv hingegen sei es, sich dem Wandel des Ganzen zu überantworten.

Gleich der Menge an sinnvollen Gedanken müsse auch der Sinn des Lebens erst produziert werden. In seinem persönlichen Fall liege dieser Sinn in seinem Sohn. Er selbst habe im Leben einiges an Härten ertragen müssen. Sein Sohn habe ihn für diese Härten entschädigt. Dies sei also ein von der Natur gegebener Sinn.

Die Überwindung der Selbstwichtigkeit sei ihm bereits früh im Leben ein Anliegen gewesen. Deshalb habe auch Ruhm ihn nie wirklich interessiert. Darüber hinaus seien "Ruhm" und "Ehre" bürgerliche Begriffe, denen gegenüber er skeptisch bleibe: Bei jeder Art von Ruhm gebe es einen Chef, der den zu Rühmenden lobe. Das Leben sei jedoch ein "Bestehensfeld". Es gehe im Leben darum, zu bestehen, nicht darum, bestätigt zu werden. Trotzdem werde auch Bleibendes geschaffen, allein deshalb, weil sich alle Handlungen durch den Tod verabsolutieren und somit irreversibel würden. Das Bleibende sei eine logische Folge dieser Irreversibilität.

Heute, im Alter, habe er jeden Tag fünf verschiedene Medikamente einzunehmen, sonst wäre er längst tot. Allen lebensverlängernden Maßnahmen durch Medizin und Gentechnik zum Trotz, sei jede Begrenztheit gleich kurz gegenüber der Ewigkeit. Auch bei einem tausendjährigen Leben werde es in den letzten drei Jahren eng. Jeder sei ein Lügner, der behaupte, er hätte keine Angst vor dem Tod.

 

Fall 3, ein Geschäftsführer und Institutsleiter

Einerseits begreife er sich als einen religiösen Menschen, in dem der christliche Glaube tief verwurzelt sei, andererseits als einen liberalen, aufgeklärten Bürger, der zwar die Weite des Religiösen genieße, sich jedoch in religiösen Details nicht verlieren wolle. Die Religion könne helfen, mit der Finalität des biologisch-irdischen Lebens zurechtzukommen. Dank der Religion habe er keine Angst vor dem Tod. Auch dem Leben nach dem Tod stehe er angstfrei gegenüber. Und im Zuge vieler Gespräche sei ihm überdies klar geworden, dass Sterben durchaus auch Erlösung sein kann. Ein positiver Zugang zum Tod sei sehr wohl möglich.

Wissenschaftlich betrachtet, müsse der Mensch aber allein deshalb sterben, um sich in immer neuen Leben immer wieder neu anpassen zu können. Würde der Mensch unsterblich sein, könnte er sich nicht den sich verändernden Umweltbedingungen angleichen und würde aussterben.

Auch mit dem Altern habe er kein Problem. Er habe immer genauso alt sein wollen, wie er gerade war. Er verspüre diesbezüglich keinerlei Druck. Und er habe jene Dinge, die er sich in den unterschiedlichen Lebensphasen vorgenommen habe, auch immer abschließen können.

Im Laufe seines Lebens wolle er etwas zum Positiven verändern, in einem politisch-gesamtgesellschaftlichen Sinn. Aus dieser Vorstellung und aus diesem Tun schöpfe er Kraft und dies mache ihm überdies großen Spaß. Er wolle sehr wohl Spuren hinterlassen. Es müsse aber kein großer Wurf dabei sein. Viele kleine Schritte wären ebenso sinnvoll. Darüber hinaus lege er keinen gesteigerten Wert darauf, namentlich bekannt zu werden. Bloß das Inhaltliche sei von Bedeutung. Letztlich sei es nur der Materialismus, der vom irdischen Ruhm ausgehe. Denn wer die Endlichkeit fixiere, müsse gleichsam Spuren hinterlassen. Im Religiösen gebe es hingegen das Moment der Demut. Spuren könne man auch im Religiösen hinterlassen. Diese seien aber auf das Transzendente hin ausgerichtet und demnach dazu angetan, den Druck, den der Materialismus auf das Individuum erzeuge, wegzunehmen: Transzendente Spuren würden keinen Druck erzeugen. Und ganz generell wolle er auch wenn schon von Spuren die Rede sei ein ganz klares Bekenntnis zur Fortpflanzung abgeben.

 

Fall 4, eine Frau in Ausbildung

Seit frühester Kindheit sei der Tod für sie ein Thema gewesen. Ihr Vater habe sie bereits zu Beginn der Volksschule mit auf den Friedhof genommen. Dies habe in ihr eine allgemeine Traurigkeit und auch ein Nachdenken darüber bewirkt, wer aus ihrer Familie wohl als Nächstes sterben könnte und wie die Trauer der Hinterbliebenen wohl aussehen würde. Im Alter von zwölf Jahren begannen heftige Überlegungen. Sie fragte sich, was es denn für einen Sinn habe, zu leben, wenn man nachher ohnehin sterben müsse und überdies keine Gewissheit haben könne, ins Paradies zu gelangen. Sie habe eine extrem religiöse Erziehung durchlebt und auf Grund dieser Erziehung bislang wenig Freude im Leben gehabt.

Ob sie Spuren hinterlassen wolle? Also berühmt werden wolle sie nicht. Dies sei ihr zu anstrengend. Des öfteren habe sie bereits darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben, doch bloß zur eigenen Erbauung, nicht um etwas zu hinterlassen. Eigene Kinder könne sie keineswegs als persönliche Spuren betrachten. Kinder hätten eine eigene Persönlichkeit und oft auch einen völlig anderen Charakter als ihre Erzeuger. Nach ihrem Tod wolle sie bloß, dass jene, die sie gekannt haben, gerne an sie zurückdenken. Deshalb wolle sie tugendhaft leben, ein Leben führen, ohne Schuldgefühle haben zu müssen. Freilich könne sie von einer guten Nachrede nach ihrem Ableben nicht mehr profitieren. Dies mache im Grunde keinen Sinn. Der Sinn liege aber sehr wohl in den persönlichen Leistungen.

Sie glaube an ein Leben nach dem Tod und an die Unsterblichkeit der Seele. Ausschlaggebend für diesen Glauben sei allerdings nicht ihre religiöse Erziehung gewesen, sondern eine persönliche Erfahrung, ein Erlebnis, das sie im Kindergarten erstmals hatte und welches sich dann bis zum Alter von sieben Jahren noch mehrmals wiederholte. Die Erlebnisse hätten stets untertags, offenen Auges und im Wachzustand stattgefunden. Sie seien völlig unvermutet aufgetreten und hätten die Form einer Erinnerung gehabt: Sie habe einen weiten, hellen und unbegrenzten Raum wahrgenommen. Dort sei sie selbst bzw. ihre Seele gewesen und habe mit einer anderen Seele kommuniziert. Sie selbst und diese andere Seele seien zwei weiße, grelle Lichtgestalten gewesen, etwa gleich groß. Beide hätten sie auf die Zukunft und das menschliche Leben geblickt. Und beide hätten sie selbst gesehen, und zwar als jenen Menschen, der sie in Zukunft sein würde. Sie habe sich damals so gesehen, wie sie jetzt aussehe, und dabei innere Freude und Verwunderung empfunden. Stets sei bei diesen Erlebnissen noch eine dritte, deutlich größere und hellere Lichtgestalt dabei gewesen, die auf die beiden kleineren Seelen aufpasste und sagte: "Ja, das bist du, glaube es ruhig, das wirst du sein".

Dann und wann habe sie aber trotzdem noch ein wenig Angst vor dem Totsein, weil sie nicht sicher wissen könne, was tatsächlich nach dem Tod mit ihr geschehe.

 

Fall 5, ein Übersetzer und Dolmetscher

Der Tod, vor allem der gewaltsame Tod, sei bereits früh in sein Leben getreten. Als er sieben Jahre alt war, habe sein Vater, ein passionierter Jäger, des öfteren von der Jagd Leichen mitgebracht, und zwar Leichen, die aus dem Gletscher ausgeappert waren, Leichen aus dem 1. Weltkrieg und Leichen von verunglückten Bergsteigern. Diese Überreste seien vor seinen Augen in kleine Kisten gepackt und später begraben worden. Im Alter von zwölf Jahren wurde er in Wien nach Bombenangriffen für Aufräumungsarbeiten eingesetzt. 1944 sollte er dann zum Volkssturm eingezogen werden, konnte jedoch glücklicherweise die Flucht ergreifen. Damals habe er sich fest vorgenommen, einmal "auf eigene Rechnung" zu sterben und nicht für andere Leute und fremde Zwecke.

In seinem Denken sei er maßgeblich von seiner Großmutter beeinflusst worden, einer Schülerin des Yogameisters Yogananda Paramahansa. Der Tod schrecke ihn demnach nicht, bloß das Leiden, das Sterben, die Qual des Hinübergehens. Das Leben solle Freude sein. Ein frohes und freudiges Leben verlängere das Leben auch. Die Frage, wie viel Lebensenergie sich bis ins hohe Alter erhalten lasse, beschäftige ihn und sporne ihn an.

Besonders wesentlich sei ihm der Gedanke, in sich die Flamme der Gewissheit zu hüten, dass das Leben in ihm nicht auslöschbar sei. Diese Kontinuität von "irgend etwas in ihm" kenne er von Jugend an und sei ihm etwas Heiliges. Zum ersten Mal habe er sie gespürt, als die Rote Armee in Wien einmarschierte und die sowjetischen Soldaten erstaunlicherweise sehr nett zu ihm gewesen seien.

Unmittelbar einsichtig sei ihm folgende alte Weisheit, rezitiert frei nach Epiktet: "Lass mich ertragen, was unveränderlich ist, und das, was veränderlich ist, nach meiner Einsicht verändern, und lass mich die Weisheit haben, zwischen diesen beiden Dingen zu unterscheiden".

Ruhm habe er niemals für sich erlangen wollen. Dazu habe er seine Talente stets als zu gering eingeschätzt. Er wolle aber sehr wohl von den Menschen verstanden und geschätzt werden, freilich nicht von allen Menschen oder den Menschen eines Landes oder einer Stadt, sondern von jenen Menschen, die der liebe Gott zu ihm geführt habe. Er wünsche sich, dass nach seinem Tod möglichst wenige von ihm Geschädigte zurückblieben. Wenn man über eine Wiese gehe, sollte man möglichst viele Blümchen aufrichten und möglichst wenige knicken. Es gehe vor allem darum, dem Seienden gegenüber Freund zu sein. Menschen zu begegnen, sei für ihn das Kostbarste, was es im Leben gebe.

Aus dem Herzen spreche ihm folgendes Gedicht von Hermann Hesse:

 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Fall 6, ein Anwalt

Die Tatsache, dass er selbst einmal sterben werde, habe ihn als Kind sehr beschäftigt und sogar belastet. Heute jedoch sei ihm der eigene Tod relativ egal. Trotzdem betreibe er keine Risikosportarten und versuche ganz generell eine gewisse Harmonie im Leben zu bewahren. Er wolle sich weder unterfordern noch überanstrengen.

Die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod halte er für ein rein intellektuelles Problem. Persönlich tendiere er dazu, die unterschiedlichen Positionen zu betrachten, und er empfinde dabei eine gewisse emotionale Neutralität. Seine Meinung sei diesbezüglich nicht besetzt. Er wolle die Antwort in dieser Frage auch ganz bewusst ausklammern. Mit großem Interesse lese er allerdings Berichte über "Near Death Experiences".

Was den Ruhm betrifft, so habe man zwischen dem Ruhm post mortem und dem Ruhm zu Lebzeiten zu unterscheiden. Für den Ruhm zu Lebzeiten sei er zu bequem. Und der Gedanke, dass nach seinem Tod eine Straße nach ihm benannt werden oder eine Statue von ihm aufgestellt werden könnte, sei ihm noch niemals in den Sinn gekommen. Es müsse nichts von ihm übrig bleiben, dazu sei er eben zu bequem. Ruhm sei darüber hinaus etwas Zweischneidiges. Echte Anerkennung sei wichtig und notwendig. Ruhm hingegen sei dubios. Viele lebende Persönlichkeiten verdienten ihren Ruhm nicht. Ruhm beruhe auf Wertungen, und Wertungen seien zeitgebunden. Deshalb sei Ruhm ein Konzept, welches für die Ewigkeit nichts tauge. Er sei aber sehr wohl auf der Suche nach einer soliden, anerkennenswerten Leistung.

 

Fall 7, ein Werbefachmann und Geschäftsführer

Der Tod sei das Grundthema seines Lebens. Fast alles mache er aus dem Bewusstsein des Todes heraus. Dieses sei Grund für Aufbrüche aller Art, Anlass, stets alles neu zu überdenken, eine positive Antriebskraft, auch deshalb, weil es nach dem Tod um vieles besser sein würde. Hinter diese Tür - die Tür des Todes - zu blicken, erfülle ihn stets mit Lust und Neugier. Er habe absolut keine Angst, sehe dem Tod mit Gelassenheit und Neugierde entgegen, und es belaste ihn auch so gut wie gar nicht, hinsichtlich des Todes nichts Konkretes zu wissen.

Wenn nach diesem Leben alles vorbei sein würde, so wäre das Leben trostlos und unsinnig. Der Wert des diesseitigen Lebens messe sich an der Tatsache, dass es nach dem Tode nicht zu Ende sei. Wenn er sicher wissen würde, dass es kein Leben nach dem Tod gebe, so würde ihm dies jede Lebensfreude nehmen.

Mehr Zeit herausschinden wolle er nicht, sehr wohl aber die gegebene Zeit besser ausnützen. Er lebe sehr gern, könne sich an allem wie ein Kind erfreuen. Und er wolle auch etwas hinterlassen. Es sollten, ja müssten Spuren bleiben: Freundschaft, Liebe, Bücher und Kunstwerke.

Nach acht Jahren Internat im Kloster sei sein Vater gestorben, den er unglaublich geliebt habe. Dies sei für ihn prägend gewesen. Drei Vorstellungen seien hinsichtlich seines eigenen Todes für ihn maßgebend: erstens, die Vorstellung, mit dem Vater auf Pferden über Hügelketten zu reiten; zweitens, nach dem Tod in eine All-Seele einzugehen - jenseits von Gut und Böse, aber sehr wohl mit einer Art von ausgleichender Gerechtigkeit -; und drittens die Vorstellung, das Glücksgefühl im Tod könnte ein permanentes sein.

 

Fall 8, ein Politiker

Er ist davon überzeugt, nur ein einziges Leben zu haben. Das Leben sei nicht wiederholbar. Dies bedeute aber auch, nur eine einzige Chance zu haben. Das Positive an der Sterblichkeit sei, dass sie eine gewisse Unruhe aufrecht erhalte, die Unruhe des Suchenden. Für ein personal-physisches Weiterleben nach dem Tod gebe es kein einziges sinnvolles Argument. Sonst wäre es vielleicht möglich. Philosophisch vertrete er den Standpunkt der evolutionären Erkenntnistheorie.

Eine sinnvolle Berufswahl sei im Leben überaus wichtig. Denn maßgeblich sei der Beifall nur dann, wenn er von Seinesgleichen stamme, in gesellschaftlich-bildungsbürgerlichen Maßstäben.

 

Fall 9, ein Wissenschafter

In seinem Leben sei der Tod von Anfang an präsent gewesen, als Schreckgespenst, und zwar in Form der Angst vor dem Tod der Mutter. Wahrscheinlich habe er ein Geburtstrauma erlitten. Einmal sei er mit seiner Mutter im Flugzeug - welches grob der Form des Mutterleibes gleiche gesessen und beinahe abgestürzt. Angesichts der dramatischen Situation war sein erster Gedanke: "Gottlob sterben wir miteinander!", sein zweiter: "Ich habe aber noch etwas vor im Leben!" Nach dem Tod der Mutter habe er das Gefühl gehabt, das denkbar Schlimmste überstanden zu haben.

Was den eigenen Tod betreffe, so sei er ein gläubiger Mensch: Der Tod sei einerseits die höchste Erhöhung in ein besseres Jenseits, andererseits aber auch eine Bedrohung, weil man sich nie sicher sein könne, nicht der ewigen Verdammnis anheim zu fallen. In jedem Fall aber setze er auf Gott und die Unsterblichkeit und sollte er sich geirrt haben, so werde er es nie erfahren.

Den Tod erwarte er mit Neugier, dazu zitiert er den Theologen Karl Rahner: "Ich sehe dem Tod mit Interesse entgegen und bin neugierig, wie viel von meiner Theologie und Philosophie angesichts des Todes standhalten kann". Mit seligem Gesichtsausdruck summt und rezitiert er Passagen von Johann Sebastian Bach: "Ich freue mich auf meinen Tod. Ich habe genug, ich habe genug", und "Hier muss ich am Elend bauen, aber dort, dort werde ich schauen". Diese Zitate seien keinesfalls als Lebensekel zu verstehen, sondern als eine christliche Lebenssattheit, in einem guten Sinn. Gesund lebe er nicht: Solange er noch eine Aufgabe habe, hoffe er, dass Gott ihn hier behalte, wenn er ihn brauche. Und wenn das nicht mehr der Fall sei, könne er ihn ruhig abberufen.

Der Wunsch, bleibend zu sein, sei bereits früh in seinem Leben aufgetreten. Bereits in jungen Jahren habe die Mutter ihm das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein. Immer schon habe er im Mittelpunkt stehen und keinesfalls ein anonymes Dasein führen wollen. Fröhlich rezitiert er Ferdinand Sauter, einen Wiener Dichter des Biedermeier. Sauter habe dieses Gedicht für sich selbst und für seinen eigenen Grabstein konzipiert:

Viel genossen, viel gelitten,
und das Glück lag in der Mitten.
Viel empfunden, nichts erworben,
froh gelebt und leicht gestorben.
Frag nicht nach der Zahl der Jahre,
kein Kalender ist die Bahre.
Denn der Mensch im Leichentuch
ist ein zugeklapptes Buch.
Deshalb, Wandrer, ziehe weiter,
denn Verwesung stimmt nicht heiter.

 

Fall 10, ein Geschäftsführer

Der Tod sei für ihn kein Thema. Er habe sich noch niemals ernsthaft mit dem Tod beschäftigt. Frühe Todesfälle in der Familie und im Bekanntenkreis hätten ihn nicht an den eigenen Tod gemahnt. Niemals sei er durch den Tod anderer Menschen wirklich belastet worden. Und religiös sei er auch nicht: "Mich fressen die Würmer", meint er ernst.

Er führe ein intensives Leben, achte sehr auf seine Gesundheit, aber nicht hinsichtlich eines zu vermeidenden frühen Todes. Sterben wolle er am liebsten wie sein Großvater. Dieser sei Landwirt gewesen, Ökonomierat und im Frühjahr gestorben - beim Säen am Felde.

Die amerikanischen Pioniere, die aus dem Nichts etwas aufbauten, hätten ihn von frühester Jugend an fasziniert. Immer schon habe ihn die Idee, Bleibendes und Nachhaltiges zu schaffen, beschäftigt. Heute könne er sagen, dass er die Branche, in der er nun tätig sei, maßgebend geprägt habe. Ganz generell sei ihm, dem Sohn eines Bergbauern, das Unternehmerische, der unternehmerische Geist angeboren. Und immerhin habe auch er ein wissenschaftliches Werk verfasst, welches immer noch zitiert werde. Er verstehe nicht, warum der Großglockner erst 1792 erstbestiegen wurde und warum es kein Mensch aus Heiligenblut gewesen sei, der dies getan habe. Wäre er in Heiligenblut geboren worden, und wäre der Großglockner zu dieser Zeit noch unbestiegen gewesen, er wäre mit 16 Jahren da hinaufgeklettert - ganz bestimmt.

 

Fall 11, ein Psychoanalytiker

Er sei von Geburt an mit Gesundheit gesegnet und habe demnach wenig bis keine Beziehung zum Tod. Der Tod, dieses "Rindvieh", habe ihm jedoch bereits mehrmals geliebte Menschen entrissen. Deshalb sei der Tod anderer Menschen für ihn sehr wohl ein Problem. Angesichts des Todes anderer frage er sich stets, was er vor deren Tod hätte besser machen können. Der Tod anderer Menschen spiele auch beim Erben ein Rolle. Er ärgere sich bis heute maßlos, dass er seine Erbtante nicht besser umsorgt habe. Hätte er dies getan, hätte er nur ein wenig vorausschauender gehandelt, so wäre ihm nach ihrem Tod einiges an finanziellen Problemen erspart geblieben und er hätte auch mehr Freiheiten im Leben erlangt. Seinen körperlichen Verfall wolle er auf jeden Fall hinauszögern. Deshalb beherrsche er sich mit Zigaretten und Alkohol. Er denke zwar nicht an seinen Tod, aber sehr wohl an die Art und Weise seines Sterbens.

Was den persönlichen Ruhm betreffe, so suche er diesen weniger in seiner Arbeit, sondern in seinem Hobby. Sein Hobby sei die Kunst. Er betätige sich als Sammler, als Organisator von Ausstellungen und Events. Und er wolle seinen Ruhm noch zu Lebzeiten erleben. Nach seinem Tod sei der Ruhm nichts mehr wert. Er strebe es an, möglichst bald Direktor seines eigenen Museums zu werden. Unsterblichkeit gebe es bloß so lange, als sich Menschen an einen erinnern. Ansonsten sei er Materialist: Wenn das Hirn tot sei, sei auch die Seele weg. Kinder habe er keine. Deshalb müsse seine Sinnsuche in Form von Werken für die Gesellschaft erfolgen. Doch dann und wann habe auch er die bedrohliche Vorstellung, im Nichts zu versinken. Angesichts dieser Vorstellung komme sehr wohl so etwas wie Todesangst auf.

Den Gedanken, sich auf den Tod vorzubereiten oder sich gar mit ihm anzufreunden, halte er für einen großen Schwachsinn. Man könne hinsichtlich des Todes nur eines tun: ihn bekämpfen, ihn hinausschieben. Als Arzt müsse man angesichts von Katastrophen klar erkennen, wer noch zu retten sei und wer nicht. Hier gehe es nicht um den Tod, sondern um die Chance zu überleben. Doch aller Sinnlosigkeit einer Vorbereitung auf den Tod zum Trotz, sei der Tod ein ernsthaftes Thema, dem man sich unmöglich entziehen könne. So habe er einmal verschiedene Künstler mit dem Thema "Tod" für eine eigene Ausstellung beauftragt, wobei er sich todsicher gewesen sei, dass angesichts dieses Themas wohl niemand "Nein" sagen würde. Und so sei es dann auch gewesen. Die Angesprochenen hätten sich ohne Ausnahme beteiligt.

 

Fall 12, ein Physiker und Großunternehmer

Von früher Jugend an bis heute sei der Tod sein ständiger Begleiter gewesen, ohne Unterbrechung. Den Krieg habe die halbe Schulklasse nicht überlebt. Einen Teil der NS-Zeit habe er im Widerstand verbracht. Später habe er insgesamt drei Flugzeugabstürze überlebt und sei auch in der australischen Wüste verloren gegangen. Angesichts dieser Tatsachen und angesichts dessen, dass seine Eltern, seine Frau und fast alle seiner Freunde bereits gestorben seien, pflege er einen lockeren Umgang mit dem Tod.

Die Frage nach einem möglichen Weiterleben nach dem Tod wolle er für sich persönlich offen lassen. Als Naturwissenschafter wisse er jedoch, was sich messen lasse und was nicht. Trotzdem sei er neugierig, ob sich nicht doch etwas hinter dem Vorhang befinde. Denn dass nach dem Tod alles aus sein solle, halte er für einen unpraktischen Ansatz, besonders dann, wenn einem nach 40 Jahren guter Ehe die Frau sterbe.

Niemals im Leben habe er sich fallen lassen. Immer habe er sich um seine Gesundheit gekümmert. Deshalb sehe er auch zehn Jahre jünger aus, als er tatsächlich sei. Genetisch betrachtet, entstamme er einem Geschlecht von Raubrittern, befinde sich in der 24. Generation. Schon früh habe er Furchen in die Erde kratzen wollen. In seinem Fall seien es letztlich eine internationale Bahnlinie, die immer noch befahren werde, einige Fabriken, ein Kraftwerk sowie ein Waisenhaus gewesen. Denkmälern stehe er negativ gegenüber. Ruhm bringe gar nichts. Bloß die Neugier, die bringe etwas.

 

Fall 13, ein Baumeister

Bis zu seinem 30. Lebensjahr sei der Tod kein Thema gewesen. Doch plötzlich habe man ihm zornige Vorwürfe gemacht, immer wieder und wieder: "Du hast nur mehr deinen Job im Kopf!" Da habe er realisiert, dass er seinen Liebsten zu wenig Zeit gewidmet hatte, und ein schlechtes Gewissen bekommen. Für seine Familie plane er heute bewusst Zeit ein. Sie sei ihm das Wichtigste geworden. Sie sei zu kostbar, als dass sie bloß nebenbei mitlaufen dürfe.

Er habe verstanden, dass das Leben kurz sei und jederzeit zu Ende sein könnte. Deshalb gelte es, möglichst viel zu bewirken. Sein innerer Antrieb sei dabei nicht das Geld, das er freilich ausreichend verdiene, sondern Dinge zu schaffen, die zeigen: "Das habe ich durchdacht und durchgezogen!" Auch wolle er, dass die Familie auf ihn stolz sein könne.

Er errichte Bauwerke in großer Zahl, die gewissermaßen auch seine Denkmäler seien, und empfinde dies als zutiefst befriedigend. Sein Name finde sich jedoch auf keinem einzigen Gebäude. Das habe er stets vermieden. Er wolle nicht in der Zeitung stehen. Das könne ihm niemals nützen. So dumm sei er nicht, dass er auf diese Verlockungen hereinfalle.

Sein Leben wolle er voll genießen - auch mit Zigaretten, Bier und extremen Sportarten. Er sei ganz grundsätzlich ein Materialist, ein Techniker und Naturwissenschafter, liebe die Mathematik als die ultimative Tatsache. Übergeordnete, transzendente Instanzen seien nicht existent.

 

Fall 14, ein Multifunktionär

Immer schon habe er ein gutes Verhältnis zu alten Menschen gehabt. Durch Akzeptanz des Altwerdens und Sterbens könne der Schrecken des Todes gemildert werden. Bereits in seiner Jugend sei er gern auf Friedhöfe gegangen. Ebenso verliere der Tod durch die Übergabe der Stafette an die jüngere Generation an Bedrohlichkeit. Dies sei eine große Aufgabe, berge neue Perspektiven und schaffe Zukunft. So könne man das Altwerden auch lernen. Er träume davon, vor dem Sterben noch ein Urenkelkind im Arm halten zu können.

Angst vor dem Tod habe er kaum, jedoch Angst vor dem Siechtum, vor dem Schlaganfall und vor dem erzwungenen Sitzen im Rollstuhl. Nicht der Tod, sondern die Art und Weise des Sterbens sei die größte Ungerechtigkeit. Deshalb lasse er sich regelmäßig von seinen Ärzten untersuchen und gehe auch regelmäßig auf Kur. Sein Sterbe-Ideal finde sich in der Schilderung des Todes im Roman "Der Lederstrumpf": uralt sein, Abschied von der Familie nehmen und dann aus freiem Willen verlöschen.

Hinsichtlich des Alters sei es auch überaus wichtig, die eigene Sexualität nicht einschlafen zu lassen. Man solle sich auch noch im Alter diesbezüglich den "Kick" geben, sich unter Umständen etwas vergönnen, was man sich früher nie getraut habe.

Es sei ihm überaus wichtig, dass jene Prozesse, die er im Laufe seines beruflichen Lebens in Gang gebracht habe, nach seinem Tod auch weitergeführt würden, aber anonym. Er lege keinen Wert darauf, als Person präsent zu bleiben. Freilich liebe er auch die Show in der Öffentlichkeit. Doch dies sei eher sein Privatvergnügen, etwas Vergängliches und habe bloß Sinn im Hinblick auf Erinnerungen für die Enkel. Falls er morgen umfallen und sterben sollte, so wisse er, dass sein Leben sinnvoll gewesen sei. Immer schon sei er ein Strukturveränderer gewesen. Er habe an der gesellschaftlichen Verbesserung der Welt Anteil gehabt.

 

Fall 15, ein Journalist

Der Tod habe ihn deshalb bereits früh im Leben beschäftigt, weil er in jungen Jahren schon begonnen habe, intensiv zu lesen. Die Literatur sei immer sein Leben gewesen. So habe ihn etwa der Kalauer Epikurs, man solle den Tod nicht fürchten, "denn wenn er ist, bin ich nicht und wenn ich bin, ist er nicht", tief beeindruckt. Ebenso hätten ihn Thomas Bernhards Behauptung "Angesichts des Todes ist alles lächerlich" und Samuel Becketts Aussage "Wir gebären rücklings auf Gräbern" beeindruckt.

Bis heute verstehe er nicht, warum der Tod nicht das zentrale Thema der Philosophie sei, und zwar als Relativierung und Abbruch. Der Tod sei der einzige Gleichmacher, den es gebe, ein "sozialer Leveller" ersten Ranges.

Der Tod sei wirklich zentral. Deshalb habe man im Laufe seines Lebens die eigenen Kernzonen, die eigenen Kernbereiche konzentriert zu bearbeiten. Man habe zu lernen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, die Intensität pur auszuleben. Tue man all dies, dann denke man nicht mehr an den Tod, dann fliege der Tod gleichsam aus dem Bereich der eigenen Kernzonen hinaus. Jean Michel Rée, ein Philosoph aus der Schule von Gilles Deleuze, habe dies im Zuge einer Nietzsche-Interpretation auf den Punkt gebracht: Er interpretierte den Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen als eine Art kategorischen Imperativ: "Lebe so, dass du dein Leben jederzeit noch einmal leben könntest, und zwar genau so, wie du es jetzt lebst".

Die Kernzonen, die Kernbereiche seien freilich erlebnisbedingt. Andererseits bedeuteten sie aber auch eine Art Gnade. Ihm selbst seien seine Kernzonen immer gegeben gewesen: die Welt der Literatur und die Welt der Phantasie. Habe man seine Kernzonen und lebe man in ihnen, könne einem im Grunde nichts passieren, sei man gewissermaßen immun gegen die Erschütterungen des Lebens. Was freilich passieren könne, sei, dass Menschen auf die eigenen Kernzonen neidisch würden, diese lächerlich machten und gleichsam zerstören wollten. Doch dies könne man überstehen, dies gehe vorbei. Bitter sei das Leben für jene Menschen, welche keine derartigen Kerne in sich tragen würden. Diesen Menschen bleibe bloß die Droge oder eben die Flucht in Ruhm und Unsterblichkeit. Der Tod sei das einzig Zentrale. Ruhm und Unsterblichkeit jedoch gehörten in die Sphäre des "man" im Sinne Heideggers.

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Der Diskurs wäre potentiell endlos. Doch die geschilderten Fälle sprechen für sich. Jeder einzelne hat für mich etwas Berührendes und Bewegendes. Es gibt vielleicht nur wenige Themen, die Menschen derart aus der Reserve locken sowie ihre Unterschiedlichkeit derart gut dokumentieren.

Die Pointe freilich ist, dass hinsichtlich der Todes und der Unsterblichkeit jede Erkenntnis, so fundiert sie auch sein mag, von einem Bekenntnis logisch nicht zu unterscheiden ist. Selbst eine gleichsam professionelle philosophische Analyse führt letztlich bloß dorthin, wo Glaube, Gesinnung, Haltung und Erfahrung sie hintragen. - Was dem Herzen gefällt, das suchen die Augen. Redlich ist hier allein die Ichform. So bleibt mir im Grunde nur noch eines übrig:

 

Fall 16

Was meinen Tod betrifft, so wäre ich beinahe selbst einmal an einer Vergiftung gestorben und wurde, wie mir die Ärzte bestätigten, in den letzten Minuten gerettet. Das Seltsame aber war, dass ich in der letzten Stunde nicht mehr gegen den Tod kämpfte, sondern mich abzufinden schien und fünf Minuten vor Eintreffen der Rettung sogar besonnen und ohne Widerstand erwartete, dass der Tod eintreten würde. Dieses Erlebnis verwundert mich bis heute. Es hat mich auch darin bestärkt, vor dem Tod keine Angst haben zu müssen, was aber ohnehin nie der Fall gewesen ist. Vielleicht hatte ich deshalb keine Todesangst, weil ich noch niemals im Leben ernsthaft krank gewesen war, aber darüber hinaus ist mir auch noch niemals im Leben langweilig gewesen. Gerade dieser völlige Mangel an Langeweile scheint mir jedoch der Grund dafür zu sein, irrationale Ängste hinsichtlich des Todes im Keim ersticken zu können.

Was die Unsterblichkeit in einem kulturellen Sinn betrifft, so fehlt mir jegliche Grundlage, sie für mich persönlich zu erwarten. Unsterblichkeit in einem religiösen Sinn halte ich dagegen für den Ausdruck einer romantischen Gesinnung, die ich überaus schätze.

Der Ruhm hat für mich eine pragmatische, andererseits eine psychologische Seite. Als selbständiger und also nicht beamteter Philosoph ist einerseits ein gerüttelt Maß an Ruhm die notwendige Bedingung, ökonomisch nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden und ein Leben führen zu können, das einen nicht permanent in peinliche oder verzweifelte Situationen führt. Das Streben nach Ruhm ist so auch eine Form der Bewältigung von Existenzangst und in der Folge eine Frage der Selbstvermarktung. Andererseits ist Ruhm aber auch an Vorbilder geknüpft, auf Grund derer man sich aufrafft und zu arbeiten beginnt, die einen Weg vorzeichnen, den es sich zu gehen lohnt und denen man auch dankt. Nie vergessen sollte man allerdings: "Lorbeer ist bloß ein Gewürz. Nicht mehr und nicht weniger."