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Der E-Faktor

ELEGANT BIS IN DIE ZEHENSPITZEN. WER KANN DAS SCHON VON SICH BEHAUPTEN? VIELEN IST SIE ANGEBOREN, BEI EINIGEN GEHT SIE KOMPLETT VERLOREN. ELEGANZ, WOHER KOMMT SIE, WOHIN GEHT SIE? - EINE SPURENSUCHE ABSEITS VON AUDREY UND JACKIE.

von PIA PRILHOFER
veröffentlicht in Maxima, September 2011

 

Freud war ein wenig ungehalten, ja sogar grantig, denn die ältere Dame, die ihm gegenübersaß, lehnte sich einfach nicht an. Schließlich platzte ihm der Kragen, und auf sein Drängen, warum um Gottes Willen sie sich denn nicht einfach anlehnen möchte, um es sich bequemer zu machen, bekam er lediglich ein: "So sind wir nicht erzogen worden." Mit dieser Antwort hatte selbst der Vater des Seelenstriptease nicht gerechnet und schwieg - besagt die Anekdote. Keine Frage, aufrecht zu sitzen sieht um einiges eleganter aus, als mit dem Sessel auf du und du zu verschmelzen, aber ist Eleganz wirklich eine Erziehungsfrage? Was bedeutet sie überhaupt? Warum hat sich dieses Wort langsam aus dem Staub gemacht, um es heutzutage genau mit diesem zu bedecken. Altmodisch, bieder, spießig - so sein Ruf. Sind wir an stärkere Reize gewöhnt und nicht mehr für leichte, feine ansprechbar? Ist es heute effektiver, durch "prollige", massentauglichere Zeichen aufzufallen als durch selektive?

EIN KÖRPERKONZEPT

Eleganz ist viel. Das ist sicher. Wobei der britische Fotograf Cecil Beaton sie kurz und bündig als "Wasser und Seife" beschrieben hatte. Nun, bei einigen wäre dieses "Basis-Paket" wirklich wichtiger als die passenden Schuhe zum Designerfetzen. Was es mit dem Begriff tatsächlich auf sich hat, erklärt die Motivforscherin Dr. Helene Karmasin. Sie sieht den Beginn der Eleganz in der Renaissance, "denn da hat man zum ersten Mal entdeckt, dass die sichtbare Hülle in Gesellschaft eine sehr zivilisierte, kultivierte Oberfläche zeigen muss, die dann auch mit einem bestimmten zivilisierten Verhalten Hand in Hand geht. "Mit anderen Worten, da war es - Frauen und Männern gleichermaßen - nicht mehr egal, wie sie ihr Haar trugen, ihre Halskrausen bändigten und wie viel Dekolleté nun wirklich zu zeigen war. Eleganz, ein Elitekonzept? Ja, das war es schon immer, denn es trennte ganz klar die oberen von den unteren Zehntausend. Für Karmasin steht fest: Eleganz heißt nach wie vor immer auf sein Äußeres Wert zu legen und einen guten Eindruck zu machen. "der nicht grell und schrill ist, sordern niveauvoll, daher ist dieses Konzept noch heute in bestimmten Gruppen verpflichtend. "Gutes Benehmen gleichzeitig mit Eleganz zu verbinden ist Karmasin allerdings eine zu weitreichende Definition. Auch wenn es in der Renaissance mit den Benimm-Basics zum ersten Mal verbunden war, "so würde man heute nicht sagen, dass jemand, der gute Umgangsformen halt pes se schon elegant ist".

DIE TOTALE

"Sie ist eine Ganzheit - denn nur der ganze Mensch kann elegant sein - es ist so etwas wie eine Haltung", meint der Philosoph Dr. Eugen Maria Schulak. Eleganz muss also mehr als ein Bild sein. Klingt logisch. denn auch eine Audrey Hepburn. der Inbegriff von Eleganz, wäre in Kombination mit Slang und Kraftausdrücken ein Schuss ins Knie gewesen.

Lateinisch "elegantia" bedeutet Feinheit, Geschmack, Anstand und "eligiere". heißt auswähle, auslesen. Man wählt ganz gezielt aus wie man sich bewegt, spricht und was man am Körper trägt. Die richtigen von den falschen Dingen auszulesen, dafür braucht es ja angeblich Geschmack. Für Arthur Schnitzler eine klare Sache: "Eleganz ist der Geschmack der anderen." Auch eine Möglichkeit. Hier könnte ebenfalls de Bildung ins Spiel kommen, denn nach Schulaks Meinung braucht Eleganz eben genau diese, "Ohne Bildung kann man nicht auswählen - wie weiß man welche Schuhe hässlich sind, welche nicht, oder auch ganz einfach, wie man ein gutes Gespräch führt." Auch Opernballchefin und Herausgeberin Desirée Treichl Stürgkh sieht in der Bildung eine wesentliche Grundlage für Eleganz. "Sie ist wichtig, damit man nicht stehenbleibt sondern sich immer weiterentwickelt. Leider bilden sich aber immer weniger Menschen weil sie faul sind und nur an ihrer eigenen kleinen Welt interessiert sind." Bequemlichkeit ist übrigens auch Schulak ein Zeichen von fehlender Eleganz. Seiner Meinung nach leben wir in einer Zeit in der es sich die Menschen hauptsächlich bequem machen und auch sehr kindlich sind. "Sie tragen Kinderkleidung - Strampelhosen mit Gummizug, überlange weite Oberteile, ausgelatschte Turnschuhe - und essen teilweise noch immer mit den Fingern. Das ist nicht elegant, es ist eben nur bequem." Fazit: Wer sich modisch gesehen gegen den Schlabberlook wehrt, zeigt, dass er mehr aushält, besser ist und Geschmack besitzt. Dreihundert Euro teure Designer Beulen-Pants sind da leiden auch keine Entschuldigung.

Verhilft das alleine aber schon zu Eleganz? Wohl kaum. Es in nur ein Teilchen des Gesamtpakets. Genau wie die Erziehung. Diese spielt für Schulak eine sehr große Rolle, denn "man muss diese Einstellung, überhaupt elegant sein zu wollen, schließlich von irgendwoher haben." Klar, wenn mir jemand jahrelang zeigt dass Besteck unter die Kategorie Luxusgüter fällt und das Trinken aus der Flasche cool ist, wird mein Bedürfnis noch Gläsern und Besteck nur gering ausfallen. Auch Treichl-Stürgkh erkennt in der Erziehung das elegante A und O. Es sind weniger Äußerlichkeiten wie Tasche, Schmuck und Make-up, die Ihrer Meinung nach Eleganz ausmachen - Werte wie Benehmen, Respekt Toleranz, soziales Engagement und Ehrlichkeit hingegen schon. Werte die uns "sehr stark, egal aus welchem Milieu man kommt, prägen, und die vor allem nichts kosten. Eleganz muss wieder schick werden, und es sollte den Leuten vermittelt werden. dass es immer in ist, elegant zu sein."

AUF UND DAVON

Eleganz ist etwas Schönes, Ansehnliches, Geschmackvolles. Warum also zieht sich ein so attraktives Attribut elegant zurück und macht die, die sie leben, zu einer aussterbenden Gattung? Helene Karmesin sieht den Grund in einer Nicht-Wertschätzung von Regeln, "Wir leben in einer Gesellschaft, die fordert, dass es keine Grenzen und Regeln mehr geben darf - jeder ist autonom und stellt seine Richtlinien selber auf, aber verbindliche Regeln gibt es wenige." Vielleicht auch ein Grund, warum sich mittlerweile so wenige genieren, in Jeans, der Arbeitshose schlechthin, Carmen in der Oper beim Sterben zuzuhören. Desirée Treichl-Stürgkh will den Grund zudem auch in einer niedrigen Schamgrenze sehen. "Wir befinden uns in einem Zeitalter. in dem alles offengelegt wird und in erster Linie Skandale und das Unglück anderer Interessant sind. Menschen, die medial alles mit sich machen lassen, polarisieren enorm und sind für die Masse interessant - somit fallen auch alle Regeln, und das hat sicher auch mit der momentan ungeheuren Informationsflut zu tun." Für Eugen Maria Schulak ist die Demokratie weitgehend verantwortlich für den Rückzug der Eleganz im Alltag. Schließlich orientiert sich die Öffentlichkeit immer am Geschmack des Masse. "Der Pöbel wird zum Maßstab und ist gewissermaßen der Durchschnitt", so Schulak, "wenn sich alle ins Tischtuch schnauzen, macht man das eben auch. Man lebt heute leider in dem Irrglauben. dass die Mehrheit immer im Recht ist, aber genau das Gegenteil ist der Fall - und das Niveau sinkt." Eleganz ist also infolge nicht mehrheitstauglich und auch nicht demokratiesierbar.

Auf den Punkt gebracht lässt sich folgern: Eleganz ist nicht durchschnittlich, sondern überdurchschnittlich, und das in allen Bereichen. Sie bedeutet, aus der Masse herauszustechen - und wer konnte es ansehnlicher formulieren als Giorgio Armani: "... nicht ins Auge zu fallen, sondern im Gedächtnis zu bleiben."