Bewohnerin zweier Welten

Model und UN-Sonderbotschafterin - Ein Gespräch mit Waris Dirie

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 9./10. Jänner 2004
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Aufgewachsen bei den Nomaden in der Wüste Somalias, sollte sie im Alter von dreizehn Jahren zum Gegenwert von fünf Kamelen an einen alten Mann verkauft werden. Was folgte, war eine spektakuläre Flucht nach Mogadishu und weiter nach London, wo sie als Haushaltshilfe des somalischen Botschafters vorübergehend Arbeit und Unterkunft fand. In den folgenden Jahren lernte sie selbsttätig lesen und schreiben, kämpfte mit Hilfe von Scheinehen um ihren Verbleib in Europa und wurde dann als Fotomodell entdeckt. Eine spektakuläre Karriere in der Mode- und Werbebranche brachte sie schließlich als erstes schwarzes Model auf die Titelseite der Vogue.

1997 rief Waris Dirie mit ihrem Outing in Sachen FGM (Female Genital Mutilation) eine viel beachtete internationale Aufklärungskampagne ins Leben, im Zuge derer sie zur UN-Sonderbotschafterin ernannt wurde. Unermüdlich - auch mit Hilfe ihrer Bücher "Wüstenblume" und "Nomadentochter", die weltweit zweistellige Millionenauflagen erreicht haben - informiert sie seitdem die Öffentlichkeit des Westens über das, was so gut wie alle Somalierinnen und Millionen anderer Frauen in afrikanischen Ländern durchleiden müssen: die pharaonische Beschneidung, bei der die inneren Schamlippen und die Klitoris entfernt werden und die Scheide, bis auf eine kleine Öffnung, zugenäht wird. Geschätzte 6.000 Mädchen weltweit sind täglich diesem Ritual ausgesetzt. Nach Wien kam Waris Dirie auf Einladung der Siemens Academy of Life, in ihrer Rolle als eine der mutigsten und auch erfolgreichsten politischen Aufklärerinnen der Welt.

Wiener Zeitung: Sehen Sie sich selbst als dieses Wesen zweier Welten, als das Sie immer beschrieben werden?

Waris Dirie: Ich hatte Glück, dass ich von diesen zwei Welten auch das Beste kennen lernen konnte und immer noch kennen lernen darf. Der Unterschied zwischen diesen Welten ist so groß, dass es einen ganzen Abend füllen würde, darüber zu sprechen. Ich liebe beide und nehme aus beiden das Beste.

Wiener Zeitung: Wie hat Sie das Nomadenleben in der Wildnis geprägt?

Waris Dirie: Ich hatte die schönste Kindheit am schönsten Ort, den man sich für ein Kind nur wünschen kann. Ich wuchs auf in der Natur und lernte die ganz einfachen Dinge, wie etwa Wasser und dergleichen, wirklich schätzen. Abgesehen von zwei kleinen Details würde ich meine Kindheit nicht ändern wollen.

Wiener Zeitung: In Ihren Büchern beschreiben Sie sehr eindringlich den Zauber Ihrer Kindheit, aber auch Ihre eigene Beschneidung. Sie waren damals fünf Jahre alt. Warum werden diese Beschneidungen durchgeführt, vor welchem kulturellen Hintergund finden sie statt?

Waris Dirie: FGM (Female Genital Mutilation) wird nicht nur in Somalia, sondern in 28 Ländern durchgeführt. Der Hintergrund ist der, dass Familien in diesen Gesellschaften Frauen, die nicht genitalverstümmelt sind, als wertlos ansehen. Das hat seinen Grund auch darin, dass Mädchen in diesen Gesellschaften nicht aus Liebe heiraten, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auf den Markt gebracht und verkauft werden, d.h. es ist im Interesse der Familien, sicherzustellen, dass Mädchen als Jungfrauen in die Ehe gehen. Abgesehen davon werden Mädchen, die nicht genitalverstümmelt sind, als unsauber angesehen. Jede Familie glaubt, für ihre Mädchen das Beste zu tun. Wann genau die Genitalverstümmelung entstanden ist und wo sie ihren Ursprung hat, das weiß man heute nicht mehr. Sie ist auf jeden Fall Tausende Jahre alt. Meiner Meinung nach ist der wahre Hintergrund der, dass die Männer den Frauen einfach zu wenig vertrauten und immer noch vertrauen.

Wiener Zeitung: Eines Tages haben Sie sich dazu entschlossen, der Öffentlichkeit von Ihrer Bescheidung zu berichten.

Waris Dirie: Der Schritt, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten, war sehr schwer. Lange davor schon trug ich mich mit diesem Gedanken. Ich wusste, dass einmal der passende Zeitpunkt kommen würde, um meine Geschichte zu erzählen. Als ich dann dieses besagte Interview für "Marie Claire" gab, ging ich davon aus, dass das Magazin ohnehin nicht den Mut haben würde, es abzudrucken. Es wurde aber sehr wohl abgedruckt, über zwei bis drei Seiten, und hat einen ernormen Prozess in Gang gebracht, der mich immer wieder in Angstzustände versetzt hat, denn ich wusste nicht, wohin mich dies führen würde. Einerseits handelt es sich bei diesem Thema um eine sehr delikate Angelegenheit, andererseits ist es in der Kultur, aus der ich stamme, verboten, über solche Dinge zu sprechen. Doch ich habe all das überlebt, sitze nun hier und werde weiterhin darüber sprechen.

Wiener Zeitung: Sie haben eine Karriere gemacht, von der viele junge Mädchen träumen. Sie wurden berühmt, verdienten und verdienen überaus gut. Welchen Stellenwert haben Ruhm und Reichtum in Ihrem Leben?

Waris Dirie: Im Grunde lebe ich immer noch mit der Tatsache, wie wichtig es ist, Wasser für einen Tag zu finden. So bin ich einfach aufgewachsen. Freilich genieße ich es heute, über Geld zu verfügen, vor allem, um anderen Menschen helfen zu können. Von Anfang an war es eines meiner größten Ziele, meine Mutter finanziell unterstützen zu können. Geld zu erwirtschaften ist für mich prinzipiell etwas, das man nicht bloß für sich alleine tut.

Wiener Zeitung: 1997 wurden Sie zur Sonderbotschafterin der UNO ernannt. Sie kämpfen seither gegen die Genitalverstümmelung von Frauen und haben auch eine diesbezügliche Stiftung ins Leben gerufen. Welche Ziele verfolgt diese Stiftung? Welche konkreten Projekte gibt es?

Waris Dirie: Unsere Stiftung ist derzeit in fünf Ländern aktiv. Es ist aber unser Ziel, in allen 28 Ländern, in denen FGM praktiziert wird, aktiv zu werden. Im Moment gründen wir gerade Spitäler, die speziell als Geburtshilfestationen dienen sollen. In Somalia sind hundert Prozent aller Frauen genitalverstümmelt, noch dazu durch die schlimmste Art, nämlich durch die komplette Beschneidung der Klitoris und der inneren Schamlippen und das anschließende Zunähen der Scheide. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für eine Frau, die gebären wird, bedeutet. Die Geburt ist überaus schwierig und sehr gefährlich. Es gibt sehr viele Frauen, aber auch Kinder, die eine solche Geburt nicht überleben. Wir bemühen uns aber auch um die Aufrüstung der Infrastruktur von Dörfern, in denen es keine Ärzte, keine Schulen und keine Wasserversorgung gibt..

Das Herzstück unserer Arbeit ist freilich die Aufklärung. Es handelt sich um Basisarbeit, d.h., wir arbeiten etwa mit Koranpredigern zusammen, die den Menschen erzählen, dass der Koran FGM nicht vorschreibt und dass FGM auch eine Gefahr für die Gesundheit bedeutet. Diese Maßnahmen wirken vielleicht ein bisschen unbedeutend, sind aber aus unserer Sicht das einzig Wirksame, um an die Menschen heranzukommen. Realistisch gesehen haben wir uns das Ziel gesteckt, innerhalb von zwei Generationen FGM zu besiegen. Schneller wird es nicht gehen.

Wiener Zeitung: Sie schreiben, dass es hier im Westen für Sie relativ einfach ist, über FGM zu sprechen, aber deutlich schwieriger, dies in Somalia zu tun. Welche Erfahrungen haben sie diesbezüglich in Somalia gemacht? Können Sie mit den Menschen in Ihrer Heimat über FGM reden?

Waris Dirie: Ich musste erst lernen, über dieses Thema in meiner Heimat zu sprechen. Nach einiger Zeit war es dann viel einfacher, als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Anfangs konnte ich vor Frauen leichter sprechen als vor Männern. Im Zuge dieser Gespräche wurde mir erstmals klar, dass für die somalischen Frauen die Option, ihre Töchter nicht verstümmeln zu lassen, gar nicht existierte. In erster Linie waren die Frauen schockiert, dass jemand über dieses Thema so frei sprechen konnte. Die Frauen stehen meiner Aufklärungsarbeit prinzipiell misstrauisch gegenüber. Aber es sind vor allem die Beschneiderinnen, bei denen man, was Erziehungs- und Bildungsarbeit betrifft, einen langen Atem braucht. Gerade diese Frauen haben ein großes Interesse daran, FGM aufrecht zu erhalten, da sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Es geht also auch darum, diese Frauen für andere Berufe auszubilden und gewinnbringende Jobs für sie zu finden.

Wiener Zeitung: Wie reagieren die somalische Männer auf Ihre Anliegen?

Waris Dirie: In Somalia hatte ich ein Gespräch mit einem mir bekannten Mann. Ich fragte ihn, ob seine Frau genitalverstümmelt sei. Er nickte und ich fragte ihn weiter, ob dies für ihn in Ordnung sei. Er meinte, dies sei ganz und gar nicht in Ordnung. Auf Grund vieler Gespräche bin ich davon überzeugt, dass die Männer in Somalia auch nicht gerade glücklich über FGM sind. Das Wichtigste ist, dass überhaupt einmal über FGM gesprochen wird. Erst wenn es ein Problembewusstsein gibt, kann auf eine mögliche Lösung des Problems zugesteuert werden.

Wiener Zeitung: Haben Sie der somalischen Gesellschaft oder Ihren Eltern gegenüber jemals Hass empfunden? Und wenn ja, konnten Sie Ihren Eltern vergeben?

Waris Dirie: Hass habe ich niemals verspürt. Ich habe meine Mutter immer geliebt, immer. Die Beschneidung war für meine Mutter die normalste Sache der Welt. Auch sie selbst musste dies alles erleiden und war der Meinung, dass daher auch ich dies alles durchleiden müsse. So gab es für mich nichts zu vergeben. Es ist alles eine Frage der Erziehung und des Wissensstandes.

Wiener Zeitung: Wie verlief Ihr erstes Treffen mit Ihrem Vater, als Sie nach vielen Jahren wieder nach Somalia kamen? Wie beurteilt Ihr Vater Ihre Rolle als Botschafterin in Sachen FGM?

Waris Dirie: Bei meinem ersten Besuch in Somalia konnte ich meinen Vater nicht finden, weil er nach wie vor als Nomade lebte. Ich traf ihn erstmals vor zwei Jahren wieder, nach über zwanzig Jahren Trennung. Er war am Erblinden, ich holte ihn aus dem Spital und nahm ihn mit nach Hause in die Hütte meiner Mutter. Neben meiner politischen Arbeit konnte ich ihn dort pflegen. Einmal lud ich die Frauen der Umgebung ein, kochte für sie Kaffee, versammelte alle unter einem Baum und sprach mit ihnen über FGM. Mein Vater konnte alles durch die Graswände der Hütte mitanhören, ließ mich zu sich rufen und erklärte mir, dass ich mich um kein bisschen gebessert oder verändert, dass ich offensichtlich gar nichts dazugelernt hätte. Mit meinem Status als UNO-Botschafterin oder als weltberühmtes Model wusste er nichts anzufangen, weil er sich darunter nichts vorstellen konnte. Als ich Somalia dann wieder verlassen musste, bemerkte ich aber sehr wohl, dass mein Vater stolz auf mich war, eben weil ich Charakterstärke gezeigt hatte. Zum Abschied weinte mein Vater, was in unserer Kultur wirklich etwas Besonderes ist. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern sehr stolz auf mich sind.

Wiener Zeitung: Sie schreiben in Ihren Büchern auch über die Hektik und den Stress, der hier im Westen herrscht. Wie erreichen Sie für sich Gelassenheit und Ruhe?

Waris Dirie: So, wie es, glaube ich, viele von uns tun, sperre auch ich dann und wann die Türe zu, gehe nicht ans Telefon, schalte meinen Anrufbeantworter ein, nehme keinerlei Anrufe von Managern und Agenten entgegen, schalte einfach ab. Das, was mir aber wirklich Auftrieb und Kraft gibt, das, was mich auch beruhigt, wenn ich nervös bin, ist mein Sohn. Er ist mein Wundermittel. Wenn ich meinen Sohn in meinen Armen halte, wenn ich mit ihm spazieren oder mit ihm schwimmen gehe, ihm Geschichten aus Afrika erzähle, dann kann ich wirklich entspannen, vergesse alle Sorgen und all das, was mich in Stress versetzen könnte. Heute habe ich mit meinem Sohn telefoniert. Er hat mich zum Lachen gebracht und dadurch habe ich die Kraft gefunden, mich hierher zu setzen und mich mit Ihnen zu unterhalten.

Wiener Zeitung: Ihren Büchern konnte ich ebenso entnehmen, dass Sie sich als Kind sehnlichst ein paar Schuhe wünschten. Sie baten damals Ihren Onkel um ein paar Schuhe als Bezahlung dafür, dass Sie seine Ziegen hüteten. Was ist gegenwärtig Ihr sehnlichster Wunsch?

Waris Dirie: Mein größter Wunsch ist es, das Leid von dieser Erde zu entfernen. Ich weiß, dass ich mir diesen Wunsch zu meinen Lebzeiten nicht werde erfüllen können, doch ich möchte mein Bestes dazu beitragen, dass mein Wunsch einmal erfüllt sein wird.