Philosophie als Performance

Diogenes von Sinope - Künstler, Philosoph, Legende aus dem Fass

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 30. Juni 2007

 

Diogenes von Sinope lebte im vierten vorchristlichen Jahrhundert, zur Zeit von Platon und Aristoteles. Bereits in jungen Jahren musste er aus seiner Heimatstadt am Schwarzen Meer fliehen, weil sein Vater der Münzfälscherei beschuldigt wurde. In dieser schwierigen Lage soll er das delphische Orakel um Rat befragt und zur Antwort bekommen haben, er möge das "nómisma" entwerten. Diogenes habe, so die Überlieferung, "nómisma" nicht in der Bedeutung "Münze", sondern im Sinne von "Konvention" verstanden und von da an versucht, alle gesellschaftlichen Übereinkünfte zu brechen.

In Athen blieb dem mittellosen Flüchtling wohl gar nichts anderes übrig, als betteln zu gehen. Im Sommer schlief er im Freien, im Winter, in seinen Mantel gehüllt, in öffentlichen Gebäuden, Tempeln oder in den Umkleidekabinen von Sportplätzen. Ob Diogenes tatsächlich ein Holzfass oder eine Tonne aus gebranntem Ton bewohnt hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Diese ihm zugeschriebene Behausung wurde jedenfalls Teil der Legende und gilt bis heute als Metapher für eine mögliche, wenn auch stets fragwürdig gewesene Freiheit abseits der Gesellschaft.

Im geistig regen Athen kam Diogenes auch mit dem Philosophen Antisthenes in Kontakt, dessen Schüler er wurde. Antisthenes schrieb - inspiriert von seinem Lehrer Sokrates, und noch vor Platon - sogenannte "sokratische Dialoge", um die brillante Fragetechnik seines Meisters für die Nachwelt zu erhalten. Später gründete Antisthenes eine eigene Schule im Gymnasium Kynosarges, die sich den niederen Klassen verpflichtet fühlte, gegen die Gebräuche der Zeit protestierte und zu einer ursprünglichen Lebensweise zurückfinden wollte. Antisthenes kritisierte scharf Platons Ideenlehre - unter anderem mit dem Satz: "Das Pferd sehe ich wohl, die Pferdheit dagegen nicht." Angeblich soll er Platon sogar öffentlich "sathon" genannt haben, was so viel wie "Pimmelchen" bedeutet.

Antisthenes’ Schüler Diogenes jedenfalls wurde rasch zu einer Berühmtheit, sowohl in Athen als auch in Korinth. Die Lebensweise behielt er trotzdem bei: Er blieb bis ins hohe Alter ein Herumtreiber ohne festen Wohnsitz. Sein bedeutendster Schüler wurde der Thebaner Krates, der, um seinem Lehrer folgen zu können, sich seines Reichtums entledigte und mit der ebenfalls vornehmen Hipparchia ein Bettlerleben führte. Es ist zu vermuten, dass es ihnen eine Vielzahl junger Leute gleichtat. Krates wiederum war Lehrer von Zenon von Kition, dem Begründer der Stoa, die später zur dominierenden Philosophie der Römer werden sollte.

Als ein Verächter der Kultur, dem die konventionellen Verhältnisse ein Gräuel waren, erwarb sich Diogenes den Beinamen "kyon" ("der Hund"), einen Namen, den er als Ehrentitel verstand: "Ich bin ein Hund, weil ich die, die mir etwas geben, anwedle, die, die mir nichts geben, anbelle und die, die mir lästig fallen, beiße." Die Begriffe "zynisch" und "Zynismus" leiten sich davon her.

Die Schriften des Diogenes, deren Existenz schon in der Antike von manchem angezweifelt wurde, sollen allesamt verloren gegangen sein. Über sein Leben hingegen gibt es zahlreiche Anekdoten, überliefert bei Diogenes Laertios, der im dritten Jahrhundert die erste Philosophiegeschichte schrieb. Es sind Geschichten über das Leben und die Schlagfertigkeit des Diogenes. Die Anekdote, die ihn vielleicht am treffendsten beschreibt, ist die folgende: Der Philosoph soll oft ins Theater gegangen sein, aber immer erst dann, wenn die Vorstellung schon zu Ende war und alle aus dem Theater herausströmten. Nach dem Grund seines Verhaltens gefragt, soll er geantwortet haben: "So halte ich es grundsätzlich in meiner ganzen Lebensführung."

Wie weiland Sokrates wird auch Diogenes nachgesagt, dass er den ganzen Tag philosophiert habe: mit einfachen Leuten auf dem Marktplatz oder auf der Straße, aber auch mit Berühmtheiten wie Platon oder Alexander dem Großen. Alexander, so die Legende, soll selbst zu Diogenes gekommen sein und ihn gefragt haben: "Diogenes, kann ich etwas für dich tun?" Der Philosoph, der gerade aus seinem Fass in die Sonne schaute, habe darauf gemeint: "Es ist nur eine Kleinigkeit: Geh mir bitte aus der Sonne!" Alexander, von dieser Antwort tief beeindruckt, habe im Weggehen zu seinen Begleitern gesagt: "Wahrhaftig, wenn ich nicht Alexander wäre, dann wollte ich Diogenes sein!"

Die Bekanntheit und Beliebtheit dieser Anekdote rührt wohl daher, dass darin Alexanders hohe Wertschätzung gegenüber einem Philosophen zum Ausdruck bringt. Alexander spricht Diogenes eine besondere menschliche Größe zu, eine Überlegenheit, die sich in dessen Fähigkeit zur Verweigerung zeigt. Vielleicht hat Alexander sich in Diogenes aber auch wiedererkannt. Noch eine zweite Begegnung mit Alexander ist überliefert, bei welcher der Herrscher Diogenes gefragt haben soll: "Fürchtest du dich nicht vor mir?" Diogenes habe mit der Gegenfrage geantwortet: "Bist du ein guter oder ein böser Mensch?" Auf Alexanders Antwort: "Ein guter!", soll Diogenes gesagt haben: "Dann brauche ich mich ja nicht vor dir zu fürchten!"

Mit Platon hingegen hatte Diogenes Probleme, er hielt diesen Mann für eitel und ruhmsüchtig, ja für einen ewigen "Zungendrescher". Zudem warf er ihm vor, ein Schmeichler und Heuchler zu sein, weil er sich dem sizilianischen Tyrannen Dionysios an den Hals geworfen hätte. Platon freilich blieb Diogenes nichts schuldig. Als dieser einmal meinte: "Ich verachte deine anmaßende Aufgeblasenheit!", soll Platon geantwortet haben: "Ja, aber mit einer anderen Art von Aufgeblasenheit, mein lieber Diogenes!" Jahre später, als der Mensch in Platons Akademie offiziell als ein "zweifüßiges Lebewesen ohne Federn" definiert wurde, warf Diogenes ein gerupftes Huhn in den Hörsaal, woraufhin die Definition um den Zusatz "mit platten Nägeln" erweitert werden musste.

Berühmt wurde Diogenes außerdem mit seinem philosophischen Aktionismus, der an so manche Aufführung von Straßenkünstlern erinnert: Diogenes soll einmal am helllichten Tag mit einer Laterne in der Hand über den Markt von Athen gegangen sein. Er habe dabei jedem ins Gesicht geleuchtet, den Kopf geschüttelt und sei weitergegangen, solange, bis einer ihn gefragt habe, was er denn am helllichten Tage mit seiner Laterne wolle. "Ich suche", erwiderte Diogenes, "einen Menschen!"

Ein anderes Mal, während jemand eine Rede hielt, soll Diogenes abseits gestanden sein und beharrlich einen gesalzenen Fisch in die Höhe gehalten haben. Als sich immer mehr Menschen von dem Redner ab- und Diogenes zuwandten, meinte dieser, dass es wohl eine belanglose Rede sein müsse, wenn ein Pökelfisch mehr Interesse wecken könne als die gelehrte Philosophie.

Bekannt wurde Diogenes aber auch durch Sprüche, die mit Fug und Recht als zynisch gelten können: Als ein paar Leute einen edlen Spender lobten, weil er Diogenes Geld gegeben hatte, meinte der Philosoph: "Und mich lobt ihr nicht als einen würdigen Empfänger?" Auch hatte Diogenes angeblich die Angewohnheit, am Marktplatz zuweilen zu onanieren. Darauf angesprochen, soll er gesagt haben: "Wie schön wäre es doch, wenn man auch durch das Reiben des Bauches das Hungergefühl vertreiben könnte!"

Darüber hinaus war Diogenes der erste Mensch, der sich selbst als "Weltbürger" bezeichnete. Dieser Kosmopolitismus, den die Stoiker später übernahmen, musste im vierten Jahrhundert als Provokation erscheinen. Diogenes meinte offensichtlich, auf der ganzen Welt zuhause zu sein, ganz so wie Alexander. Bloß musste er sich nicht der Mühsal der Eroberungen unterziehen, konnte vielmehr nach Gutdünken in der Sonne liegen und wurde, wie Alexander, bewundert, wenn auch aus ganz anderem Grund.

Auf die Frage, was denn das Schönste für den Menschen sei, soll Diogenes geantwortet haben: "Das freie Wort - die Freiheit, alles ausleben, alles aussprechen zu können". Dieser Individualismus, diese Missachtung sozialer Normen und Schranken brachte es ihm ein, dass er auch dann und wann verprügelt wurde. Wenn jedoch jemand sein legendäres Fass zerschlug, brachte ihm angeblich ein anderer am nächsten Tag ein neues. Wenn man ihm Faustschläge versetzte, trug er am nächsten Tag ein Schild an seinem Körper, auf dem die Namen der Übeltäter geschrieben standen. Diogenes inszenierte sein Leben also: als ein fortwährendes öffentliches Ärgernis.

Durch seinen Lebenswandel irritierte der Philosoph, und durch seine freie Rede übergoss Diogenes seine Mitbürger mit beißendem Spott. Seine Methode war das "spudaiogeloion", die Kunst, lachend die Wahrheit zu sagen, die Vermischung von moralischem Ernst und Scherz. Dabei lebte er stets wie ein Hund auf der Straße und soll auf einem Fest, zu dem er eingeladen war, einem Mann, der ihm spottend einen Knochen zugeworfen hatte, zum Erstaunen aller sogar frech ans Bein gepinkelt haben. Seine Bedürfnisse wollte er auf die eines Tieres reduzieren und wie ein Tier befriedigen - damit stellte er sich außerhalb des sozialen Gefüges. Doch gleichzeitig lebte er, ganz wie sein Vorbild Sokrates, die Autarkie des Weisen. Dem mächtigen Alexander bot er die Stirn und Platon kritisierte er ob seines angemaßten Wissens. Platon wiederum soll ihn als "verrückt gewordenen Sokrates" bezeichnet haben. Heute würde man Diogenes wohl einen Performancekünstler nennen.