back

Philosophen als Wirtschaftsberater

Neuer Trend im Consulting: Philosophen als Unternehmensberater. Dieser Ansatz kann einer Firma helfen, sich selbst zu verstehen und zu positionieren. Das kann (überlebens-)notwendig sein, beispielsweise bei einer Betriebsübergabe oder einem Generationenwechsel

von EVA STANZL
Die Wirtschaft vom Juli-August 2007 (Nr. 7-8)

 

Werner Peter hat in seinem Betrieb eine Buchhalterin angestellt, mit der er im Großen und Ganzen zufrieden ist. Einziges Problem: Etwa ein Mal im Monat kommt sie unangekündigt für ein paar Tage einfach nicht zur Arbeit gibt allerdings offen zu: Auch mit mehreren Entziehungskuren hätte sie ihre Alkoholsucht nicht besiegen können. Diese wirkt sich auf die Regelmäßigkeit ihrer Anwesenheit, aber nicht insgesamt auf ihre Leistung aus, die sie penibelst erledigt. Einzig dass man nicht genau wissen kann, ob sie kommt oder nicht, ist unangenehm. Eine Zeit lang war Peter unsicher, ob er sie behalten wollte oder nicht. Er beobachtete ihr Verhalten, holte sich Rat bei seiner Ehegattin und Kindern. Und entschloss sich für: behalten.

"Jedes Arbeitsverhältnis ist ein Tauschverhältnis", erklärt Eugen Maria Schulak. Der Wiener Philosoph berät Unternehmer bei Konflikten mit der philosophischen Tradition. Demnach gibt die Buchhalterin eine Arbeitsleistung und bekommt etwas dafür: Was sie bekommt ist mehr wert als was sie hat, "sonst macht man es nicht", sagt Schulak. Auch würde Arbeitgeber Peter seine Buchhalterin langfristig nicht behalten, wenn er nicht im Großen und Ganzen zufrieden wäre, und zusammenzählt: Sie ist loyal, war ehrlich, und sonst muss ich eine Neue einschulen. Indem er ihr eine Chance gibt, beruhigt er sein Gewissen und bindet sie dadurch noch mehr: Im Rahmen seiner Kosten-Nutzen-Rechnung zählt jeder Posten, inklusive Meinung von Familienmitgliedern eine Anwendung aus der Wiener Schule der Nationalökonomie: Der methodische Subjektivismus des Ökonomen Karl Menger.

 

Nahrung für Entscheidungsträger

Lebens- und Unternehmensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zu Psychotherapie und Coaching je nachdem, welchen Philosophen man aufsucht. Schulak, der der Siemens Academy of Life Gestalt gab, den jungen Unternehmern und Führungskräften die Erfolgsrezepte prominenter Persönlichkeiten näher bringt, bietet in seiner Philosophischen Praxis Diskussionsrunden und Einzelberatung. "Leute, die sich im Beruf positioniert haben, haben Interesse an der Philosophie. Wobei sie die Philosophie weniger auf einen anderen Weg bringt als dass sie darüber philosophieren können, was er bedeutet", sagt er. Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, aber auch politische und wirtschaftsphilosophische Themen werden aus unterschiedlichen Weltbildern her betrachtet. Schulak erteilt keine psychologische Beratung oder Coaching, sondern führt Gespräche, "im Zuge derer man sich Dinge klar macht". Wie klärend das konzentrierte zusammensitzen und gemeinsam begreifen sein kann, könnte so beschrieben werden: "Es ist nicht eine Zeit, in der man nichts tut, sondern in der man sich sammeln kann. Wir arbeiten, treffen Entscheidungen, tragen Verantwortung, planen Projekte, kämpfen uns nach oben. Lesen Zeitung, gehen ins Theater: Aber wir reden zu wenig darüber, und dann werden wir passiv. Das Philosophieren hat eine belebende, motivierende Wirkung." Den Wunsch nach Letzterem können die allermeisten in einem hektischen Arbeitsalltag stehenden Menschen wohl nachvollziehen.Lebens- und Unternehmensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zu Psychotherapie und Coaching je nachdem, welchen Philosophen man aufsucht. Schulak, der der Siemens Academy of Life Gestalt gab, den jungen Unternehmern und Führungskräften die Erfolgsrezepte prominenter Persönlichkeiten näher bringt, bietet in seiner Philosophischen Praxis Diskussionsrunden und Einzelberatung. "Leute, die sich im Beruf positioniert haben, haben Interesse an der Philosophie. Wobei sie die Philosophie weniger auf einen anderen Weg bringt als dass sie darüber philosophieren können, was er bedeutet", sagt er. Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, aber auch politische und wirtschaftsphilosophische Themen werden aus unterschiedlichen Weltbildern her betrachtet. Schulak erteilt keine psychologische Beratung oder Coaching, sondern führt Gespräche, "im Zuge derer man sich Dinge klar macht". Wie klärend das konzentrierte zusammensitzen und gemeinsam begreifen sein kann, könnte so beschrieben werden: "Es ist nicht eine Zeit, in der man nichts tut, sondern in der man sich sammeln kann. Wir arbeiten, treffen Entscheidungen, tragen Verantwortung, planen Projekte, kämpfen uns nach oben. Lesen Zeitung, gehen ins Theater: Aber wir reden zu wenig darüber, und dann werden wir passiv. Das Philosophieren hat eine belebende, motivierende Wirkung." Den Wunsch nach Letzterem können die allermeisten in einem hektischen Arbeitsalltag stehenden Menschen wohl nachvollziehen.

Unternehmens- und Sozialberater Leo Hemetsberger sieht Philosophie noch praktischer, und wendet sie auf die Unternehmensnachfolge an: "Bei der Betriebsnachfolge sind die Gründer weniger ökonomisch als menschlich motiviert", sagt er. Sie identifizieren sich mit ihrem Lebenswerk. Allerdings: "Gesprochen wird fast ausschließlich über die Übergabeprozesse und kaum über Menschliches." Das sei mit eine Grund, warum nur die Hälfte aller Unternehmen, bei denen eine Weiterführung ansteht, in die zweite und nur zwei bis drei Prozent in die dritte Generation kommen. Die Philosophie könne helfen, die Natur dieses Prozesses zu erkennen und entsprechend besser zu vollziehen. Bei Unternehmensnachfolge etwa ginge es um Fragen der Identität: "Nehmen wir an, Sohn oder Tochter sind bereit, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Da gibt es zunächst ein Gender-Problem, weil Töchter werden oft ausgeklammert." Die Söhne hingegen kämen in eine Doppelbindung: Folgt der Sohn dem Vater nach, hat er wenig Möglichkeit, sich eigenständig zu entwickeln, folgt er nicht nach, gibt es einen Konflikt.

 

KMU-Führung "gottgegeben"

Wenig Unternehmer gehen deswegen gleich zum Psychotherapeuten. Eher denke sie: "Ich bin ein erfolgreicher Geschäftsmann, was soll ich eine Psychiater brauchen?" Vor allem in Klein- und Mittelbetrieben sei die Führung selten hinterfragbar sondern gelte eher als "gottgegeben". In der Übergangsphase zur Nachfolge breche die "Gottgegebenheit" auf. 30 Prozent der Unternehmer gehen es gar nicht an und sterben ohne geregelte Nachfolge, oft heißt es dazu "er kann nicht aufhören". Ab 55 Jahren beginnen nicht wenige Gründer sogar "von vorne" etwa indem sie ihrer Gärtnerei, die immer gut gelaufen ist, einen Zubau verpassen, obwohl bereits ausgemacht ist, dass der Sohn die Firma übernehmen wird.

Für den Gründer ist sein Unternehmen ein Identitätsvollzug. Dass eines der Kinder die "Identität" übernehmen soll, bleibt unausgesprochen, und das bringt die Kinder in die Bredouille. Daheim "sitzt bei jedem Essen die Firma mit am Tisch", was dem Individualismus widerspricht. Der Vater dagegen denkt sich: Ich habe alles aufgebaut, also kann ich doch nicht mit 55 alles verkaufen und in die Toskana ziehen. "Sehr viel läuft über Anerkennung und Wertschätzung. Es gilt, den Gründer in dem, was er geleistet hat, wahrzunehmen. Und die Kinder sind dafür verantwortlich, dass das Leben ihrer Eltern einen Sinn hat, indem sie den Sinnstiftungsprozess weiterführen", beschreibt es der Philosoph und Berater: "Das sind unausgesprochene Generationenverträge." Werden sie nicht eingelöst, tut sich ein Loch auf und es tritt Verbitterung ein. Je größer die Familie und je größer das Unternehmen, desto dynamischer sind diese Kräfteverhältnisse. Derzeit stehen, je nach Quelle, zwischen 40.000 und 70.000 Unternehmen zur baldigen Übergabe an.

 

Mythos und Richtungswechsel

Kinder-Eltern-Beziehungen sind dynamisch und entwickeln sich asymetrisch. Zu Beginn steht das Kind unter der Macht der Eltern, später werden Kinder selbständig. Emotional geladen ist die Beziehung zumeist. Und "wenn man der Großmutter am Sterbebett versprechen muss, dass man niemals das Familien-Haus verkauft, und deswegen der Betrieb zu Grunde geht, ist das eine ganz schön schwere emotionale Ladung", sagt Hemetsberger.

Die Philosophische Praxis geht von einem Richtungswechsel aus. In der Unternehmensberatung kann er auf einer Erkenntnis der Dinge beruhen eine Meta-Ebene, die eine Perspektive darauf ermöglicht, was man gerade tut. Hemetsberger empfiehlt für ein Unternehmen zwei Berater einen für den Gründer und einen für den Nachfolger. Damit könne der Nachfolger erzählen, was er im Sinn hat und der Gründer, wie er sich den Prozess der Übergabe vorstellt und welche Möglichkeiten er sieht: "Es geht darum, wie ein Unternehmer sich selbst versteht."

 

Ermutigung zur Selbstreflexion

"Die philosophische Praxis im Unternehmenskontext ist die Ermutigung zur Selbstreflexion im geschützten Kontext", sagt Hemetsberger. Um Beratung in der Praxis des Philosophen durchzuführen, müssen Absolventen der Studienrichtung Philosophie eine Zusatzausbildung zum Berater abschließen. Der weitere Ansatz ist offen und hängt vom Praktiker ab. Der Begriff wurde 1981 durch den deutschen Philosophen Gerd Achenbach geprägt als Einrichtung für Menschen, die Probleme quälen oder die meinen, sie seien irgendwie "steckengeblieben" persönlich oder geschäftlich. "Sie suchen die Praxis des Philosophen auf, weil sie verstehen und verstanden werden wollen", schreibt Achenbach erklärend auf seiner Website. Dabei ist es weniger die Kantische Frage "Was soll ich tun?", die zählt, als die Frage Montaignes: "Was tue ich eigentlich?". Aufgabe es Philosophen ist, aktiv zuzuhören und Verwirrungen mit philosophischen Argumenten zu lösen. Achenbach unterstreicht: "Ein guter Zuhörer zu sein ist nichts, was sich von selbst versteht. Zuzuhören ist keine Passivität, sondern äußerste Aktivität."