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Vom "Orchideenfach"
zum Brotberuf

Eugen-Maria Schulak: philosophisches Wissen für die Wirtschaft

von MONIKA GRIEBEL
Die Presse (27. 01. 2001)

 

Wovon lebt ein Philosoph? Im Idealfall wird ein Vertreter dieses Prototyps der brotlosen Berufe unterrichten, Vorträge halten und Bücher schreiben.

All das macht Eugen-Maria Schulak, doch darüber hinaus ist er der erste Philosophische Berater, der in Österreich eine Praxis eröffnet hat. Dort bietet der 37jährige seit zwei Jahren die Möglichkeit, im Gespräch Werthaltungen und Weltbilder von mehreren Seiten zu betrachten, Argumente zu prüfen, Strategien auf Schwachstellen abzuklopfen.

 

Werte und Weltbilder

"Es war schon in der Antike üblich, gegen Geld philosophisches Wissen zu verkaufen, Rede und Gegenrede durchzuspielen, Verteidigung und Anklage", sieht sich Schulak in der Tradition der Sophisten. Dabei geht es einem Praktiker der Philosophie weder um Wissensvermittlung noch um die Verbreitung von Lehren. "Im Gegenteil, er zuhören, um sich der Einstellungen, Werthaltungen und Weltbilder seines Gesprächspartners bewußt zu werden, Denkmuster zu erkennen, Meinungen und Ansichten zu analysieren und neue Perspektiven zu erfahren", beschreibt Schulak seine Methode.

Die Menschen, die sich an ihn wenden, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, sind Ärzte, Anwälte, Künstler und Manager. "Gerade die New economy mit ihrer enormen Arbeitsbelastung führt zu neuem Nachdenken", stellt Schulak fest. Personalvermittler besprechen ethische Grundfragen wie die Balance zwischen Aufrichtigkeit und Höflichkeit; ein Head-hunter möchte seine Unternehmensphilosophie formuliert haben; ein Neurologe will sich eingehend mit dem Nihilismus auseinandersetzen - "die Themen sind so vielfältig wie meine Klienten unterschiedlich", so Schulak, der mit dem Druck des modernen Wirtschaftslebens durchaus vertraut ist. Noch während seines Philosophiestudiums eröffnete der ausgebildete Gitarrist ein Tonstudio und produzierte Musik für Radio- und Fernsehspots. Mit dem Abschluß des Studiums - die Dissertation wird im März bei WUV als Buch erscheinen - stellte sich die Frage, ob und wie sich ein sogenanntes "Orchideenfach" in einen Brotberuf umsetzen ließe.

In den USA und in Deutschland wurde Philosophische Beratung bereits praktiziert. "In einem einjährigen Probebetrieb testete ich Praktikabilität und Bedarf", sagt der Philosoph aus Leidenschaft und freut sich, daß "heute die Nachfrage nach philosophischer Beratung aus dem Unternehmensbereich deutlich im Steigen begriffen ist." Neben der One-to-one-Betreuung in der Praxis bietet der 37jährige Unternehmen und deren Beratern auch Seminare zum Thema Wirtschaftsethik an.

 

Pionierarbeit geleistet

Anfangs war jedoch Pionierarbeit zu leisten gewesen. Durch ausgedehnte Vortragstätigkeit und regelmäßige Veröffentlichung von Essays konnte sich Schulak innerhalb von eineinhalb Jahren einen Namen machen und bestreitet mit der philosophischen Praxis nunmehr den größten Teil seiner Einkünfte. Die Lehrtätigkeit an AHS, Volkshochschule und am Lehrgang für Sozialmanagement in Graz sowie das Dekanat für Weltbild der Siemens Academy of Life möchte er aber auch bei steigender Nachfrage aus der Wirtschaft weiterhin wahrnehmen.