Bei Liebeskummer Sokrates - Philosophen als Lebensberater

Im Rahmen der Sendereihe "Studiozeit" (Deutschlandfunk Köln, gesendet am 25.11.2004)
Mit Gerd B. Achenbach, Rüdiger Safransky, Eugen Maria Schulak, Wilhelm Schmid und Martina Winkler-Kalaminos


Konzeption und Gestaltung: Rosvita Krausz

 

Achenbach: Philosophen sind geborene Nussknacker. Die Nüsse können ihnen gar nicht hart genug sein. Man ist nicht Philosoph, ohne dass man nicht auch eine gewisse Verliebtheit in Probleme kennen würde. Oder man könnte auch sagen: Man ist nicht philosophischer Praktiker, ohne dass man die Herausforderungen schätzt, die von schwierigen Menschen ausgehen.

Sprecher: Gerd B. Achenbach, praktischer Philosoph.

Sprecherin: Weltraum der Denker im Elfenbeinturm. Hoch über den Niederungen des Alltags schwebend, so stellt man sich den typischen Philosophen vor. Gert B. Achenbach allerdings ist alles andere als ein typischer Philosoph. Er ist Hochschuldozent und Publizist, hat seit 23 Jahren eine gut gehende Philosophische Praxis, stellt sein Wissen und sein denkerisches Talent als Berater Unternehmen, Organisationen, Verbänden, die Leitlinien suchen, zur Verfügung; auch Einzelnen, die ahnen, dass ihr Leben nicht das ist, was es sein könnte. Ein typischer Fall ...

Achenbach: Gar nicht selten ist eine Lebensbilanzkrise der Anfang. Ich nenne als Beispiel jemanden, der den Traum hatte, ein Filmer, ein Regisseur zu werden. Er war auch sehr tüchtig. Das Ergebnis war, dass er ein hochgefragter Mann für Werbespots wurde und sich damit sogar eine goldene Nase verdient hat. Er fängt aber damit an, dieses Geschäft schlechterdings ekelhaft zu finden. Soll ich das jetzt mein Leben lang weitermachen? Das ist eine Einladung, um mit einem anderen nachzudenken, sich zu besinnen. Übrigens, das schöne alte europäische Wort "sich besinnen" heißt, die Bilanz des ganzen bisher gelebten Lebens aufzumachen, in ein Verhältnis zu den Vorstellungen, Wünschen und Ideen zu bringen, die man einmal hatte. Solche Dinge erfordern Zeit, Ruhe, um nachzudenken, brauchen einen langen Atem. Das lässt sich nicht schnell erledigen.

Sprecherin: Die Kirchen sind leer, Psychoanalyse und Politparolen schon lange out, aber die Philosophie blüht. Man liebt es wieder, über letzte Dinge zu reden, nicht nur an der Universität, neuerdings auch in Radio und Fernsehen, im Philosophischen Café oder in der Philosophischen Praxis. Wie führe ich mein Leben, damit es sinnvoll und lebenswert ist? Was bringt mein Leben in Form und Fassung? Was ist ein Leben, das verdient, glücklich genannt zu werden? Durch solche Fragen wird das Philosophieren geerdet, meint Gert. B. Achenbach. Wie kam er darauf, als Philosoph ein Praktiker zu werden?

Achenbach: Aus mindestens zwei Erfahrungen. Die erste Erfahrung war eine philosophiekritische. Ich habe sehr lang studiert und dabei einen Mangel an der Philosophie gesehen. Der Mangel war, dass sie eine Wissenschaften ist, ohne ihre Annahmen und Überzeugungen in der Praxis überprüfen zu müssen. Deshalb musste die Philosophie praktisch werden. Und diesen Schritt, die Philosophie praktisch werden zu lassen, den habe ich ja vollzogen. Die andere Seite ist, dass ich mich beim Studieren auch der Psychologie gewidmet habe. Bei der Psychologie haben wir das gegenteilige Elend. Sie praktiziert zwar, aber ihr fehlt es an durchdachter Theorie.

Sprecherin: Immer zahlreicher werden die Erklärungsangebote, die Welt zu verstehen, schneller und komplexer die technischen Mittel, sich zu verständigen. Aber für den Einzelnen geht die Übersicht verloren, die Seele bleibt auf der Strecke. Die Fragen "Was soll ich tun?" und "Was tue ich eigentlich?" liegen auf der Hand. Es sind uralte philosophische Fragen. Der Berliner Philosoph und Publizist Rüdiger Safransky ...

Safransky: Bei der Philosophie ist es so, dass sie kaum veraltet, wenn sie wirklich gut ist. Und deswegen hat die alte Philosophie uns sehr viel zu sagen, weil in der Grundsubstanz der Mensch sich ja nicht so sehr geändert hat, wie man das vielleicht denkt. Deswegen die Grundfragen, wie wir mit unserer Sterblichkeit umgehen, wie wir mit unserer Freiheit umgehen, wie wir mit unseren Möglichkeiten umgehen, wie wir mit den Möglichkeiten umgehen uns selbst zu verändern, wie wir umgehen mit den übergreifenden Ordnungen, in denen wir uns immer vorfinden. Alle diese Grundfragen bleiben gleich. Und insofern sind intelligente und inspirierte Versuche, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, seit zweieinhalbtausend Jahren so, dass wir sie heute noch sehr gut gebrauchen können.

Sprecherin: Die heilsame Kraft des Philosophierens, die Lust an konzentrierter Rede und Gegenrede standen schon bei den alten Griechen hoch im Kurs. Für Sokrates, Platon, Aristoteles und Epikur war klar, dass Philosophie angewandt werden sollte. Wozu auch die Mühen der Reflexion, wenn sie folgenlos bleiben, für das Leben selbst keine Bedeutung haben. Dieser lebenspraktische Anspruch der Philosophie verschwand dann allerdings viele Jahrhunderte lang in der Versenkung.

Sprecher: Karl Marx: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt darauf an, sie zu verändern".

Sprecherin: In seinen Thesen über Feuerbach notierte Karl Marx jenen berühmten Satz, der das Image der Philosophie als einer etwas linkischen, weltfremden Disziplin mitgeprägt hat.

Safransky: Mit der praktischen Philosophie kehrt die Philosophie zu ihren Ursprüngen zurück, denn Philosophie, an ihrem Geburtsort in der abendländischen Geschichte, speziell bei Sokrates, ist Geburtshilfe. Sokrates hat sich selber immer als Mäeutiker verstanden, er hat sich selber als den Sohn einer Hebamme dargestellt, um das verschüttete, richtige Leben aus dem falschen herauszuziehen. Nicht durch eine große Gesellschaftsumwälzung, sondern durch Arbeit vor Ort, an sich selbst. Also insofern ist auch die heutige Konjunktur der praktischen Philosophie eine Wiedererinnerung an das, was Philosophie an ihrem Ursprung eigentlich gewesen ist.

Sprecherin: Philosophie ist heute mehr als das Blättern in verstaubten Büchern. Sie ist der Versuch, sich in einer offenen Welt zurechtzufinden. Eine offene Welt ist eine Welt, in der die ersten und letzten Fragen offen sind, Fragen, die gestellt werden können, aber nicht zu beantworten sind. Und der Philosoph ist dann derjenige, der die Kunst des Fragens beherrscht und mit seinen Fragen den Prozess der Entwicklung immer weitertreibt. Erst in Frage und Antwort springt das Denken frei von Mensch zu Mensch und bringt mehr in Bewegung als einsame Lektüre kluger Bücher allein.

Safransky: Wie viele Menschen kommen eben nicht in den Vollbesitz ihres Vermögens, ihres Könnens, weil sie keinen Menschen haben, der sie bestärkt, begleitet, herausfordert. Das ist nämlich das, was Sokrates das Prüfen nannte. Wenn die Leute mit sich ganz schnell im reinen waren, wenn sie glaubten, alles zu wissen, was sie brauchten, wenn sie glaubten, mit allem fertig zu sein dann kam ihnen Sokrates dazwischen. Und was entdeckten sie sehr rasch? Dass sie eben nicht wussten, was sie vermeintlich glaubten zu wissen. Dass sie gerade nicht sicher waren, wo sie wohl glaubten, sicher zu sein. Und dann ging ein Prozess los. Und diesen Prozess, den setzt die Philosophische Praxis in Gang. Es gibt ein Motto Philosophischer Praxis, das aus einem Zitat von Novalis stammt: Philosophieren ist Dephlegmatisieren, Vivifizieren. Das ist toll! Dephlegmatisieren ist sehr schön erfunden. Vivifizieren. Auch schön. Das Wort ist ein erfundenes Wort, von Novalis. Wir kennen es schon als das Vivimed. Das ist nicht nur gegen Kopfschmerzen, sondern soll auch sonst munter machen. Also man könnte sagen: beleben und auf die Sprünge helfen. Das ist Philosophische Praxis.

Sprecherin:Wer kennt sie nicht, die Träume von einem Neuanfang. Manche machen einen radikalen Schnitt, tauchen ab, verabschieden sich für fünf Minuten und kehren nie wieder heim. Diese Variante ist nicht gemeint, wenn Philosophen vom Potential zur Neugeburt reden.

Safransky:Das Potential von Neugeburt in jedem von uns, und zwar zur Wiedergeburt und zur Veränderung und zum neuen Anfang, dieses Potential ist schier unerschöpflich. Ich meine aber jetzt nicht nur, dass man ein ganz neues Leben anfängt, sondern diese Art, in einem plastischen, gestalterischen Sinne mit sich selbst umzugehen und aus Routinen auszusteigen, neue Anfänge, neue Dinge zu probieren, neue Blicke zu probieren, neue Perspektiven, neue Beziehungen. Dieses Erneuerungspotential will genutzt werden. Und da ist jede Hilfe, die man bekommt, natürlich sehr wichtig.

Sprecherin: Eugen Maria Schulak, praktischer Philosoph, Wien.

Schulak: Was mir persönlich wichtig ist, ist die Frage nach dem guten Leben. Was ist ein gutes Leben? Was kann man als ein gutes Leben bezeichnen und wie findet man sein subjektives Maß im Handeln oder im Meiden von Dingen. Damit habe ich mich auseinandergesetzt und glaube auch selbst, ein gutes Leben zu führen. Zu diesem Thema diskutiere ich auch sehr gerne. Das ist etwas, was mich an der Philosophie hält. Es ist das Praktische. Die Frage nach dem guten Leben ist ja im Grunde das Thema der Ethik. Ethik bedeutet, dieser Frage nachzugehen: Wie komme ich gut durchs Leben. Und zwar nicht im Sinn von christlich gut oder von moralisch gut, sondern im Sinne von brauchbar und schön. Wie komme ich gut durchs Leben. Wenn man das Leben wie eine Segelfahrt oder wie eine Schiffahrt betrachtet: Wie komme ich gut übers Meer, ohne dass mich die Piraten erwischen, ohne dass ich kentere? Was mache ich im Sturm? Wie komme ich überhaupt an ein Ziel? Das sind Themen, die ich spannend finde, denn es gibt viele Möglichkeiten, ein gutes Leben zu führen.

Sprecher: Marc Aurel, zweites Jahrhundert nach Christi: Die Dauer des menschlichen Lebens ist nur ein Augenblick. Seine Existenz ist in dauerndem Fluss. Die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen ist schwach, das Gebilde seines Körpers ganz der Fäulnis ausgesetzt. Seine Seele unbeständig und orientierungslos, sein Schicksal unberechenbar. Sein Reden unbestimmt und verworren. Kurz, alles Körperliche ein Fluss, alles Seelische Schall und Rauch. Das Leben Krieg und kurzer Aufenthalt eines Fremden. Der Nachruhm vergessen. Was kann uns da noch stützen und helfen? Einzig und allein die Philosophie. Marc Aurel, Philosoph und römischer Kaiser.

Sprecherin: Wer heute philosophiert, vor dem liegt das riesige Feld der Gedanken, die irgendwann schon einmal gedacht worden sind. An diesen Gedanken entlang den großen Texten der Philosophiegeschichte kann die Suche nach der passenden Wahrheit beginnen.

Schulak: Die Philosophie ist wie eine Schatzkiste, die man plündern kann. Ich bin so ein bisschen ein Plünderer, der versucht, das Brauchbare zu finden. Und es gibt zu jeder Fragestellung eine Vielzahl von Anworten. Ich versuche, nach bestem Wissen und Gewissen, so weit mir das möglich und zugänglich ist, die Anworten zu sammeln und zu präsentieren, sie vorzustellen an Hand von Texten, an Hand von Argumenten. So bildet sich schön langsam im Zuge der Gespräche ein Bild oder eine Szene einer philosophischen Antwort. Derjenige, der sich die Fragen stellt, hat dann die Möglichkeit, die unterschiedlichen Antworten mit mir gemeinsam zu gewichten. Manches ist brauchbar, manches ist plausibel, manches ist nicht plausibel und manches wird als falsch empfunden. Zusätzlich hat man dann vielleicht noch eine eigene Meinung und noch eine andere Meinung. Das alles wird miteinander betrachtet, gewichtet und gewertet. So entsteht ein Dialog.

Sprecherin: Philosophisches Denken bewegt sich nicht in vorgefertigten Bahnen, sondern sucht den jeweils richtigen Weg neu. Man besitzt die Weisheit nicht, aber ist immer auf dem Weg zu ihr. Man erweitert den Horizont, aber erreicht ihn nie. Gleichzeitig ist Philosophie auch immer ein Austausch im Gespräch. Die Wahrheit beginnt zu zweien, sagt Karl Jaspers, der Philosoph. Im Gespräch muss sich die eigene Philosophie bewähren, muss den Fragen und Einwänden standhalten oder sich den besseren Argumenten beugen. Der praktische Philosoph ist in der Rolle des Navigators. Ein Wegweiser im Dickicht des Denkbaren, der Perspektivenvielfalt aufzeigt und aus dem Tunnel führt.

Safransky: Die Arbeit mit philosophischen Texten hat gewiss auch die Funktion, beim Thema zu bleiben, aber zugleich einen distanzierten Blick einzuüben. Auch in diesem Sinne, dass dem, der die Beratung aufsucht, auch klar wird, das Problem hat eine ganz alte Geschichte. Und das ist auch ein Umgang mit der philosophischen Tradition, ein Umgang, der selber diesen praktischen Akzent hat. Horizonterweiterung, um aus Verknotungen, in denen man sich selbst befindet, herauszukommen. Es ist also eine Aneignung der philosophischen Tradition, um mehr Raum zu schaffen, Geräumigkeit zu bekommen. Bei vielen Problemen, die wir haben, ist schon sehr viel erreicht ist, wenn man auf einmal wieder Luft zum Atmen hat und Geräumigkeit bekommt. Geräumigkeit heißt, zwischen sich und seinen Probleme eine Distanz zu legen. Diese legen wir ganz gut, wenn wir uns in die alten Texte vertiefen und uns dort wiedererkennen. Es ist schon ein ganz schönes Stück Geräumigkeit, das man da bekommen kann.

Sprecher: Arthur Schopenhauer: "Die meisten werden, wenn sie am Ende zurückblicken, finden, dass sie ihr ganzes Leben hindurch eine Art Interim gelebt haben und verwundert sein, zu sehen, dass das, was sie so ungeachtet und ungenossen vorübergehen ließen, eben ihr Leben war. Eben das war, in dessen Erwartung sie lebten. Und so ist denn der Lebenslauf des Menschen in der Regel dieser, dass er von der Hoffnung genarrt, dem Tode in die Arme tanzt.

Sprecherin: Paradoxe Erfahrung der philosophischen Praktiker: Wer zu ihnen kommt, hat selten ein konkretes Interesse an Philosophie oder philosophischer Lektüre. Die meisten haben Schwierigkeiten mit sich selbst und anderen, suchen Verständnis für letzte Fragen. Anlass für einen Besuch können Enttäuschungen sein, Schicksalsschläge, Erfahrungen des Scheiterns. Martina Winkler-Kalaminos, Philosophin mit Praxis in Uferat bei Köln.

Winkler-Kalaminos: Eine Situation scheint erst einmal schwierig zu sein und aussichtslos. Man verändert den Blick, und sie wird plötzlich interessant, lebendig, aufregend. Das ist es im Grunde. Also dass man diese Knoten lösen kann und versucht, wieder etwas in Gang zu bringen durch einen neuen Blick, eine neue Perspektive, einen neuen Gedanken. Und dass dann etwas, das festgefahren ist, wieder in Bewegung kommt und dass dann auch wieder eine Lebensheiterkeit entsteht, eine Lust am Leben. Das ist einfach schön und bewegt mich immer sehr. Eine Frau etwa hat ihre Schwester verloren. Todesfälle sind häufig ein Thema in der philosophischen Beratung. Diese Frau wird mit dem Todesfall nicht fertig. Sie ist glücklich verheiratet und hat alle möglichen anderen Interessen, auch einen Beruf. Also mit so jemandem philosophiert man über den Tod, was der Tod in unserem Leben bedeutet, dass wir unser Leben nur um den Preis des Todes haben und dass wir das einfach wissen müssen. Es gibt diesen Essay von Montaigne: Philosophieren heißt, sterben lernen. Das ist unter anderen auch ein Motto für Philosophische Praxis, das ist ein Kerndilemma, eine Kernzumutung im menschlichen Leben. Und wenn ich mich damit nicht auf eine angemessene Art auseinandersetze, dann gerate ich irgendwann in eine Krise oder in eine Katastrophe. Ob es die eigene Krankheit ist oder Hinfälligkeit, oder die Krankheit von jemandem, der mir nahesteht, oder der Tod von jemandem, der mir nahesteht.

Sprecher:"Ist es ein schneller oder gewaltsamer Tod, so haben wir keine Zeit, ihn zu fürchten. Ist er anders, so merke ich, dass, so wie ich nach und nach mit der Krankheit ringe, ich natürlicherweise gleichgültiger gegen das Leben werde. Ich finde, dass ich mehr Mühe habe, den Entschluss zu sterben in Saft und Blut zu verdauen, wenn ich gesund bin als dann, wenn mich das Fieber schüttelt. Je weniger ich an den Gütern des Lebens klebe, weil ich den Gebrauch davon zu verlieren anfange und sie mir kein Vergnügen mehr gewähren, desto weniger schreckhaft wird mir der Anblick des Todes. Das lässt mich hoffen. Dass ich, je mehr ich mich von jenem entferne und diesem nähere, ich um so leichter mit dem Tauschhandel zurechtkommen werde." Michel de Montaigne, Philosophieren heißt sterben lernen.

Sprecherin: Philosophieren heißt, das Selbstverständliche in Frage stellen und das Fragliche nicht gleich beantworten. Wie auch immer ein Gespräch verläuft, es ist im Fluß und rückt das Wesentliche näher. Wird, wer Rat sucht, lernen, seine Welt mit anderen Augen zu sehen? Welche Talente braucht ein philosophischer Praktiker, der andere inspirieren will, neue Wege zu gehen? Rüdiger Safransky:

Safransky: Ich glaube, die wichtigste Fähigkeit, vom praktischen Philosophen aus gesehen, ist Empathie, Lebenserfahrung, die Fähigkeit und auch Lust, in eine Distanz zu treten, und die Dinge, in die man verwickelt ist, auch zugleich von außen sehen zu können, eine Art von existentieller Reflexionskraft. Also wenn diese drei Dinge zusammenkommen, Empathie, Lebenserfahrung und existentielle Reflexionskraft, dann hat man schon gute Voraussetzungen, so einen Job zu machen. Und dann darf man auch nicht vergessen, es muss auch eine Lust an der Sprache dazukommen. Was so zwischen Menschen hin- und hergeht, da gibt es auch viele nichtsprachliche Bereiche, aber über die Klippe der Versprachlichung muss man rüber. Und für wen sich da große Mauern erheben, über die man nicht hinüber kommt, wenn man nicht sagen kann, was man denkt und empfindet, so ist es schon sehr, sehr schwierig. Also das ganze Metier der Philosophischen Praxis ist auch eine sprachliche Veranstaltung, die gekonnt sein muss.

Sprecherin: Gibt es Regeln in der praktischen Philosophie, gibt es Grenzen, bestimmte Techniken, Tabus? Eugen Maria Schulak:

Schulak: Wichtig ist meiner Meinung nach im Rahmen der philosophischen Praxis keine Ratschläge zu geben, die Leute nicht zu gängeln, die Leute selber denken zu lassen und sie bei ihren Entscheidungen zu unterstützen. Das ist ein zentraler Punkt: nicht zu manipulieren. Ich sehe mich als einen Dienstleister. Ich gebe das weiter, was sich in der Philosophie angesammelt hat, und ich bin derjenige, mit dem man das besprechen kann. Aber ich bin nicht derjenige, der den anderen die eigene Meinung aufzwingt. Ich habe natürlich eine eigene Meinung, mit der halte ich auch nicht hinter dem Busch und sage sie auch. Aber ich sage sie so, dass sie nicht hervorsticht, dass es nicht so aussieht, als würde ich mir erwarten, dass meine Meinung übernommen werden soll. Das ist es nicht. Nein. Ich biete an. Ich biete Möglichkeiten an.

Sprecherin: Gert B. Achenbach hält nichts von rigiden Regeln in der philosophischen Praxis. Jeder Fall ist einzigartig. Jede Begegnung verlangt einen eigenen Stil.

Achenbach: Zeitliche Eingrenzungen sind ein großes Problem. Die Seele braucht immer wieder sehr viel Zeit, um warm zu werden. Menschen, die eine psychologische Beratung in Anspruch genommen haben, haben mir häufig erzählt, dass, wenn es zu einem ganz wichtigen Aufschluss aus ihrem Leben gekommen ist, sie es überhaupt nur konnten, weil sie plötzlich merkten, es ist ganz viel Zeit da. Das ist schon mal ein Trick. Wenn ich merke, dass jemand gerade dabei ist, wirklich etwas zu gebären, dann gehe ich ans Telefon, rufe zu Hause an und sage, dass ich heute nicht zum Abendbrotessen komme. Diesen Schreck müssen die Leute erst einmal verdauen, aber sie wissen: Jetzt kann ich reden. Das haben sie mir oft erzählt. In der Psychotherapie, wo sie vielleicht waren, im 50-Minutentakt, haben sie die erste halbe Stunde überlegt, ob sie es heute sagen können, dann haben sie noch 10 Minuten überlegt, wie der Psychotherapeut dann wohl darauf reagiert, und da waren schon 40 Minuten weg. Dann wussten sie, dass sie eine Stunde brauchen, um das klarzumachen. Also hat es gar keinen Zweck gehabt. Das unterlaufe ich dadurch. Aber grundsätzlich würde ich sagen: Regeln sind oft auch gewünschte Unterwerfungen. Ich bin der letzte als Philosoph, der nicht wüsste, dass Regeln auch ihr Gutes haben. Aber sie haben auch ihre Grenzen.

Sprecher: Wilhelm Schmid, Philosoph und Publizist, Berlin.

Wilhelm Schmid: Philosophischer Berater bin ich nicht, aber philosophischer Seelsorger. So nenne ich das selbst, wissend woher die Seelsorge ursprünglich kommt, nämlich aus der antiken Philosophie, von Sokrates. Im Griechischen war das "epimilleates psyches" die Sorge, die sich auf die Seele richtet. Das ist eine Begegnung zwischen zwei Menschen. Ich bin genauso Ratsuchender wie derjenige, der mir gegenüber sitzt, und ich weiß genauso viel Rat wie der, der mir gegenüber sitzt. Und so beraten wir uns allenfalls gegenseitig, so könnte man sagen. Ein Gespräch ist dann besonders gelungen, wenn beide Seiten nach dem Gespräch das Gefühl haben, klüger geworden zu sein. Und das geschieht nach meiner Erfahrung, ich mache das nun seit fast sieben Jahren regelmäßig.

Sprecherin: Wilhelm Schmidt, bekannt als Buchautor zum Thema Lebenskunst, arbeitet hin und wieder als Philosoph in einer Schweizer Klinik. Hier bietet er den Ärzten, Schwestern und vor allem Patienten philosophische Gespräche an.

Wilhelm Schmid: Das Eigentümliche ist, dass die Menschen gerade in diesem Zustand, in dem sie irgendwie mit Krankheit konfrontiert sind, ganz andere Fragen stellen, die sich nicht unmittelbar auf ihre Krankheit beziehen, sondern die Frage, was ist mein Leben eigentlich, was ist überhaupt Leben. Habe ich etwas falsch gemacht? Kann ich in Zukunft etwas anders machen? Worum geht es überhaupt in meinem Leben? Was ist für mich denn Glück? Was ist überhaupt Sinn des Lebens für mich? Das sind Fragen, die können Sie keinem Mediziner stellen. Er wird sagen, das ist interessant, gehen Sie einmal zum Pfarrer. Das könnten die Menschen auch tun, und der Pfarrer wäre ihnen mit großer Sicherheit ein sehr guter Gesprächspartner. Die meisten Menschen machen es aber trotzdem nicht, weil sie sagen: Ich bin nicht religiös. Sie glauben, der Pfarrer spricht nur mit jemandem, der religiös sei. Oder man könnte sagen, die Menschen sollen mit solchen Fragen zum Psychotherapeuten gehen. Ist möglich, hängt aber vom jeweiligen Therapeuten ab, ob er solche Fragen zulässt und ob er sich gerüstet fühlt, solche Fragen auch zu besprechen, oder ob er viel eher dazu neigt, dann zu sagen: Jetzt müssen wir mal Ihre Kindheit genauer anschauen, vielleicht war in Ihrer Kindheit irgendwas falsch. Für mich ist wichtig zu sagen: Wer Lebensfragen hat, ist grundsätzlich nicht therapiebedürftig, sondern wer Lebensfragen hat, braucht nur einen Gesprächspartner. In aller Regel kann dies ein Freund sein. Aber viele Menschen haben keine Freunde mehr.

Sprecherin: Philosophische Beratung beginnt wie beim Schachspiel. Wer kommt, macht den ersten Zug, sagt, was er auf dem Herzen hat, wo es brennt, welches Anliegen ihn hierher führt. Da ist erst mal die Kunst des Wartens gefragt. Sich einlassen, zwischen den Zeilen zu hören. Darum geht es.

Achenbach: In der Beratung bin ich zunächst einmal gefordert als der, der hört. Das Zuhören ist die Seele des Gesprächs. Man könnte sagen, das Bild für die Beratungssituation ist dies, dass ich jemandem mein Ohr leihe. Übrigens ein großartiges Bild. Wenn ich mein Ohr ihm leihe, hat er ein drittes. Und dieses dritte Ohr hat er zu seiner Nutznießung, er kann damit hören, sich selber, als sei es sein eigenes. Aber gleichzeitig ist es eben doch das eines anderen. Und diese feine Differenz, die macht eigentlich die produktive Kraft des Zuhörens aus. Ich habe immer gedacht, dafür müsste man ein eigenes Wort erfinden, für diese Situation des Zuhörens. Und es gibt ein Wort, das ich gerne verbreiten würde, das steht nicht im Duden. Diese Situation würde ich nennen: Eingelassenheit! Der philosophische Praktiker hat seinem Gast gegenüber die Haltung der Eingelassenheit zu üben. Da steckt Gelassenheit drin, da steckt sich einlassen drin. Diese Kombination von Gelassenheit und einlassen, diese Eingelassenheit, ist die Bereitschaft, für einen anderen da zu sein als der, der er ist. Nur dann, wenn mir das gelingt, mich auf jemanden einzulassen, hat der andere die Chance, sich seinerseits was ich für ihn erhoffe sich zu ändern.

Safransky: In der philosophischen Praxis gibt es eine Dimension, die nicht erlernbar ist, die aber doch sehr wichtig ist, nämlich das, was wir das Charisma bei einer Person nennen. So ist es auch in der Psychotherapie und in der Kultur der Ärzte. Es ist eine ganz wichtige, undefinierbare aber sehr kräftige Komponente: die Ausstrahlung, die Ermunterung oder die Beflügelung, die von der Ausstrahlung einer anderen Person ausgeht. Nur, das ist etwas, was wir nicht "machen" können. Das ist ein Stück gute Gelegenheit, wenn man solche Leute trifft. Früher fasste man dies in dem Ausdruck "Der Meister", nicht in einem handwerklichen Sinn, sondern eben in diesem charismatischen Sinn. Gute Charismatiker werden versuchen, ihr Verzauberungspotential, das sie haben, so zu handhaben, dass der andere nicht in seiner Autonomie beschädigt, sondern zu ihr ermuntert wird.

Achenbach: Jede Beratung ist, wenn es richtig läuft, der Beginn eines eigenen Mythos, wenn Sie so wollen. Jede Beratung ist unvergleichlich mit jeder anderen. Der, der da kommt, der Gast, der Besucher, ist völlig einmalig und, so gut es eben geht, als einmalig und besonders zu erkennen. Das ist die eigentlich große Herausforderung, dass das, was bei dem einen Besucher noch richtig war, beim nächsten Besucher nun nicht mehr richtig ist. Das ist das eigentlich Aufregende. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Da kam eine Frau zu mir, vor etlichen Jahren, es war eine ganz kurze Beratung, die hatte folgendes Problem. Sie war genau das, was man eine nicht emanzipierte Frau nennt. Und bei der war Folgendes passiert. Sie hatte ihre Mutter und ihren Vater zu Tode gepflegt und hat beachtlich geerbt. Der Rest der Familie, also das Töchterchen, der Sohn und der Mann, hat sich gleich überlegt, was mit diesem Erbe zu tun sei. Diese Frau kam also zu mir zur Beratung. Innerhalb einer Stunde oder anderthalb habe ich mit väterlicher Autorität das muss ich jetzt sagen in väterlicher Autorität sie dahin gebracht, folgende Frage zu beantworten: Wer hat hier geerbt? Es hat lange gedauert, bevor sie sich traute: Ja, eigentlich ist es ja eigentlich ... Ja, sage ich: Ja eigentlich ... sage ich. Darf ich wiederholen? Wer hat hier geerbt!! Bis sie dann sagte: Ich! Und dabei erlebte sie einen Schub von Befreiung.

Sprecher:"Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der andere einen, dem er helfen kann. So entsteht ein gutes Gespräch." Friedrich Nietzsche.

Sprecherin: Was ändern hilft, was in Bewegung setzt, aus der Sackgasse führt, wird immer ein Geheimnis bleiben. Es ist die Kompetenz des Philosophen. Es ist die gegenseitige Annahme und die Geduld. Aber es ist auch die menschliche Chemie, die stimmen muss, damit etwas Gemeinsames entstehen kann. Nicht jeder passt zu jedem. Letzten Endes bleibt rätselhaft, woran es liegt, ob eine Beratung gelingt. Aber es ist immer wieder schön, diesen Prozess zu erleben, meint Eugen Maria Schulak.

Schulak: Was die Theorie der Beziehung zwischen einem philosophischen Praktiker und einem Klienten betrifft, aber auch zwischen einem Arzt und einem Patienten, so haben mich diesbezüglich die Gedanken von Martin Buber sehr beeindruckt: Das Beobachten, das Betrachten und das Innewerden. Ich beobachte einen Menschen. Das ist noch recht oberflächlich. Wenn ich einen Menschen betrachte, zeichne ich quasi schon ein Porträt, und das Innewerden, das ist natürlich das Ziel. Sie kennen folgende Situation mit Sicherheit: Bei länger andauernden und intensiven Gesprächen kommt es dann und wann zu Punkten, die ein kurzes oder längeres Schweigen zur Folge haben. Ich meine dieses gewisse Schweigen, das nach einer Einsicht stattfindet. Dabei hat man das Gefühl, den anderen verstanden zu haben, etwas begriffen zu haben. Diese Momente sind im Gespräch, auch in der Philosophischen Praxis, die wertvollen. Das Wertvolle ist, dass das Gespräch ab und zu zu einem Punkt kommt, wo es verstummt und beide Seiten das Gefühl haben, etwas verstanden zu haben. Es ist ja nicht so, dass ich immer nur derjenige bin, der gibt. Ich nehme ja ebenso. Und so ist das alles im Grunde eine Beziehung oder der Aufbau einer Beziehung, ein Geben und Nehmen. Den anderen als ein anderes Ich wahrzunehmen, als ein Du wahrzunehmen, das wäre schon ein Ziel.

Sprecherin: In der Philosophischen Praxis geht es nicht um Pädagogik, geschicktes Lenken, gar Manipulation. Es gibt keine Patentrezepte, die auf ähnliche Situationen immer wieder passen. Das einzige, was immer gleichbleibt, ist eine suchende Haltung.

Winkler-Kalaminos: Was ist meine Haltung? Meine Haltung ist einmal Aufmerksamkeit, und dass ich sehr zugewandt bin dem anderen, dass ich zu verstehen suche, was seine Beweggründe sind, das ist sozusagen dieses "Nicht abraten", also überhaupt erst einmal zu verstehen versuchen, warum denkt der andere so. Ja, und dann vielleicht Hinweise, kleine skeptische Marken setzen, darüber vielleicht nochmals nachdenken, das könnte man vielleicht auch mal anders sehen, ganz, ganz vorsichtig. Und dann sieht man sich noch einmal um und guckt, wie die Wirkung aussehen wird, und wie man das vielleicht noch ein bisschen befördern kann. Man soll ja eine Haltung auf keinen Fall vorschreiben, nicht pädagogisch, um Gottes Willen, das wäre völlig falsch, das wäre etwas völlig Unphilosophisches.Safransky: Ich möchte gern für eine theoretische Haltung plädieren, die in der Praxis nötig ist. Und diese theoretische Haltung ist die einer menschenfreundlichen Skepsis. Und diese Skepsis, die würde ich erst einmal so ausdrücken und sie kennzeichnet auch die meisten Beratungen, die ich mache: Ich mache es den Menschen schwer. Dafür bezahlen sie. Übrigens, das ist ja das, was den meisten Menschen genau fehlt. Sehen Sie, wenn irgendeiner etwas vorhat, sich entschlossen hat, findet er ganz schnell ganz viele Leute, die ihn darin bestärken. Und warum wird man bestärkt? Weil die anderen dem, den sie da bestärkt haben, so am schnellsten wieder los sind. Wenn wir aber jemanden finden, der sich sehr schwer tut mit der Zustimmung, weil er noch viele, viele Überlegungen hat, dann setzt das Problem gewissermaßen Fleisch an und kriegt Hintergründe. Dann wird das Problem mehrfarbig, gestaffelt. Dann hört man Obertöne und einen Unterton noch dazu. Diese Vielfältigkeit des Informiertwerdens über das Problem: Das ist es, was Sie sich in der Philosophischen Praxis einhandeln. Insofern mache ich es den Menschen schwer. Und übrigens, indem man einem anderen seine Fragen schwer macht, nimmt man ihn ernst, und indem man ihn ernst nimmt, bekommt sein Leben ein Gewicht. Philosophische Praxis ist keine Erleichterung, sondern eine Erschwerung, der Vertiefungsabsicht wegen. Man könnte geradezu in einem Bild sagen: Wer philosophisch belastet wird, der hängt wie ein Schiff tiefer im Wasser und der Kiel geht ruhiger. Dort, wo er erleichtert wird, da wackelt das Böötchen oben auf jeder Welle.

Sprecherin: Wer den philosophischen Praktiker aufsucht, kommt nicht als ein Patient, der Weisungen befolgen muss, um zu gesunden, auch nicht als Sünder, der auf den Pfad der Tugend geführt werden will. Er ist Gast. Er sitzt dem Philosophen auf gleich zu gleich gegenüber.

Schulak: Die Philosophische Praxis steht natürlich in gewisser Verwandtschaft zur Seelsorge, sie ist aber nicht Seelsorge in einem religiösen Sinn, mit Hilfe von Dogmen und mit Hilfe von Anleitungen oder Vorgaben. Sie ist auch keine Beichte, sondern sie ist ein Sich-Kümmern um die Seele. So wie Epikur sagt, dass das Philosophieren dazu da ist, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern. Definitiv.

Safransky: Die praktische Philosophie verspricht ob sie das immer einlöst, ist eine andere Frage an Bedürfnisse anzuknüpfen, die früher die Religion befriedigt hat, d.h. die so genannten "letzten Fragen" zu besprechen, das zu betreiben, was im kirchlichen Raum "Seelsorge" heißt. Denn wir dürfen eines nicht vergessen: Es gibt doch ein starkes Bedürfnis des problembezogenen, existentiellen Austausches, der aber eben nicht gleich in die psychotherapeutische Ecke hineingeraten will. In der psychotherapeutischen Situation haben wir immer das leidige Gefälle zwischen dem schon fast zum Kranken erklärten oder auch wirklich Kranken und dem Therapeuten. Heute sagt man zwar "Klient", aber es bleibt ein ganz eigenartiges Gefälle, wo der eine der Heiler und der andere der Heilungsbedürftige ist. Die Philosophische Praxis hat da einen ganz anderen Ansatz. Da ist es nicht der Heiler oder der Therapeut, der dann dem Klienten gegenübertritt, sondern da ist wenn es gut gemacht wird der Philosoph, der einfach nur kooperiert und hilft, aus einem Problemknoten herauszufinden. Dabei ist es notwendig, auch eine Außenperspektive, eine vernünftige Perspektive, eine vernünftige Kooperation, eine sensible, vernünftige lebenskluge Kooperation zu finden. Insofern ist die philosophische Praxis eine Fortsetzung der Psychotherapie, aber mit vernünftigen Mitteln.

Sprecherin: Viele Menschen heute sind überfordert und orientierungslos. Die Auflösung der Familie, das Schwinden des Interesses an Kirche und Religion, hat Ordnungen zerstört, ohne neue Ordnungen an ihre Stelle zu setzen. Ratlosigkeit macht sich breit. Veränderung und Neuanfang, neue Orientierungen sind nötig. Wie können Philosophen dabei helfen? Sie haben keine schnellen Rezepte zu bieten, und was sie geben können, schmeckt anfangs bitter und entfaltet seine wohltuende Wirkung erst mit der Zeit.

Sprecher: Schopenhauer: "Eine uns von Irrtümern zurückbringende Wahrheit ist einer Arznei zu vergleichen. Sowohl durch ihren bitteren und widerlichen Geschmack als auch dadurch, dass sie nicht im Augenblick des Einnehmens, sondern erst nach einiger Zeit ihre Wirkung äußert."

Achenbach: Vor vielen Jahren kam ein damals 16jähriger Junge, durch seine Mutter vermittelt, zu mir, der, so nennt man das im medizinischen Befund, diagnostiziert wird als ein Fall von elektivem Mutismus. Elektiver Mutismus kommt von mutare. Vom Schweigen. Der schweigt einfach. Er sagte nichts. Elektiv heißt: seine Stimme ist in Ordnung, er könnte reden, macht aber von diesem Vermögen keinen Gebrauch. Mit einem Wort, er schweigt. Er galt in der Schule als glänzend, sogar als ein überragend guter Schüler mit absoluten Spitzennoten und sehr intelligent. Auf dem Gymnasium hat er seine Lehrer und Lehrerinnen mit voller Nennung des Titels gegrüßt. Guten Morgen, Herr Oberstudienrat Meier. Sonst aber kein Wort. Seinen Vater gar nicht, seinen Bruder nicht, zur Mutter morgens: Guten Morgen, Mutter. Nachts: Schlaf gut, Mutter. Sonst nichts. Jahrelang gar nichts. Das ist eine hochspannende Beratung geworden. Was habe ich gemacht? Ich habe ihm gesagt: Schön, dass du kommst, ich habe ihn geduzt. Ich habe ihm gesagt, ich hätte einen Beruf, in dem ich viel zuhören müsste, ich rede aber selbst ganz gern. Auf dieser Basis könnten wir uns verständigen, er hört zu und schweigt, das könne er ja, und ich rede. Und zwar hätte ich die Vorstellung, über eines zu reden: über das Schweigen. Und das habe ich zwei Jahre lang gemacht und bin ein Spezialist des Schweigens geworden inzwischen. Damals habe ich zwei Jahr lang Schweigen amplifiziert. Amplifiziert ist ein Wort, das C. G. Jung schätzte, das Thomas Mann schätzte. Es heißt, genau nachdenken, bis ins Einzelne, bis in die Tiefe ausloten und erlebbar machen. Nach drei bis vier Wochen fing der Junge damit an, seine etwas ironisch-erhabene Distanziertheit aufzugeben. Er kam immer früher, er kam zu früh. Es faszinierte ihn und irgendwann, nach etwa eineinhalb Jahren, fing er an zu reden. Da habe ich auch sofort beim ersten Mal gewusst, warum er gut daran tat, zu schweigen. Als er nämlich anfing zu reden, was er draußen noch nicht gemacht hat, sondern zunächst einmal bei mir, habe ich sofort begriffen: Wenn der geredet hätte, der Junge, hätte er sich sehr viele Schwierigkeiten eingehandelt. Er hat nämlich in einer Weise gedacht, die keiner nachvollziehen konnte. Später ist er Priester geworden, hat Musik studiert, Meisterklasse, ist ins Kloster gegangen, er predigt, auch heute noch. Er ist auch heute noch kein verschwätzter Typ. Das ist sehr schlau, was er gemacht hat. Er hat eine Sonderposition. Als Priester hat man ja eine gewisse Erlaubnis, etwas anders zu sein als Krethi und Plethi. Das war eine geniale Wahl, die er getroffen hat. Priester ist geradezu eine Chance, um noch ein freier Mensch zu sein. Man muss nicht denken wie die anderen.

Sprecherin: Wenn es gut geht, hilft die Beratung der Philosophen Krisen zu überwinden. Aber was passiert mit den Philosophen? Wie verändern sie sich in ihrer neue Rolle? Welchen Prozess setzt der Umgang mit Leiden in Bewegung? Wilhelm Schmid:

Wilhelm Schmid: Meine Heiterkeit verdanke ich, zu meiner eigenen völligen Verblüffung, meinen Erfahrungen im Krankenhaus. Woher rührt diese Heiterkeit? Ich meine mit Heiterkeit, nicht Fröhlichkeit! Das ist nicht ein ständiges Lachen und Vergnügtsein. Heiterkeit ist ein alter philosophischer Begriff und will eine gewisse Erhabenheit zum Ausdruck bringen, nicht erhaben über die menschlichen Dinge, sondern erhaben in dem Sinn, sehen zu können, dass zum Leben nun mal positive und negative Dinge gehören, dass zum Leben sowohl Gesundheit wie auch Krankheit gehört, sowohl Lust wie auch Schmerz. Und das erfährt man im Krankenhaus in ganz anderem Maße als außerhalb des Krankenhauses. Außerhalb des Krankenhauses, in der modernen Lebenswirklichkeit, glauben wir, es ginge immer nur um Gesundheit und immer nur um Lust. Ahnen tun wir schon, dass das eine Lüge ist. Daher haben wir auch Angst, abzustürzen. Das ist das hohe Niveau, auf dem wir uns bewegen: gesund, schön und lustvoll. Aber wir wissen genau, da lauert ein Abgrund. Im Krankenhaus lebt man in diesem Abgrund. Und was ist das Resultat? Das Bewusstsein, dass das Leben unerschöpflich reich ist. Es schöpft die gesamte Polarität aus, die es nur bieten kann, und dazu gehört eben auch Krankheit und Schmerz. Und dann ist man mit so vielen Menschen konfrontiert, die ganz unterschiedliche Geschichten haben, ganz unterschiedlich reagieren auf ihr Schicksal, und diesen menschlichen Reichtum vor sich zu sehen verschafft ein Gefühl, dem Leben zu vertrauen ohne Ende. Das hatte ich zuvor nicht. Das habe ich dort gelernt.

Sprecherin: Gert B. Achenbach, dienstältester praktischer Philosoph: Werden ihm die ratlosen Menschen manchmal lästig? Langweilt die Arbeit auf Dauer, wenn sie sich immer wieder wiederholt?

Achenbach: Nein, im Gegenteil! Sie wird immer reizvoller. Übrigens, das halte ich für ein verlässliches Indiz dafür, dass das der richtige Beruf ist. So wie ich es für ein Indiz halte, dass jemand richtig lebt, wenn er sein Leben immer aufregender, spannender, immer herausfordernder und inhaltsreicher findet und nicht sagt "O Gott, wie oft bin ich morgens schon aufgestanden, und heute das gleiche Elend wieder!" Wenn die Motiviertheit, morgens den Tag zu beginnen, zunimmt, dann würde ich sagen, dann ist jemand schon halbwegs über den ersten Dilletantismus der Lebensverbringung hinaus. Er fängt schon an, ein Lebenskönner zu werden.