back

"Suche nach Argumenten,
schlachte Philosophie aus"

Eugen-Maria Schulak,
Philosophische Praxis.
Der Mann mit einer
philosophischen Beratungsordination

MILAN ILIC
Delo (Sobotna Priloga, 25. Mai 2002)
Übersetzt aus dem Slowenischen von Matija Belicic

 

Der amerikanische Denker Henry David Thoreau meinte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, es sei die Aufgabe der Philosophie, nicht bloß intelligente Gedanken zu liefern oder Theorien zu entwickeln, sondern vor allem zu versuchen, jene Probleme, die das Leben stellt, zu lösen - nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Dennoch setzte sich das Konzept der "Philosophischen Praxis" erst in jüngster Zeit durch. Die größten Verdienste erwarb sich in dieser Hinsicht der New Yorker Philosophieprofessor Lou Marinoff. Sein Buch "Plato not Prozac", in den 90er Jahren erschienen, wurde ein internationaler Bestseller.

Dialog mit einem Philosophen warum nicht? Was in der Antike geläufiger Brauch war, Gespräche der Philosophen mit "gewöhnlichen" Leuten, wurde in Europa vor zwanzig Jahren wieder zum Leben erweckt. 1981 eröffnete der deutsche Philosoph Gerd Achenbach in Bergisch-Gladbach bei Köln seine "Philosophische Beratungsstelle", um "Menschen zu helfen, sich in der Welt zurechtzufinden". Heutzutage gibt es bereits mehr als 100 Philosophische Praxen in den entwickelten Ländern, sagt Eugen-Maria Schulak (Jahrgang 1963), Buchautor, Seminarleiter und Philosophielehrer. Dr. Schulak ist derzeit der einzige in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien, der eine "Philosophische Praxis" betreibt.

 

Delo: Bevor Sie das Studium der Philosophie abschlossen, spielten Sie Gitarre und waren zugleich Mitinhaber einer Agentur zur Herstellung von Radiowerbespots. Begriffe aus der Geschäftswelt sind Ihnen also geläufig. Wann haben Sie erkannt, dass es eine vielversprechende Marktnachfrage nach Leistungen, die Sie heute anbieten, gibt?

Schulak: Studium und Doktorarbeit habe ich sehr gründlich betrieben. Freunde und Bekannte haben mir dann ständig irgendwelche Fragen gestellt: "Du hast ja Philosophie studiert, kannst Du mir auf diese oder jene Frage nicht eine brauchbare Antwort geben?"

Delo: Und was haben Sie gesagt?

Schulak: Die gestellten Fragen habe ich immer ernst genommen. Es war überraschend für mich, dass Menschen, die kein Philosophiestudium absolviert haben, Antworten bei jemandem, der Philosophie studiert hat, suchten. Auf die Antworten habe ich mich stets vorbereitet, und als ich die Leute das nächste Mal traf, habe ich versucht zu erklären, welche Standpunkte es in der Philosophie zu der jeweiligen konkreten Frage gibt.

Delo: Freunde und Bekannte suchten Rat, das Ziel einer Philosophischen Praxis ist es jedoch, Unbekannte gegen Bezahlung der gebotenen Leistung zu beraten?

Schulak: Zu diesem Zweck bereitete ich mich noch zusätzlich vor. Durch Vermittlung seitens Freunde und Bekannter setzte ich mich mit etwa 35 mir völlig unbekannten Personen, die meinten, Lust auf einen philosophischen Dialog zu Fragen ihrer Wahl zu haben, für jeweils zehn Stunden in Verbindung. Das war eine Art Selbstprüfung, sozusagen die Testphase für meine jetzige Praxis.

Delo: Offensichtlich ist sie gelungen.

Schulak: Zu beidseitiger Zufriedenheit, weitgehend. Das Spektrum der Themen war durchaus breit: Willensfreiheit, Nihilismus, Gerechtigkeit, Kunst, Mode, Politik etc. Einige dieser Themen habe ich eingehend studiert, andere wieder gar nicht. Um richtig arbeiten zu können, musste ich noch die entsprechende Literatur zusammensuchen - Lexika, Referenzbücher, Sammelwerke mit Registern, verlässliche Adressen im Internet.

Delo: Und dann mussten Sie nach zahlungsbereiten Kunden Ausschau halten.

Schulak: Ich habe die Kontakte zur Werbebranche aufrechterhalten. Eine Agentur hat mir Logotyp und Prospekt hergestellt. Diesen verteilte ich u.a. bei öffentlichen Vorträgen, wie ich sie regelmäßig halte. Weitere Kunden kamen und kommen über meine Homepage und Radio- und Fernsehbeiträge zu mir. Oft wurde ich von Journalisten kontaktiert. Kurz, ich habe mich redlich bemüht, Kontakt mit der Öffentlichkeit aufzunehmen, was nun Früchte trägt.

Delo: Ich nehme an, dass Sie manchmal den Unterschied zwischen philosophischer und psychotherapeutischer Praxis erklären müssen.

Schulak: Das, was ich betreibe, ist mit Sicherheit keine Psychotherapie. Bei mir wird nicht über spezifische, individuelle Schwierigkeiten gesprochen. Was ich anbiete, ist der dialektische Prozess, der Dialog über wichtige Themen des Lebens. Wenn ich so sagen darf, schlachte ich dabei die Philosophie, soweit ich sie kenne, aus. Ich mache eine Schatztruhe auf und suche darin nach Argumenten zu jeweiligen Themen.

Delo: Ein Touristenführer durch die philosophische Fundgrube sozusagen.

Schulak: Eher ein Vermittler bei der Befriedigung philosophischer Bedürfnisse von Menschen.

Delo: Um welche Menschen handelt es sich dabei?

Schulak: Mein Kundenstock repräsentiert ein geringeres Segment, vielleicht fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung. Das sind Menschen, die an Kultur und Kunst interessiert sind. Seinerzeit hat man sie als "gebildetes Bürgertum" bezeichnet. In der Regel sind sie beruflich sehr engagiert und geschäftlich erfolgreich. Die meisten haben Familie und wenig Zeit für das, was sie im philosophischen Bereich persönlich anspricht. Sie haben weder Zeit Vorlesungen an der Universität zu besuchen noch wissen sie genau, welche davon sie besuchen sollten. Sie sind auch nicht sicher, welche philosophischen Bücher sie lesen sollen.

Delo: Im Zeitalter des allgegenwärtigen Informationsflusses dürfte dies eigentlich nicht allzu schwer sein, besonders für Gebildete.

Schulak: Das stimmt nicht ganz. Versuchen Sie ein solides Einführungsbuch zum Thema, das Sie interessiert, zu finden. Sie werden es finden, wenn Sie fest entschlossen sind, aber Sie werden viel Zeit dafür brauchen. Wie gesagt, meine Kunden haben meist nicht allzu viel Zeit.

Delo: Wer sind Ihre Kunden?

Schulak: Erfolgreiche Freiberufler, darunter viele Ärzte, Psychologen, aber auch Manager und Geschäftsleute. Im Laufe der Karriere werden die Erfolgreichen eigentlich immer spezieller ausgebildet, es gibt immer weniger Möglichkeiten zur Befriedigung verschiedener Interessen. Das war noch nie so stark der Fall wie heute. Ich habe das 19. Jahrhundert studiert, das insofern interessant ist, als in diesem Jahrhundert große kulturelle und geistige Leistungen hervorgebracht wurden, die noch heute relevant sind. Das damalige vermögende Wiener Bürgertum besuchte zwei- bis dreimal wöchentlich das Theater, man musizierte daheim, es wurden Lese- oder Dichterabende organisiert. All das gibt es heute nicht mehr. Heutzutage sind Sie als Wissenschafter verloren, wenn Sie nur einige Monate die wissenschaftliche Literatur nicht verfolgen und nicht kontinuierlich die relevanten Fachkongresse besuchen. Dennoch möchten gerade diese Menschen heute wieder an der Philosophie teilhaben. Deswegen ist es meine Aufgabe, den Prozess der Suche nach philosophischen Antworten abzukürzen. Dabei geht es aber keineswegs um Vereinfachung oder Unterschätzung! Ich recherchiere und werde so zum Sparringpartner meiner Klienten. Mit mir diskutiert man nicht über alles Mögliche. Der Dialog dreht sich um ein ganz bestimmtes Thema.

Delo: Wie beginnt so eine Beziehung zum Kunden in der Philosophischen Praxis?

Schulak: Die Leute melden sich, telefonisch oder per E-mail, und man legt den Termin für ein erstes Treffen fest. Ich will gleich wissen, warum sie sich an mich wenden. Einige wollen es nicht sagen, sie wollen erst beim ersten Treffen darüber reden. Auch das akzeptiere ich. Hauptsächlich versuche ich sofort oder beim ersten Treffen genau herauszufinden, was sie interessiert.

Delo: Was interessiert sie also?

Schulak: Verschiedenes. Ich arbeitete zum Beispiel mit einer Künstlerin, einer ehemaligen Tänzerin. Jetzt ist sie Dramaturgin. Sie wollte etwas über Generationenkonflikte wissen, da sie gerade ein Werk schrieb, wofür sie dieses Wissen verwenden wollte. Ich habe in der philosophischen Literatur nachgesehen, was es zu diesem Thema gibt, schrieb ein Resümee und sprach über all das mit ihr in einigen Stunden.

Delo: Sie haben erwähnt, dass viele Ihrer Klienten Ärzte sind.

Schulak: Das ist eine besondere Gruppe. Es handelt sich um Menschen, welche die meiste Zeit ihres Lebens beruflich engagiert sind. Ärzte haben selten Zeit. Viele von ihnen möchten mit jemandem über philosophische Themen reden, die sie schon immer interessiert haben.

Delo: Welche Themen sind das?

Schulak: Es interessiert sie zum Beispiel, wie in der Philosophie das Thema der Willensfreiheit und der Notwendigkeit behandelt wird. Das hat nicht immer unmittelbar mit der Berufsarbeit zu tun, manchmal äußert sich darin einfach ein persönlicher Wunsch nach Wissen. So ist unter meinen Klienten ein Arzt, der eigentlich zuerst Philosophie studieren wollte. Sein Vater hat ihn davon abgehalten und zum Studium der Medizin überredet. Jetzt braucht er jemanden, der sich nach Argumenten zu für ihn relevanten Themen umschaut, jemanden, mit dem er über diese Themen reden kann. Er ist philosophisch isoliert. Seine Freunde und Bekannten sind an solchen Diskussionen nicht wirklich interessiert, er hat keinen Dialogpartner, es hapert mit der Literatur.

Delo: Schließlich ist gerade philosophische Lektüre nicht leicht.

Schulak: Viele gestehen mir ein, dass sie frustriert sind. Es ist schwierig, ein philosophisches Buch zu lesen, wenn man darin keine Übung hat. Nehmen wir an, jemand, der an Erkenntnistheorie interessiert ist, kauft in der Buchhandlung Kants "Kritik der reinen Vernunft". Das kommt wirklich vor, Wissenschafter sind oft an Erkenntnistheorie interessiert, an Autoren wie Plato, Descartes, Kant, Popper. Der Käufer Kants geht nach Hause, versucht zu lesen und irgendwo um die neunzigste Seite merkt er dann, dass es ihm nicht gelingen will.

Delo: Liegt nicht gerade darin der Sinn einer philosophischen Lektüre, nämlich etwas zu lesen, was nicht auf den ersten Blick einleuchtet?

Schulak: Stimmt, aber ich wiederhole: Diese Menschen haben weder Zeit noch Kraft für solches Vertiefen. Hier handelt es sich nicht um mangelnde Intelligenz oder Wortverständnis. Ganz konkret: Die "Kritik der reinen Vernunft" fordert von jedem große Energie. Auch ich musste mich plagen. Ich musste sie monatelang lesen, ich hatte aber Zeit genug.

Delo: Wie helfen Sie Kants Lesern?

Schulak: Ich bin für Originaltexte. Bei Kant etwa ist es besser, zuerst einmal seine Zeitungsartikel zu lesen. Kant war sich dessen bewusst, dass seine "Kritik der reinen Vernunft" eine recht anspruchsvolle Lektüre darstellt - drei Jahre nach ihrem Erscheinen gab es noch immer keine einzige Rezension, die ein gewisses Verständnis bewies, keiner wusste genau, was man mit diesem Buch anfangen sollte. Aus diesem Grund schrieb Kant eine verkürzte, verständliche Version der "Kritik der reinen Vernunft". Dadurch wurde auch der Originaltext einem breiteren Leserkreis verständlich. Das Problem ist, dass von der verkürzten Version kein Separatdruck existiert; man findet sie nur in Kants gesammelten Werken. So ist sie eigentlich nur denen bekannt, die Philosophie studiert haben. Daraus ist ersichtlich, dass meine Klienten Insider-Informationen brauchen. Und diese können sie sich nicht von Universitätsprofessoren holen, außer im Zuge von Fragen im Rahmen von deren Vorlesungen zu einer Zeit, in der die meisten Menschen in der Arbeit sind.

Delo: Zu Ihnen kommen auch Geschäftsleute, wie ist da Ihre Einstellung? Können Sie diesen Leuten etwas bieten, was ihnen im Rahmen der zahlreichen Fachseminare nicht geboten wird?

Schulak: Sehr interessant ist der Fall eines Wissenschafters, der Geschäftsführer eines vielversprechenden Unternehmens wurde. Das Unternehmen hat nicht viele Angestellte, ist aber marktführend in einem kleineren Marktsegment, das vermutlich eine große Zukunft hat. Schon jetzt floriert der Umsatz. Der Mann sagte mir: "Ich bin Biologe und nun leite ich auch ein Unternehmen, worauf ich mich nie vorbereitet habe. Es interessiert mich das Problem des gerechten Verteilens, es interessiert mich das Problem des gerechten Lohns." Ich war von diesem Menschen fasziniert. Er hatte ein wirklich empfindsames Ohr für Probleme. Das Thema interessierte ihn wirklich und er wollte gute Lösungen finden?

Delo: Hat er Ihnen gesagt, wie er sich entschieden hat?

Schulak: Nein, der Prozess des Entscheidens dauert noch an. Und es liegt mir auch gar nichts daran, ein strategischer Ratgeber zu sein. Ein solcher bin ich sicher nicht, aus Prinzip. Mein Ziel ist der Dialog, das Finden von Argumenten und das sinnvolle Herangehen und Besprechen eines bestimmten Themas.

Delo: Gelingt es Ihnen, die vorgefassten Meinungen Ihrer Klienten aufzuweichen?

Schulak: Diejenigen, die zu mir kommen, haben in der Regel ganz bestimmte und auch gefestigte Ansichten. Meine Klienten wollen von mir keineswegs eine grundlegende Orientierungshilfe. Wäre dies so, wären sie keine erfolgreichen Persönlichkeiten. Fast alle haben ihre festen Überzeugungen. Sie kommen mit einer bestimmten Sichtweise zu mir, wissen aber, dass es nicht die einzige ist. Nun, das, was ich tue, ist erstens: Aufdecken von Argumenten zugunsten ihrer Einstellung, also von Argumenten, die ihre Einstellung, ihre Sichtweise, ihren Standpunkt bekräftigen. Der zweite Schritt ist dem ersten ganz entgegengesetzt: Ich suche nach Standpunkten, die denen meiner Kunden widersprechen. Nun kann das Spiel beginnen. Ich bin in der Rolle des Advocatus Diaboli, ich fordere mit Gegenargumenten heraus, der Gesprächspartner antwortet mit seinen eigenen.

Delo: Mit welchem Endresultat?

Schulak: Es passiert mancherlei: Mein Gesprächspartner hat seine Argumente kräftig zu verteidigen, zu untermauern. Sie oder er findet sich, vielleicht zum ersten Mal im Leben, jemandem gegenüber, der gezielt widerspricht, scharf und vorbereitet. So kann der Kunde mittels Gespräch erkennen, welches Gewicht seine Argumente tatsächlich haben. Die Beziehung zum Klienten ist partnerschaftlich, kollegial, es geht nicht um ein rhetorisches Duell. Es ergeben sich ideale Verhältnisse, wenn meine Klienten es zum Schluss schaffen, über ein bestimmtes Thema mit Weitblick zu debattieren. Konkret: Der Biologe, der Geschäftsführer wurde, weiß, dass er seinen Standpunkt, den er zum Thema Lohnverteilung hat, argumentieren muss. Und da muss er überzeugend wirken. Deswegen ist er auch zu mir gekommen, um sich die Fähigkeit anzueignen, seine Standpunkte mit Argumenten untermauern zu können.

Delo: Haben Sie Klienten, die öfters kommen?

Schulak: Wenn jemand eine Rede schreibt, braucht er gewöhnlich Begründungen und Zitate. Er kommt ein oder zwei Stunden, bekommt schriftliche Unterlagen, Literaturhinweise, Erläuterungen und die Arbeit ist getan. Andererseits gibt es Personen, die öfters kommen, die ein Thema vertiefen wollen und die es sich auch leisten können.

Delo: Werden Ihre Leistungen vor allem von Menschen aus der obersten ökonomisch-politischen Schicht in Anspruch genommen?

Schulak: Ich hatte unter meinen Klienten einen Unternehmer, der sicher zu den erfolgreichsten im ganzen Land zählt.

Delo: Worüber haben Sie mit ihm gesprochen?

Schulak: Über Macht. Wir analysierten Machiavelli, Plato ... . Es ging um die Vereinsamung, die von einer Machtstellung herrührt, um Verantwortung, um Ethik im Geschäftlichen. Mein Klient, jünger als ich, ist wirklich in kürzester Zeit außerordentlich erfolgreich geworden. Das hat ihn schlicht und einfach überrascht.

Delo: Was kostet der philosophische Dialog mit Ihnen?

Schulak: Hundert Euro pro Gesprächsstunde, meine eigene Vorbereitung inklusive.