Der Dämon in uns

Alle reden von Ethik - Versuch einer Begriffsklärung

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 8. Mai 1998
Veröffentlicht in der Zeitschrift "Der Freidenker" (1/1998)

 

Was Ethik eigentlich bedeutet, scheint heute klar und selbstverständlich zu sein. So fordern wir mehr ethisches Verhalten in der Wirtschaft und meinen selbstredend mehr soziale Gerechtigkeit. Wir sprechen von Ethik im Umgang mit Tieren und meinen weniger Grausamkeit. Wir bemühen die Ethik sogar in Hinblick auf den Abfall und denken an Gewissenhaftigkeit im Umgang mit Ressourcen. Im Straßenverkehr meinen wir mit Ethik wohl allgemeine Rücksichtnahme, im Berufsleben Ernsthaftigkeit, in der Geschlechterfrage Gleichbehandlung, in der Straßenbahn den Besitz eines Fahrscheines.

Wir wissen, wenn wir "Ethik" sagen, also immer gleich Bescheid. Und dieses Wissen läßt uns niemals kalt, es trifft uns - immer. Ein hohes Ethos flößt uns Ehrfurcht und Respekt ein, ethische Verkommenheit stößt uns ab, ethische Gleichgültigkeit ist uns zutiefst unverständlich. Und vor allem: Wir selbst wollen in Sachen Ethik nicht im Zweifel sein, wir wollen Ruhe, Frieden und Behaglichkeit. Nagt uns die Skepsis an und ist der Zustand dauerhaft, so ist das Gleichgewicht dahin, wir kommen aus dem Lot. Und wissen wir in heiklen Fragen einmal nicht Bescheid, so gibt es Ethikkommissionen, die uns helfen, das Gleichgewicht zu wahren.

In jedem Fall ist Ethik aber eines: Sie ist laufend in Gesprächen zu finden, und zwar exakt in jenen Gesprächen, in denen früher der Begriff "Moral" verwendet wurde. Was aber hat den Begriff der Moral derart in Mißkredit gebracht, daß ihn der Begriff der Ethik nahezu verdrängt hat? Es könnte sein, daß "Ethik" heute schlichtweg besser klingt als "Moral", daß man jedoch immer noch "Moral" meint, wenn man "Ethik" sagt, den Begriff "Ethik" aber ganz bewußt deshalb verwendet, um nicht als Moralapostel zu gelten. Denn wir, die Aufgeklärten, müßten uns ja schämen, wenn wir die Moral auf unserer Seite hätten. Moral, das ist die Niedertracht schlechthin, die schlaue Taktik aller Machthaber, ihre Untertanen wie durch Zauberhand in die Knie zu zwingen und ihnen noch ein schlechtes Gewissen zu suggerieren, falls sie es einmal unterlassen, danach zu handeln. Wir, die Aufgeklärten hingegen, wir haben die Ethik auf unserer Seite. Freilich: Am Ende berufen wir uns ebenso auf gewisse Standards und Werte - bloß daß wir uns statt "moralisch" eben "ethisch" überlegen fühlen und überzeugt sind, damit mehr im Recht zu sein als alle anderen. Überzeugt sind die anderen aber auch.

 

In der römischen Antike übersetzte Cicero das altgriechische "ethikos" mit dem lateinischen "moralis", wobei der Sinn der Wörter damals noch fast gleichbedeutend war. Ein Bedeutungswandel des Begriffs "moralis" setzte erst im Zuge der Christianisierung ein: Moralische Fragen wurde nun selbst in der Philosophie im Kontext christlicher Moral behandelt, weil selbst die Philosophie sich der Macht des Christentums nicht entziehen konnte. Erst die Wucht der französischen Aufklärung legte die antiken Wurzeln des Begriffes "Ethik" wieder frei, sodaß "Ethik" als Gedanke, als Kontrapunkt zur Moral, wieder Fuß fassen konnte. "Ethisch" und "moralisch" heute immer noch als Synonyme zu verwenden, ist demnach unzulässig. Angesichts ihrer einschlägigen Besetzung ist die Gleichsetzung der beiden Begriffe nicht mehr denkbar.

So bezieht sich im heutigen Sprachgebrauch der Begriff der Moral eher auf die Übereinstimmung mit äußeren Sitten, äußeren Rechten und Wertungen, wogegen "Ethik" mehr eine innere Gesinnung und Haltung bezeichnet. Der Begriff der Ethik, so könnte man sagen, hat sich seinen altgriechisch-liberalen, seinen philosophisch-aufgeklärten Anstrich über die Jahrtausende hinweg bewahrt. Der Begriff der Moral hingegen fand als lateinische Übersetzung des Wortes "ethikos" vorerst einmal im normativen Bereich des römischen Rechts und schließlich in der Sphäre der christlichen Religion Verwendung: Er verließ die argumentative Ebene und wanderte ab in den Bereich des Dogmatischen.

 

Ethik ist heute präsent und populär wie nie zuvor. Kaum gibt es jemanden von Rang und Namen, der es sich leisten könnte, sich öffentlich von ihr zu distanzieren. Und trotzdem: Man redet vom Ethikunterricht an unseren Schulen und ist sich bezüglich seiner Sinnhaftigkeit derart unsicher, daß ein vierjähriger Schulversuch gestartet werden muß, um zu sehen, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Schon das Wort "Ethikunterricht" selbst freilich birgt ein latentes Mißverständnis in sich, nämlich die Vorstellung, es würde eine Ethik geben, die es bloß zu unterrichten gelte. Wäre dies tatsächlich der Fall, würde sich das gesamte Vorhaben ad absurdum führen. Man käme dann "vom Regen in die Traufe", d.h. wiederum in das enge Fahrwasser einer Predigt, einer säkularen Predigt vielleicht, aber einer Predigt allemal.

Daß "Ethik" hingegen sehr wohl als Vielfalt denkbar ist, es demnach Ethiken gibt und Ethik strenggenommen nur in dieser Form wirklich ethisch sein kann, ist vielen Menschen durchaus fremd. Es scheint, als ob wir der platonisch-christlichen Vorstellung von der einen absoluten Wahrheit derart auf den Leim gegangen sind, daß wir uns mehr als eine Ethik gar nicht denken können. Ein deutlicher Hinweis auf den Sachverhalt einer fehlenden Pluralform ist beispielsweise die Tatsache, daß im Wörterbuch eines Standard-Computers der Begriff "Ethiken" gar nicht vorhanden ist, man also jedesmal, wenn man "Ethiken" schreibt, einen Verweis in Form einer welligen, roten Unterstreichung bekommt. Demnach kann Ethik gar nicht vielfältig sein: Sie ist zur Einfalt verdammt. Bleibt sie aber einfältig, ist sie als Bildungsangebot denkbar ungeeignet. Wenn von Ethik die Rede ist, ist damit jedoch zwangsläufig auch immer von Philosophie die Rede, von ihrem wesentlichen, von ihrem praktischen Kern. In der Folge gelten aber auch in diesem Bereich freilich die üblichen Spielregeln philosophischer Diskussionskultur, im Grunde also die Regel, daß das bessere Argument sticht. Wer dann letztendlich spricht und wer zu schweigen hat, ist somit eine Frage beinharter Konfrontation. - Kann es aber, gesetzt den Fall, daß es keine Ethik, sondern bloß Ethiken gibt, überhaupt einen Sieger, ein besseres Argument geben?

 

Im Zuge ethisch motivierter Wortgefechte kommt es immer wieder zu jenen faszinierenden Momenten, in denen die Argumentation derart fundamental wird, sich derart zuspitzt, daß sie notwendig zum Stillstand kommt. In diesen Augenblicken sind die besten Pfeile längst verschossen, alles ist auf den Punkt gebracht, alles hochgradig glaubwürdig und plausibel, der ethische Kern des Vorgebrachten liegt beiderseits glasklar vor Augen, man steht einander keuchend und schwitzend gegenüber und muß sich eingestehen, daß man zwar alles getan, jedoch nichts erreicht hat. Als Beweis, als Mittel der Bekräftigung des Vorgebrachten, bliebe dann nur mehr der Verlegenheit und Peinlichkeit erzeugende Verweis auf das eigene Ich in seiner speziellen Situation und Eigenart. Man müßte also die Diskussionsebene wechseln und einen Schritt zurück ins Innere und Eigene gehen, um hier doch noch etwas erreichen zu können, zumindest so etwas wie gegenseitiges Verständnis. Der Sprung in die Intimität ist freilich nicht in allen Lebenslagen möglich, noch ist er immer wünschenswert. Möglich und notwendig ist er nur im Freundeskreis. So werden wir uns in besagten Fällen voll Scham in Schweigen hüllen.

Nun könnte man freilich einwenden: Mit unentscheidbaren Pattsituationen darf sich eine demokratische Gesellschaft nicht zufriedengeben, das wäre ja die Niederlage schlechthin, das wäre ja das Eingeständnis unserer Unfähigkeit, den europäischen Kulturauftrag zu verwirklichen, d.h. unter allen Umständen und immer zu rationalen Entscheidungen zu gelangen. Entscheidungen müssen getroffen werden, und falls das nicht möglich ist, muß eben ein oberster Richter her!

Aber handelt es sich in diesen Fällen tatsächlich bloß um einen Rechtsstreit? Muß auch in Fragen der Ethik erst jemand von einer höheren Instanz sein Recht bekommen haben, bevor sein ethisches Empfinden rechtens ist? Und generell gefragt: Warum muß man sich überhaupt einigen können? Oder weshalb muß eine erfolgte Einigung für alle den Status der Verbindlichkeit haben? Warum sind wir mit derart schwachen Nerven ausgestattet, daß wir es nicht ertragen können, wenn Aussage gegen Aussage steht und kein Kriterium vorhanden ist, nach dem verhandelt und entschieden werden kann?

 

Lange noch bevor es "Ethik" als philosophische Disziplin im Sinne von Aristoteles gab, hatte "Ethos" bei Homer die Bedeutung von "Wohnung", "Wohnort" und "gewohntem Aufenthalt". Es bezeichnete die gewohnte Art zu handeln, zu reden, sich zu benehmen, sich auszudrücken und gab die Sinnesart, den Charakter und die Gesinnung wieder. Unter "Ethos" verstand man die Eigenart und Haltung eines Menschen, seine Überzeugungen und Gepflogenheiten, die einerseits in seiner angeborenen Natur begründet sind, zugleich aber auch durch Gewohnheit, Anpassung und Übung erst ausgebildet werden. "Ethos" meinte alles, was uns innerlich bestimmt, was unser Kern, was unser Wertvollstes bezeichnet: Haltung, Verhalten, Eigenart, Wesen, Gesinnung, die auf sich selbst beruhende Art des Charakters und des Denkens; moderner formuliert: die Individualität.

 

Das Wort "Daimon" stand ebenso wie "Theos" für die allgemeine Benennung des Göttlichen. Doch während "Theos" einen Gott bezeichnete, der im kultischen Leben Bedeutung besaß, war "Daimon" bloß eine dunkle und rätselvolle Kraft. Diese teilte den Menschen ihr Lebenslos zu. Das Zuerteilte konnte dem Einzelnen zum Vorteil oder zum Nachteil werden. Es war imstande, ihn glücklich oder unglücklich zu machen. Jedes Wesen hatte mit seinem Daimon zu leben. Die Bindung begann mit der Geburt und endete mit dem Tod.

Die philosophische Verbindung besorgte Heraklit: "Ethos Anthropo Daimon". Eine mögliche Übersetzung dieser Worte wäre: "Des Menschen Eigenart ist sein Schicksal". Unser Wesen, unsere Individualität, so Heraklit, ist Schicksal. Wir bekommen sie, von wem auch immer, zugeteilt und müssen damit fertig werden. Platon freilich war hier anderer Meinung: "Nicht wird ein Daimon euch erlosen, sondern ihr werdet euch einen Daimon wählen ... den Lebenslauf wählen, mit dem ihr dann notwendig verbunden bleibt. Schuld hat, wer gewählt hat ..... Gott ist schuldlos".

 

Des Menschen Ethos liegt meist im verborgenen. Wiewohl als Hintergrund des Bewußtseins allgegenwärtig, braucht es einen Anlaß, um offensichtlich zu werden. Je zwingender ein Anlaß es erfordert, desto bestimmter tritt der Daimon auf die Bühne. Je extremer die Umstände sind, desto deutlicher zeigt er seine Gestalt. In der Liebe, im Krieg, in der Kunst und auch beim Philosophieren zeigt sich des Menschen Eigenart am eindrucksvollsten. "Daimon" meint unser persönliches seelisch-geistiges Los, meint den inneren Zufall, den Zustand, den es zu meistern gilt.

Ob Daimon oder Dämon: Es handelt sich um etwas, von dem wir besessen, auf das wir versessen sind, weil dieses Etwas uns selber ausmacht, weil wir es selber sind. Man muß hingegen nicht dem Schicksal oder gar den Dämonen gläubig verfallen sein, um an sich selbst eine gewisse Gestimmtheit existentiellen Themen gegenüber beobachten zu können. Diese Tendenzen haben potentielle Kraft; die Kraft, um zu Motoren und Wegweisern des Denkens zu werden. Philosophie, als Reflexivität, als Verwandlung ins Klare und Deutliche, ist eine Form der Antwort auf die Fragen, die uns der Daimon stellt.

 

Das Ethos jedoch grundsätzlich über die Moral stellen zu wollen, birgt Tücken. Denn wenn jemand einen Mächtigen ermordet hat und die Gelegenheit bekommt und die Kunst beherrscht, vor Tausenden von Leuten eine spontane Rede zu halten, eine Rede, die durch Mark und Bein geht, die alle Sinne in Bewegung bringt, eine Rede, die die Notwendigkeit dieses Mordes deutlich vor Augen führt, sodaß alle dann gesenkten Hauptes still nach Hause gehen, in Aufruhr, verunsichert, zu Tränen gerührt und verzweifelt - so wird er zwar immer noch verurteilt werden, aber man wird sagen: Dieser Mann hatte Charakter; oder: Es war sein Schicksal so und so zu handeln; oder: Er mußte für seine Ideale sterben; oder: Er ist für seine Prinzipien gestorben; oder: Er blieb sich treu bis in den Tod. Statt "Mörder" würde man "Tyrannenmörder" oder "Revolutionär" zu ihm sagen, und man würde ihm mit weitaus mehr Sympathien gegenüberstehen als jedem anderen Gesetzesbrecher. Dieser Gerichtsfall hätte gute Chancen, später noch einmal aufgerollt zu werden. Das Andenken bliebe auf jeden Fall. Und warum? Weil ein hohes Ethos im Spiel gewesen wäre - ein hohes Ethos beeindruckt uns allemal.

 

Wenn jetzt jemand fragen würde, wo in diesem Fall die Ethik bleibe, so müßte man - freilich im Wissen, diese Frage ganz bewußt mißzuverstehen - antworten: Sie bleibt zu Hause, sie bleibt im Einzelnen. Wenn Ethik aber bloß im Individuellen liegt, wo bleibt sie dann, im Sinne von: Wo bleibt sie für die Allgemeinheit? Gibt es im Ethischen denn gar keine Verbindlichkeiten? Wie steht es mit der Pflicht? Freilich: Pflicht ist keineswegs in jedem Fall bloß Resultat des Zwangs von außen. Sie kann sehr wohl auch aus innerem Druck entstehen. Und es liegt nahe, daß Verbindlichkeiten, die aus dem Ethischen erwachsen, sogar noch bindender als jene sind, die dem Gesetz und der Moral entstammen.

Tatsache ist jedenfalls, daß Moral und Gesetz die permanente Verantwortlichkeit des Einzelnen nicht ersetzen können, wie sich auch umgekehrt der Einzelne erst mit Hilfe und im Schutze der Moral und der Gesetze voll entwickeln kann. Nüchtern betrachtet, handelt es sich um zwei parallel laufende Systeme, die einander bedingen, bedürfen und ergänzen. - Und wem soll man nun sein Vertrauen schenken? Im Zweifelsfall sich selbst.

"Ethik" bleibt letztlich ein rätselhaftes Phänomen, welches intim an die Person gebunden ist: Sein Ethos trägt der Einzelne allein. Er muß den Sprung ins Ungewisse wagen und die Verantwortung dafür liegt nur bei ihm. Soll ethisches Denken gesellschaftlich verbindlich werden, muß es den Weg des Gesetzes und der Moral gehen. Eine gesellschaftlich verbindliche Ethik ohne Zuhilfenahme von Gesetzen ernsthaft zu fordern, wäre blanker Idealismus. Ethische Konzepte, welche die Kraft und die Verantwortung des Einzelnen übersteigen wollen, sind stets als argumentative Vorbereitung zu moralisch-juristischen Konstrukten zu verstehen, weil soziale Verbindlichkeiten ohne Zuhilfenahme von Gesetzen in der Praxis nicht gewährleistet werden können. Jede Ethik muß demnach zwangsläufig zur Moral und schließlich zum Gesetz werden, soll sie gesellschaftliche Früchte tragen.