Ärzte auf den Spuren der Philosophie

Was macht den erfolgreichen Arzt aus? Sind es seine Fachkenntnisse oder ist es seine Persönlichkeit, zu der man Vertrauen haben kann? Ist es seine Stellung in der Gesellschaft oder liegt sein Erfolg in der Hinwendung zum Patienten? Der Arzt Karl Hermann Spitzy und der Philosoph Eugen-Maria Schulak entspinnen einen Dialog darüber.

 

von Gabriele Vasak
veröffentlicht in Arzt & Praxis (Dezember 2004, Nr. 898, 58. Jahrgang)

 

Eine Medizin, die ohne philosophischen Hintergrund auskommt, ist - so kann wohl gesagt werden - keine menschliche Medizin. Die Geschichte der westlichen Medizinphilosophie beginnt daher auch mit dem um 460 vor Christus geborenen Arzt und Philosophen Hippokrates, der in der Antike ebenso wie jetzt für viele Mediziner das Leitbild des idealen Arztes verkörpert - eines Arztes, der wissenschaftliches Denken mit ärztlicher Erfahrung und hohem ärztlichen und menschlichen Ethos verbindet.

Ethos ist denn auch ein Schlüsselbegriff in dem Buch "Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen. Ein Dialog", in dem der österreichische Arzt und Philosoph Univ. Prof. Dr.Dr. Karl Hermann Spitzy und der Philosoph und Betreiber einer Philosophischen Praxis, Dr. Eugen Maria Schulak, über das Verhältnis von Medizin und Philosophie räsonieren. Der Text basiert auf einem Briefwechsel, der via E-Mail zwischen dem philosophierenden Arzt und dem praktizierenden Philosophen geführt wurde.

Einer philosophischen Betrachtung unterzogen werden in diesem Dialog sämtliche Komponenten und Facetten ärztlichen Handelns, und dies beginnt schon mit dem Anamnesegespräch. "Im Zuge dieses Fragens und Antwortens ereignet sich einiges. Jeder erfahrene Arzt wird zugeben, dass er im Laufe dieses ‚Einstandsgespräches‘ bereits mindestens 80 Prozent der Diagnose gestellt hat", schreibt Spitzy. "Dabei hat er den Patienten beobachtet, betrachtet und sogar versucht, seiner innezuwerden. Ein Arzt aus der Schule des antiken Alexandria, Rufus von Ephesus, wies bereits darauf hin, dass es viel wesentlicher sei, darauf zu achten, wie der Kranke etwas sagt, als darauf, was er sagt."

Woraus folgt, dass, wie jedem Arzt bekannt, in solchen Gesprächen auch immer wieder die Phänomene des Über- und Untertreibens, der Vortäuschung oder der Verheimlichung von Symptomen also auftreten. Mit dem Instrument des Pulsfühlens aber kann der Arzt nach Ansicht Spitzys der "Wahrheit" näher kommen: "Abgesehen von der Befundung des Pulses vermitteln in diesem Augenblick zum Beispiel Rhythmusveränderungen durchaus physiologische Parameter der Erregbarkeit, der Labilität des Kreislaufs, der Veränderung des Blutdrucks in Systole und Diastole des Herzens, der Abhängigkeit von der Atmung und anderes mehr." Dies komme, so der philosophierende Arzt, einem erfühlten Porträt gleich, und das Pulsfühlen sei zudem ein Vertrauen bildender Hautkontakt und eine Art Verantwortung bildendes Handauflegen.

Um der Reihenfolge die Ehre zu geben ist als nächstes die Diagnose Mittelpunkt der philosophischen Betrachtung. Sie ist, aus dieser Sicht, nur eine Vermutung: "Sie konstruiert gleichsam eine causa, doch diese besteht allein in der Vorstellung." In der Natur, so das philosophische Konzept, gibt es keine Ursachen, alles in ihr ist zirkulär: Die Wirkung wird zur Ursache, die Ursache zur Wirkung. Am Ende stehen entweder Heilung, Vernarbung oder Tod. "Heilen kann aber nach dem Motto ‚medicus curat, natura sanat‘ nur die Natur, der Arzt kann hierbei bloß Sorge tragen, dass die Sanierung durch die Natur auch erfolgt", schreibt Spitzy, und: "Es gibt gute Gründe zu vermuten, dass in der Praxis 90 Prozent aller Therapien Placebotherapien im Sinne des ‚medicus curat, natura sanat‘ sind. Den Therapieerfolg gewährleistet also Mutter Natur. Und was bleibt dem Arzt? Aus philosophischer Sicht Verantwortung, Liebe und Zuwendung zum Patienten.

Vertrauen ist also die Basis der Beziehung zwischen Arzt und Patient, und auch die Therapietreue lässt sich nur daraus gewinnen, meinen die beiden Philosophen und führen in den Diskurs um die Compliance gleich auch eine metaphysische Komponente ein: Um sie zu festigen, brauche die Bindung zwischen Arzt und Patient eine Art magische, schamanenhafte Zuwendung, und dabei habe jeder "Zauberer" seine Tricks und Rituale, die er - bewusst oder unbewusst - auch in der Durchführung der Therapie anwendet: Man denke nur an das immer wieder kolportierte magische Verschwinden von Schmerzen und Beschwerden beim Betreten einer Ordination mit ihrem typischen Geruch!

Zaubertricks hin oder her, was letztlich für die Therapie entscheidend ist, findet vor dem Hintergrund der Ich-Du-Beziehung statt, stellen die Autoren fest, und dies wird an einem kuriosen Beispiel festgemacht, das der Philosoph Schulak ins Gespräch bringt: Er schildert den Fall eines Freundes, der mit zwei Katzen im Haushalt lebte, von denen eine ihm gegenüber immer ablehnend und aggressiv blieb. Als der Freund aber einmal unter heftigen Magenkrämpfen litt, legte die Katze sich so auf ihn, dass der Bereich seines Magens warm abgedeckt war. Nach etwa einer halben Stunde sollen die Krämpfe verschwunden sein. "Lässt sich denn ärztliches Handeln in seinem Ethos anders beschreiben als eben genau durch diese Wendung hin zum Leidenden - ohne nach der konkreten Praxis zu fragen?", fragt der Philosoph den Arzt.

Hinwendung zum Patienten gilt denn auch dem Arzt Spitzy als Grundlage ärztlichen Handelns, und er kritisiert in diesem Zusammenhang die ungeheure Spezialisierung der modernen Medizin, durch die sie Gefahr laufe, ihr menschliches Antlitz zu verlieren. Diese Entwicklung könnte "womöglich noch zu einem Spezialfach Menschlichkeit innerhalb der Medizin führen, und ein derartiger Facharzt für Menschlichkeit wäre für jede Zuwendung dem Patienten gegenüber zuständig, die den unmenschlich agierenden Otologen, Dermatologen, Neurologen etc. abhanden gekommen ist", wettert er und schildert ein Beispiel aus seiner Praxis: An der Chirurgie wurde eine junge Psychologin beauftragt, die Patienten psychologisch zu betreuen, da die Chirurgen dazu angeblich keine Zeit hätten. "Wenn dem so sein sollte, wäre es überflüssig, dass Chirurgen ein Medizinstudium absolvieren müssen. Sie bräuchten nur ihr Handwerk zu lernen", folgert er daraus und kritisiert auch jene Kollegen, die über Überlastung und Burnout klagen: "Warum sind sie dann aber Ärzte geworden, wenn ihnen das alles zu viel ist?"

Interessant sind auch die Ausführungen der Autoren zum Thema Ethik. Spitzy beruft sich dabei auf Augustinus, der sagte "Was du in aufrichtiger Liebe tust, ist ethisch!", und dies gilt für ihn auch in Extremsituationen: "In der Praxis des Arztes ist es unvermeidbar, das Leben eines Patienten, der starke Schmerzen zu ertragen hat, durch den Einsatz hochwirksamer Schmerzmittel bewusst zu verkürzen. Geschieht das in Liebe und in voller Verantwortung, und hat man auch das uneingeschränkte Vertrauen des Patienten, ist es ethisch, so zu handeln, wenn es auch dem Gesetz nach unmoralisch ist." Die eigene Verantwortung dabei ist, so Spitzy, nicht zu minimieren. "In diesem Fall kann und darf man sich nicht aus der Verantwortung stehlen, auch nicht indem man ein Team befragt, einen Staatsanwalt anruft oder Gesetze studiert. Was sollte ein Staatsanwalt beispielsweise auch sagen, auf welche Gesetze sollte er sich berufen?"

Liebe ist denn auch das oberste Prinzip menschlichen Handelns, wird festgestellt, und in diesem Sinne lässt sich auch ein Resümee dieses philosophischen Dialogs ziehen: "Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen, müssen sie vor allem eines finden: die Liebe als das zentrale Element ärztlichen wie auch philosophischen Handelns und als der Weisheit letzten Schluss."

 

Textauszug aus dem Buch "Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen. Ein Dialog"

Spitzy: Was macht heute eigentlich den erfolgreichen Arzt aus? Ist es seine Stellung in der Gesellschaft? Ist es seine Persönlichkeit, zu der man Vertrauen haben kann? Oder liegt sein Erfolg nicht doch in der Hinwendung des Arztes zum Patienten und darin, dass er auf dessen "Wehwehchen" eingeht, wenn auch ein allzu paternales Gehabe meist eher peinlich und durchschaubar ist? Mir scheint jedenfalls, als kämen auch die heutigen Doktoren ohne das magische Element bei ihrem Tun nicht aus. Denn bei weitem ist nicht immer eindeutig zu sagen, was letzten Endes über den Erfolg einer Therapie entschieden hat. Nicht derjenige hat auch meist die größte Praxis, der die besten medizinischen Kenntnisse besitzt, sondern derjenige, der von seinem Können am meisten überzeugt ist und diese Überzeugung auf den Patienten übertragen kann. Zum Arzt kommt nur derjenige, dem etwas "fehlt". Glücklicherweise aber repariert sich das meiste von selbst, wie schon Galen, der Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel, wusste: "Die Natur heilt drei Viertel aller Krankheiten und schimpft nicht über den Kollegen." Solche gleichsam spontanen Heilungen werden vom Arzt gerne als Erfolg verbucht. Bei ehrlicher Betrachtung stellt sich freilich heraus, dass derartige "Erfolge" bei etwa 90 Prozent der Patienten in einer Allgemeinpraxis zu verzeichnen sind. Die oft entscheidende Wirksamkeit des "Placebos Arzt" ist damit unbestritten. Sollte dies auch für die Philosophie gelten?

Schulak: Das sei einmal dahingestellt. Jedenfalls aber ist das Philosophieren ein Luxus, den man sich gönnt, wenn sonst alles in Ordnung ist. In der Tat ist es ja so, dass eher dort philosophiert wird, wo man weitgehend satt ist, wenn man nicht gerade an die Trostfunktion denkt, die Philosophie auch immer hatte und hat. – Du meinst, ein Mensch gehe dann zum Arzt, wenn ihm etwas "fehle". Aber auch dann, wenn ihm etwas fehlt, arbeitet so mancher darauf hin, dass sein "fehlerfreier" Zustand erhalten bleibt. Ich denke hier an körperliche Ertüchtigung, gesunde Ernährung, ein erfülltes Liebesleben, die Pflege von Freundschaften und dergleichen. In diesem Sinne betrachte ich die Philosophie als einen Teil der Vorsorgemedizin. Denn hat man hohe Ansprüche ans Leben, kann einem tatsächlich etwas fehlen, wenn die Anzahl brauchbarer und erhellender Gedanken zu wünschen übrig lässt. Manche Menschen leben gleichsam von ihren Gedanken, manchen ist ein gutes Gespräch oder ein gelungener Text wichtiger als eine üppig gedeckte Tafel. So manche werden von ihren Gedanken aber auch regelrecht geplagt. Sie vergiften sich so selbst, weil sie in ihren Denkschemata gefangen sind, die ihnen letztlich schaden. Da ist es gut und richtig, wenn ihnen einmal etwas Neues zu Gehör kommt, etwas Gegensätzliches, etwas, das dazu animiert, sich eine neue Welt zurechtzuzimmern, in der es sich besser denken lässt.