Geben oder nehmen?

Heute herrscht die Auffassung, der Staat habe das Volk zu erhalten. Der Einzelne fragt, was er vom Staat erhält, und meint, dass ihm der Staat mehr schulde, als er ihm wirklich gibt.

 

Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 11. November 2009

Der 1973 im Alter von 92 Jahren in New York verstorbene und aus Österreich vertriebene Ökonom und Philosoph Ludwig von Mises – ein Liberaler klassischer Prägung, der zur Leit-figur der amerikanischen Libertären wurde – hielt es stets für selbstverständlich, dass die Bürger die Kosten des Staatsapparates zu tragen hätten. Jeder Einzelne habe im Verein mit allen anderen den Staat zu erhalten. In der massendemokratischen Moderne, so Mises, drehe sich dieses Verhältnis jedoch sukzessive um. Heute herrsche überwiegend "die Auffassung vor, dass der Staat das Volk zu erhalten habe. Der Einzelne fragt: Was bekomme ich vom Staat? Er findet, dass der Staat ihm mehr schulde, als er ihm wirklich gibt. Und als Wähler verleiht er dann dieser Auffassung Ausdruck."

Diese Entwicklung, die erstaunlicherweise bereits vor 45 Jahren diagnostiziert werden konnte, hat mittlerweile zu einem umfassenden Anspruchsdenken geführt, das die soziale Befindlichkeit der Massen ideologisch durchdringt. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die moderne und irreführende Vorstellung, aus der Idee der Menschenrechte fälschlicherweise auch ein "Recht" auf all das ableiten zu können, was man sich für ein gutes Leben wünscht. Wünscht man sich etwa, umfassend versorgt und unterhalten zu werden, so hat man, gemeiniglich gedacht, auch ein "Recht" darauf und ist in der Folge dazu legitimiert, dieses "Recht" im Zuge demokratischer Prozesse in die Wirklichkeit zu überführen.

Freilich ist der Wunsch, umfassend versorgt zu werden, durchaus verständlich, vor allem wenn man sehr jung, sehr alt, sehr krank oder sonst irgendwie in Mitleidenschaft gezogen ist. Niemandem kann es verwehrt werden, über Hunger und Obdachlosigkeit zu klagen. Und jeder, der sich einer solchen Klage verschließt, verstößt gegen ein Grundgebot der Menschlichkeit, das nicht bloß in den monotheistischen Religionen verankert ist, sondern auch vernünftig und philosophisch gerechtfertigt werden kann.

Erstaunlicherweise sind die Rufe nach besagten "Rechten" dort am lautesten, wo die Menschen im Überfluss leben und existenzielle Nöte nicht mehr kennen. Dort kommt es mittlerweile zu absurden Vorstellungen darüber, wie die Zukunft zu bewerkstelligen sei. Dort wird ernsthaft die These vertreten, Wohlstand wäre auch ohne Arbeit und ohne Bildung von Kapital möglich. Mit Hilfe von Krediten, Schulden, Inflation und neuen Steuern, so meint man, könne der Wohlstand gleichsam aus dem Nichts produziert werden.

Die Folgen dieser Kultur des Nehmens sind im Grunde verheerend. Jenes Viertel der Bevölkerung, das via Gesetzgebung dazu gezwungen wird, die restlichen drei Viertel zu alimentieren, versinkt in Hektik und Stress. Was auch immer sie geben, es ist stets zu wenig. Die Nehmer hingegen, die ihre finanzielle Zukunft in Gefahr sehen, werden nervös. Sie setzen auf die Karte der Politik, um ihre "wohlerworbenen Rechte" nicht zu verlieren und den Konsumsozialismus, den sie fälschlicherweise für einen Kapitalismus halten, zu perpetuieren. Da aus diesen Gründen niemand mehr freiwillig etwas geben will, hat sich die Gesellschaft entsolidarisiert, was einen herben Moralverlust markiert. Dies könnte dazu führen, dass letztlich allen alles genommen wird, um es allen zu geben. Aber das hatten wir ja schon: Das war der Kommunismus.