Über Toleranz

Die meisten von uns stehen derart unter Toleranz-Zwang, dass sie es angesichts dümmster Meinungen und ekelhaftester Manieren bloß zu einem verkrampften Grinsen bringen.

 

Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 16. September 2009

Das lateinische Wort "tolerantia", das sich ursprünglich auf das geduldige Ertragen von Schmerzen bezog und zur Tugend der Tapferkeit gehörte, erschien in seiner heutigen Bedeutung erstmals im Rahmen der christlichen Philosophie. So plädierte Augustinus für Toleranz gegenüber sündigen Mitchristen und Juden, Thomas von Aquin noch zusätzlich für Toleranz gegenüber Heiden und der Humanist Thomas Morus dann generell für Religionsfreiheit, da die Anwendung von Gewalt zur Bewahrheitung des religiösen Glaubens mit religiösen Zielen unvereinbar sei. Martin Luther, der den deutschen Begriff "tollerantz" prägte, stellte mit seinen kritischen Thesen die Toleranz der Christenheit dann derart auf die Probe, dass dies zu einem europäischen Flächenbrand führte. In der Folge wurde, ausgehend von der englischen und französischen Aufklärung, die Frage der Toleranz zunehmend als politisches Problem betrachtet. Der weltliche Souverän habe Gedanken- und Meinungsfreiheit zu garantieren und das Kirchenvolk unter die Aufsicht des Magistrats zu stellen. Sei die geistliche Herrschaft einmal zurückgedrängt, könne sich unter der Vorherrschaft des Staates der Gedanke der Toleranz erst eigentlich entwickeln. Diese Vorstellung wurde durch den Terror der Französischen Revolution gehörig ad absurdum geführt.

Grundlegend für die Toleranz-Debatte der Moderne wurde dann Immanuel Kants Konzeption der Freiheit des menschlichen Willens als oberstes Prinzip der Sittlichkeit sowie die Etablierung der Religionsfreiheit als Menschenrecht. Besonders letzteres führte dazu, dass sich der Toleranz-Begriff zunehmend verbreitete, auch für nichtreligiöse Fragen herangezogen wurde und schließlich derart zum Gemeinplatz degenerierte, dass ihn Johann Wolfgang von Goethe als überholt ansah und überbieten wollte: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Diese Forderung, das Andere im Anderen nicht bloß zu dulden, sondern letztlich zu akzeptieren (um nur ja niemanden zu beleidigen), brachte dann erst die volle Ambivalenz des Toleranz-Konzepts ans Licht, seine prekäre Zwischenstellung zwischen Indifferenz und Solidarität und damit seine unheilbare Paradoxie: Wie kann etwas geduldet oder gar akzeptiert werden, das begründetermaßen abgelehnt wird?

Und so warf Friedrich Nietzsche in seiner "Götzen-Dämmerung" die Frage auf, wie jemand, der sich vornehmlich in der Tugend der Toleranz übe, denn noch ein Rückgrat oder so etwas wie ein intellektuelles Gewissen haben könne: "Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere Überzeugungen: Diese selbst leben verträglich beisammen – sie hüten sich, wie alle Welt heute, sich zu kompromittieren. Womit kompromittiert man sich heute? Wenn man Konsequenz hat. Wenn man in gerader Linie geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn man echt ist . . ." Und in der Tat: Die meisten von uns stehen heute derart unter Toleranz- und Akzeptanz-Zwang, dass sie es angesichts dümmster Meinungen, verwerflichster Handlungen und ekelhaftester Manieren bloß zu einem verkrampften Grinsen bringen. Doch für berechtigte Kritik braucht sich niemand zu schämen. Im Gegenteil, auch wenn es für unsere Ohren obszön anmutet, ist Nicolás Gómez Dávila überzeugt: "Der gebildete Mensch hat die Pflicht, intolerant zu sein."