Optimismus und Pessimismus

Vom Standpunkt der Logik kann unsere Welt weder die beste noch die schlechteste genannt werden. Sie ist schlichtweg nur dasjenige, was der Fall ist.

 

Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 29. Juli 2009

Der Begriff "Optimismus" bezieht sich auf den von Gottfried Wilhelm Leibniz, einem deutschen Universalgelehrten aus dem Barock, her geprägten "philosophischen Optimismus", welcher besagt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben – mundus optimus. Der Zweck dieser Aussage war der Versuch einer Theodizee (aus griechisch theos und dike, Gerechtigkeit), also einer Rechtfertigung Gottes, und zwar gegen den Vorwurf, dass Gott auch für das Böse in der Welt verantwortlich sei, da es ja in seiner Allmacht gestanden haben müsste, dies zu verhindern. Um diesen Vorwurf zu entkräften, hob Leibniz im Jahre 1710 unsere Welt zur besten aller möglichen Welten empor, zur besten, die Gott uns auch bei äußerster Anstrengung bieten konnte. Dies machte ihn in der Folge zu einem der meistverlachten Philosophen seiner Zeit.

Geraume Zeit später tauchte bei Arthur Schopenhauer der gegensätzliche Standpunkt auf, nach welchem wir in der schlechtesten aller Welten leben – mundus pessimus. Dies sei schon allein deshalb so, weil viele Lebewesen nur durch den Verzehr von anderen Lebewesen überleben könnten und schließlich jedes Leben ausnahmslos dem Tod entgegengehe.

In der Folge wurde das Wort "Pessimismus" zum Gegenbegriff des damals gängigen Fortschrittsglaubens, zum Symbol der Ernüchterung nach dem Scheitern der Revolution von 1848. Schopenhauer hingegen hatte nicht die Absicht, seine Zeitgenossen zu entmutigen. Er verschob bloß den Kampf von der Außen- in die Innenwelt, wo mit den Mitteln des Mitleids und der Kunst die Befreiung auf asketischem Weg versucht werden sollte.

Heute würde zweifellos niemand von einem Menschen, der sich als Optimist bezeichnet, annehmen, dass er ein Anhänger der Leibnizschen Theodizee sei. Dies macht deutlich, dass auch der Begriff "Optimismus", was immer er für uns heißen mag, heute nur noch wenig mit seiner ursprünglichen Bedeutung gemeinsam hat, wie auch sein Gegenbegriff "Pessimismus" sich vom anfänglichen Sinnzusammenhang entfernte.Befreit man hingegen die Worte "Optimismus" und "Pessimismus" von ihrem philosophiegeschichtlichen Korsett und betrachtet ihre Bedeutung anhand des lateinischen Wortstammes, so scheinen sie durchaus fähig, etwas Bedeutsames auszusagen. "Optimismus" wäre demnach eine Haltung, eine Stimmung des Willens, ein Bekenntnis, bei dem ein Mensch das Bewusstsein vom Besten und Hervorragendsten dauerhaft in sich trägt, demnach zu wissen meint, was dieses Beste und Hervorragendste ist oder was es sein könnte, sein sollte, sein müsste, was sich zwangsläufig auch auf die Lebensgestaltung auswirkt. Analog gilt dies für den "Pessimismus".

Eine solche grundlegende Tendenz, den Blick vorwiegend auf das einem Angenehme oder Unangenehme zu richten, lässt sich nun freilich auch mit philosophischen Gedanken und Konzepten anreichern, die Ausdruck eben jener vorherrschenden Haltung und Stimmung sind. Vom Standpunkt der Logik freilich kann die Welt als Gesamtphänomen weder die beste noch die schlechteste genannt werden. Sie ist mangels jeglicher Vergleichsmöglichkeit zu anderen Welten, also außerweltlicher Maßstäbe, schlichtweg nur das, was der Fall ist, in ihrer Gesamtheit bloß die wertneutrale Realität, was aber andererseits nicht heißen muss, dass immer nur geschwiegen wird, wovon man nicht sprechen kann.