Angst ist der Schwindel der Freiheit

Der Grund, warum Angsterkrankungen drastisch im Ansteigen sind, liegt möglicherweise darin, dass die persönliche Freiheit, speziell in der Unterschicht, stark zugenommen hat.

 

Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 1. Juli 2009

Psychiater und Psychoanalytiker stimmen darin überein, dass Angsterkrankungen seit Jahren dramatisch zunehmen. Panikattacken, Angstneurosen und Phobien gehören demnach zu den dominierenden Erkrankungen unserer Zeit. Ihre Erscheinungsformen ergeben sich bereits aus der Etymologie: Das griechische anxein (würgen, drosseln) schlägt in die gleiche Kerbe wie das lateinische angor (Würgen, Beklemmung), angustia (Enge) und angere (die Kehle zuschnüren, das Herz beklemmen). Doch wie ist diese bedenkliche Entwicklung zu verstehen?

Im täglichen Sprachgebrauch unterscheiden wir zwischen „Angst“, als einem gegenstandslosen, und „Furcht“, als einem gegenstandsgerichteten Gefühl. Damit trennen wir eine bestimmte und konkrete Angst von einer existentiell oft tief verwurzelten unbestimmten Angst. Letzere ist eine zutiefst subjektives Geschehen und führt, bar jeder Frage nach der tatsächlichen Bedrohung, ein weitgehend autonomes Dasein.

Sicher ist, dass Angstfreiheit in allen Kulturen und zu allen Zeiten als Zeichen einer höheren Entwicklung galt. Der Weise, der Erleuchtete hat definitiv keine Angst. So sagt etwa Jesus in Joh. 16, 33: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“, oder nach Luther: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“. Und auch der Mystiker Jakob Böhme wusste: Angst ist ein Gift, das überwunden werden muss.

Sören Kierkegaard, der dem Begriff „Angst“ eine höchst bemerkenswerte Monographie widmete, verstand die Angst als die Befindlichkeit des träumenden Geistes, der seine eigene Wirklichkeit als Möglichkeit der Freiheit plant. Solange er sich noch nicht entschieden hat, ist seine Freiheit bloß ein vages Nichts, das den Geist ängstigt. Diese Angst beruht auf der Möglichkeit der Verstrickung in immer größere Schuld.

„Man kann die Angst“, so Kierkegaard, „mit einem Schwindel vergleichen. Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen muß, dem wird schwindlig. Doch was ist die Ursache dafür? Es ist in gleicher Weise sein Auge wie der Abgrund – denn was wäre, wenn er nicht hinuntergestarrt hätte? Demgemäß ist die Angst jener Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinunter in ihre eigene Möglichkeit schaut [...]. In diesem Schwindel sinkt die Freiheit nieder.“

Der Grund, warum Angsterkrankungen so dramatisch im Ansteigen sind, liegt möglicherweise darin, dass die persönliche Freiheit des Einzelnen, sich jeder Tradition und jeder Sittlichkeit nachhaltig zu entziehen, speziell in der Unterschicht stark zugenommen hat. Die Folge ist, dass der Mensch, gleich einem Irrlicht, regelrecht zu flackern beginnt. Überwältigt von der Möglichkeit, sich jeder beliebigen Dummheit sanktionsfrei zu überlassen, aber gleichfalls in der Dämmerung der Schuld, geht die Freiheit in die Knie – und verfällt dem Nichts.

Nur ein gestählter Geist kann sich weitgehend ungeschoren dem Nihilismus ergeben. Die Mehrheit hingegen wird diese bedenkliche Form von Freiheit kaum verkraften. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, warum sich heute so viele Menschen wie hilflose Kinder nach staatlicher Betreuung und Regulation sehnen. Wer die Selbststeuerung verliert, verliert die Lebensgrundlage und schreit schließlich nach der Diktatur.