Ethik

Es macht kaum einen Sinn, etwas pauschal als "ethisch" zu bezeichnen.
Man wird sich entscheiden müssen, was ethisch ist. Das erfordert Persönlichkeit.

 

Copyright: Eugen Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 14. Jänner 2009

Ethik, eine Wortschöpfung des Aristoteles zur Bezeichnung einer philosophischen Disziplin, der „Lehre vom guten Leben“, leitet sich vom Wort Ethos her, das so viel wie Wohnung, Wohnort, gewohnter Aufenthalt, Haltung, Verhalten und Gesinnung bedeutet. Heute wird Ethik mit Moralphilosophie oder praktischer Philosophie gleichgesetzt. Die Aufgabe der Ethik ist das Denken. Sie bedenkt im Speziellen menschliches Handeln hinsichtlich seiner Qualität und Güte. Bedacht werden sowohl die Absichten, die hinter Handlungen stehen, wie auch die Folgen, die Handlungen bewirken. Die Denkergebnisse werden in Form von Werturteilen formuliert. Sind Absichten und Folgen eines Handelns wünschenswert, nennt man es gut. Ist es dazu noch aus Selbstverantwortung und in Freiheit geschehen, nennt man es an sich gut.

Frei und selbstverantwortlich handeln kann nur ein Einzelner. Denn nur eine Person oder Persönlichkeit kann für ihr Handeln haften und gerade stehen. Gruppenhaftung ist juristisch zwar möglich, philosophisch jedoch keineswegs. Vor dem Gewissen bleibt der Mensch allein. Alle Ethik steht und fällt demnach mit der Person. Ein Kollektiv ist zweifellos keine Person. Es hat weder Persönlichkeit noch ein Gewissen. Kollektive können demnach nie aus Selbstverant-wortung und in Freiheit handeln, was bedeutet, dass es ihnen auch nicht möglich ist, an sich gut zu handeln.

Von Handlungen, die gut sind, erhoffen wir ein gutes Leben. Freilich müssen wir, wenn wir gute Handlungen setzen wollen, erst vieles lernen. Dies tun wir, indem wir einerseits bewährte Handlungsmuster aufgreifen und andererseits, indem wir durch Versuch und Irrtum unsere Erfahrungen machen. Vorerst müssen wir aber wissen, wofür es sich überhaupt zu handeln lohnt. Ist es die Familie? Ist es die Arbeit? Ist es die Liebe? Ist es das Reich Gottes? Ist es die Freude? Ist es die Freundschaft? Ist es das Vaterland?

Gesetzt den Fall, wir wissen, wofür es sich zu handeln lohnt, so brauchen wir weiters einen tauglichen Maßstab, der verbindlich genug ist, um unser Handeln auch ermessen zu können. Der weltweit verbindlichste Maßstab: nicht morden, nicht stehlen und nicht lügen. Das ist einfach und klar. Aber, ist es das wirklich?

Im Laufe der Geschichte haben sich unterschiedliche ethische Denkschulen herausgebildet: die Platoniker, die Epikuräer, die Stoiker, die Christen (mit den Protestanten als ethischer Sonderform), die Kantianer, die Liberalen, die Utilitaristen, die Sozialisten und viele andere mehr. Was diese Vielfalt bewirkt? Nehmen wir ein Beispiel her: den Liberalismus und den Sozialismus, die ein Gegensatzpaar darstellen. Und jetzt sehen wir uns etwa an, wie in diesen Traditionen über das Stehlen geurteilt wird: Ein Liberaler betrachtet einen Sozialisten als Dieb, weil er sich im Namen der „Gesellschaft“ und mit Hilfe der Staatsgewalt am privaten Eigentum vergreift. Ein Sozialist betrachtet einen Liberalen als Dieb, weil er sich überhaupt um privates Eigentum bemüht, das ja der „Gesellschaft“ gehört. Und wer ist jetzt wirklich der Dieb?

Allein an diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass es kaum Sinn macht, etwas pauschal als „ethisch“ zu bezeichnen. Man wird sich also entscheiden müssen, was ethisch ist. Das erfordert Persönlichkeit.