Über das Joch der Bürokratie

Alles, was man unter bürokratischer Führung lernen kann, ist,
gelehrig, unterwürfig und gehorsam zu sein. Wer dem Menschen
die Selbststeuerung entzieht, entzieht ihm die Lebensgrundlage.

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 15. April 2009

Ganz egal, ob es sich um Ärzte, Unternehmer, Landwirte oder Lehrer handelt, so gut wie alle Menschen, die heute Verantwortung für andere übernehmen wollen, klagen über die Menge an Vorschriften, die man ihnen bei der Arbeit macht: Aufgrund immer neuer Regulierungen und wachsender bürokratischer Verpflichtungen werde man mit sinnlosen Tätigkeiten derart zugeschüttet, dass für den Kernbereich der Arbeit immer weniger Kraft und Zeit verbleibe.

Die Folge sei, dass sich die Qualität der Arbeit wie die des eigenen Lebens vermindere, der Stress und die Angst anwachse, die Freude schwinde und das Vertrauen verlorengehe. Einem blinden Gesetzgeber habe man dies alles zu verdanken, dem man weitgehend ausgeliefert sei, einer blinden Obrigkeit, die man im Grunde nicht gewählt habe und von der man auch nicht wisse, auf welche Weise man sie abwählen könne.

Was die Menschen – und vor allem die Besten und Hervorragendsten – heute beunruhigt, ist eine Bürokratie, die sich im Auftrag des öffentlichen Rechts in alle Bereiche des menschlichen Lebens wie der menschlichen Betätigungen schleicht. Was die Menschen beängstigt, ist eine staatliche Kontrolle, die jede Eigeninitiative zum Verlöschen bringen will. Was die Menschen bedrückt, ist letztlich der Gestank einer heraufdämmernden Diktatur.

Was von seiten der Machthaber dahintersteckt, ist eine große Illusion, nämlich die neurotische und faschistische Vorstellung, dass ein gutes Leben gleichsam industriell produziert werden kann, dass es für die Sicherheit und Wohlfahrt aller erst dann zum Besten steht, wenn aus jeder Dienstleistung und jedem Produkt alles Subjektiv-Menschliche entfernt worden ist und alle Abläufe des Arbeitslebens bis ins Detail reguliert und von Normen durchzogen sind.

Und wo bleiben die Intellektuellen und Künstler, um dies alles öffentlich zu kritisieren? Sind sie wirklich schon so satt geworden, dass ihnen das Subventionsfett über die Augen läuft? Haben sie ihre Instinkte verloren? Wie ist es denn möglich, sich stillschweigend mit bürokratischen Organisationen zu solidarisieren, deren geistiger Horizont bloß eine Hierarchie mit ihren Regeln und Vorschriften ist?

Aber was, wenn es der Gesetzgeber bloß gut mit uns meint? Vielleicht ist seine rastlose Tätigkeit bloß ein Akt der liebevollen Fürsorge, die unseren Respekt verdient?

Niemals! Bürokratien, die sich voll entfaltet haben und souverän geworden sind, verstehen sich bestens darauf, so gut wie jeden Einzelnen zu fassen, gnadenlos zu domestizieren und seine Entfaltungsräume bis zur dauerhaften Hospitalisierung einzuengen. An die Stelle der Selbstverantwortung tritt eine Kultur der schleichenden Entmutigung, die fast jede autonome Regung zum Verstummen bringt. Alles, was ein junger Mensch dann lernen kann, ist gelehrig, unterwürfig und gehorsam zu sein. Wer dem Menschen die Selbststeuerung entzieht, entzieht ihm die Lebensgrundlage.

Jede Bürokratisierung führt letztlich notwendig zur Erstarrung. Im gesellschaftlichen Leben führen Starrheit und Versteinerung jedoch zum Tod. Das bürokratische Ideal ist der Friedhof: Dort ist alles reguliert. Niemand rührt sich, niemand muckt auf. Nichts entzieht sich dem Zugriff. Alles bleibt so, wie es ist.

Zweifellos: Der Zwang ist ein Übel. Doch es gibt keinen Zwang unter Zwang zu leben!